Fahrradfahren / Verkehrspolitik und Stadtplanung
Radfahren im Dorf fördern- aber wie?
ich wohne in einem Dorf mit ca. 5000 Einwohnern. Wir haben einen zentral gelegenen Supermarkt sowie mehrere kleine Geschäfte und Bäckereien. Zudem gibt es eine Grundschule für die ortsansässigen Kinder, die gut zu erreichen ist.
Eigentlich ist soweit alles ganz in Ordnung, wäre nicht der übertriebene und unnötige Autoverkehr im Ort.
Wie anderswo fahren auch bei uns viele Leute für kleine Erledigungen innerorts mit dem Auto, die Fussgänger oder Radfahrer sind stark in der Unterzahl. Während vor 20 Jahren zu meiner aktiven Schulzeit die meisten Schulkinder mit dem Fahrrad gefahren (oder zu Fuß gegangen) sind, verwaist ein großer Fahrradständer an der Schule und wird nur noch von einer Handvoll Kindern genutzt. Stattdessen verstopfen morgens und mittags viele Eltern mit ihren Autos die Straßen rund um die Schule.
Sicherlich schildere ich Euch hier keine neue und unerwartete Zustände. Ich versuche seit einiger Zeit in meinem Umfeld Freunde und Bekannte fürs innerörtliche Fahrradfahren zu motivieren, einige lassen ihr Auto nun auch öfters stehen.
Ich freue mich über jeden zusätzlichen Radfahrer auf unseren Straßen, will mich aber nicht kampflos mit der Situation zufrieden geben. Mir schwebt eine Art Aktionstag in Verbindung mit Vereinen, Geschäften und Schule vor, um kräftig für das Radfahren zu werben. Leider fehlen mir noch wirklich brauchbare und zündende Ideen, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Daher meine Frage an Euch: wer hat hierzu gute Ideen oder gar schon mal an einer solchen Aktion teilgenommen? Gibt es hierzu vielleicht schon Konzepte, die sich mit dem Thema befassen?
Danke für Eure Hilfe.
Setze dich doch mal mit dem Adfc Saar in Verbindung. Der Verein hat sein Büro in Saarbrücken, Haus der Umwelt, evang..Kirchstr.8, 66111 Saarbrücken
http://www.adfc-saar.de/joomla/
grüne Grüße Gabi
Ich könnte dir sagen, wie es vielleicht in einem Dorf in Bayern funktioniert: Vorausgesetzt dein Vorhaben ist mit den Zuständigen im Stadtradt usw. abgesichtert, dann müsstest du zuerst mal bei den Vereinen um Mithilfe werben, dann wärst du auf der sicheren Seite. Vielleicht auch als "Zuckerl" für eine Art Strassenfest, mit den üblichen Angeboten wie Bier und gutem Essen usw...Brot und Spiele-mäßig...
Dort dann Info-Stände aufbauen und werben. Jetzt wo es an den Geldbeutel geht, und Benzin immer teuerer wird, hast ja evtl. gute Karten.
Ältere wirst du schwerlich schnell überzeugen können, das geht eher bei den Kindern, da in die Schulen gehen, mit den Schulleitern reden und Aktionen mit den Kindern entwerfen.
Noch eine Idee: Eine Fahrradreparatur-Werkstatt (auch für Kinder) anbieten. Da kann man vor allem Jungs begeistern.
Oder Fahrradausflüge mit Kindern anbieten, die jeweils mit einer Art Schnitzeljagt den Kindern schmackhaft gemacht wird. Das finden übrigens auch Erwachsene gut!
Wenn du möchtest, dann kann ich zur Gestaltung von Schnitzeljagten gern ein paar Ideen beisteuern...
laprasscaff@gmx.de
Hi Pia,
die Ideen für ein bayrisches Dorf sind super.
Nur ein Einwand:
Bei uns im bayr.-schwäbischen Dorf sehe ich vor allem die älteren Bewohner auf dem Fahrrad...
Ich glaube das liegt daran, daß gerade viele ältere Frauen gar keinen Führerschein haben.
In unserem 2000-Einwohner-Dorf gibt es außer Bäcke rund Metzger keine Einkaufsmöglichkeiten.
Die sind richtig drauf angewiesen aufs Radl.
Es geht also tatsächlich eher darum, die jüngeren ins Boot zu holen, die ein Mofa noch wesentlich cooler finden.
Gruß, Regina
<div>Das Fahrradportal ( http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/ ) dürfte für dein Vorhaben auch eine gute Ideenquelle sein - der Newsletter lohnt sich jedenfalls!
In der Rubrik "Praxisbeispiele" gibt es einen Bericht über ein Projekt aus vier Main-Anrainer-Gemeinden ( http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/praxisbeispiele/anzeige.phtml?id=2177 ), von dem sich vielleicht einiges auf deinen Wohnort übertragen lässt. Wenn es dir gelingt, ein paar Lokalpolitiker von der Idee zu überzeugen und die Sache dann etwas größer anzugehen (mit öffentlichen Fördergeldern etc.), dann kommt eine Bewegung auf, der sich kaum einer der lokalen Honoratioren entziehen mag - schließlich wird man ja mal in Gegenwart der Lokalpresse irgendetwas feierlich einweihen können. Da mag niemand zurückstehen...</div>
Oh, das kenne ich nur zu gut. Manchmal kommt es mir vor, als wären die Menschen "auf dem Land" mit dem Hintern am Auto festgewachsen. Wenn ich morgens an der Bushaltestelle stehe und auf den Bus warte, sehe ich sie immer, wie sie mit ihren Autos zum Bäcker Brötchen holen fahren. Oder wenn die A-Jugend Fussballtraining auf dem Sportplatz (etwas abseits des Dorfes) hat, kann man beobachten, wie ein SUV nach dem anderen die Kinder zum Sport fährt. Wenn ich sowas sehe, könnte ich kotzen, wir sind früher mit dem Fahrrad zum Sport gefahren oder gelaufen. Was ist da heute nur los? Genauso ist es bei Dorffesten, da fahren sie nachher sogar noch alkoholisiert die 0,5 bis 1 km nach Hause.
Ich denke zum einen liegt das daran, dass die Menschen es nicht anders gewöhnt sind, immerhin ist man "auf dem Land" meist aufs Auto angewiesen, weil der ÖPNV so schlecht ist, zum anderen liegt das m.E. aber auch an schnöder Faulheit der Menschen. Ab 30 werden sie immer fetter, wundern sich und fahren mit dem Auto zum Spazierengehen, um Abzunehmen. Das ist so krank, finde ich!
Eine Aktion würde mir einfallen: sehr geeignet bei Volks- und Dorffesten, also wenn viele Autos zusammenstehen und man anhand der Nummernschilder gut erkennen kann, ob sie von nah oder fern kommen. Einfach einen Flyer zum Thema Kurzstreckenfahrten an die Windschutzscheibe heften (im Internet zu finden und zum teil auch kostenlos zu bestellen bei BMU, UBA und Co.). Wer weiß, ob es viel bringt, aber wenigstens hat man die Leute mal mit konfrontiert.
Wenn eine größere Stadt in (Fahrrad-)Reichweite ist, könnt ihr vielleicht das Konzept der RADtour'XX des ADFC Braunschweig anwenden, die in diesem Jahr erstmalig auch einen größeren Abstecher ins Umland von Braunschweig anbietet: In diesem Jahr findet sie am Sonntag, 9. September 2012 statt und wird voraussichtlich wieder über 1.500 Teilnehmer anziehen. Zwischen 10 und 18 Uhr kann jedermann (und jedefrau) an beliebiger Stelle und ohne vorherige Anmeldung in den gut ausgeschilderten Rundkurs einsteigen und ihn nach Belieben auch wieder verlassen. In Abständen von wenigen Kilometern sind Stempelstationen eingerichtet, wo es außer dem Etappenstempel auch die verschiedensten Infos rings ums Fahrrad und natürlich auch Speisen und Getränke gibt. Die Tour ist immer eine gute Gelegenheit, neue Schleichwege abseits des Autoverkehrs kennenzulernen: http://www.adfc-braunschweig.de/aktionen/radtour.html .
Mit einem solchen Angebot bringt man Leute wieder in den Fahrradsattel, die jahrelang nur das Auto benutzt haben. Das ist immerhin ein Anfang und mancheiner entdeckt so das Fahrrad neu. Bei euch wäre wohl Saarlouis die nächste größere Stadt? Genügend aktive ADFCler sollte es dort doch auch geben, denn man braucht schon etliche Aktive für eine solche Aktion. Aber ein Rundkurs Saarlouis - Buprich - Lebach - Saarlouis wäre vermutlich mit ein paar Höhenmetern verbunden und damit sicher viel anspruchsvoller als hier bei uns im flachen Norden, wo man (zumindest zu Kutschenzeiten) schon morgens sehen konnte, welcher Besuch mittags zu erwarten war.
Hallo
ich kann deinen Plan nur unterstützen - genau diese Situationen kenne ich auch.
Beim Thema Kinder in die Schule solltest du nach den Gründen fragen: Wenn um die Schule sehr viel Autoverkehr ist, haben die Eltern möglicherweise einfach Angst um die Sicherheit der Kinder - und fahren sie mit dem Auto. Ein Teufelskreis. Vielleicht könnte die Gemeinde die Straße verkehrrsicherer machen, gibt es da Möglichkeiten?
Die Vereine (zB Sportvereine) mit ins Boot zu holen ist eine tolle Idee. Auch die Schule vielleicht.
Ich fände ein Fahrradstraßenfest gut, mit Geschicklichkeitsparcours und Essensständen auf gesperrter Straße, vielleicht direkt vor der Schule. Das öffnet die Straße emotional für Räder.
Dort könnte man auch eine kostenlose Radinspektion anbieten - Verkehrssicherheitscheck. Vielleicht sponsort Euch ja ein Radladen aus einer näheren Stadt? Für Erwachsene könnte man dann E-Bikes zum Testen anbieten (das interessiert doch die meisten, auch nicht-Radler mal, wie sich das anfühlt), oder Liegeräder.
Dazu Infoflyer:
Kosten von Kurzstreckenfahrten transparent machen (man kann hier ja nicht den normalen Verbrauch je 100km nutzen
Aber auch Bewegung als wichtiger Teil der Gesundheit darstellen: ob groß, ob klein, der menschliche Körper wurde für viel mehr Bewegung gemacht als er mittlerweile bekommt. Und das führt zu allerlei Ungemach.
Dann vielleicht eine Aktion mit der Schule: Kinder sollen direkt zum Radfahren in die Schule animiert werden - wenn Kind radfahren möchte, weigert es sich von den Eltern kutschiert zu werden. An die Selbständigkeit der Kinder appellieren.
Z.B. mit einer Projektaktion: Jede gefahrene Strecke wird über zB einen Monat morgens bei Unterrichtsstart aufgeschrieben - am Ende des Sommers wird zusammegezählt und ein Sponsor (wer?) spendet einen davon abhängigen Betrag für .. das Schulfest (oder Klassenfest) oder für ein tolles Umweltprojekt etc. Etwas, das die Kinder begeistert. Hier brauchst du einen Draht zur Schule - vielleicht gibt es Lehrer, die selbst Rad fahren, die wären vielleicht erste Ansprechpartner. Und: ältere Kinder sind immer ein Vorbild für jüngere - kriegt man die Viertklässer, hat man auch die dritt, zweit und erstklässer.
Ich wünsch Euch viel Erfolg, schreib doch mal, was draus geworden ist!
Vielen Dank für Euer Feedback. Ich werde bei nächster Gelegenheit mit Vertretern von Vereinen und Schule sprechen- da lässt sich mit Sicherheit was machen.
@Velotopist: danke für Deinen Streckenvorschlag. Tatsächlich gibt es seit Kurzem auch entsprechende Fahrradwege ("Schmelzer Runde", "Lebacher Runde" oder "Saarlouiser Runde"). Diese sind gut markiert und lassen sich gut befahren. Vor allem Dingen locken viele neue Ausblicke, die man vorher nicht kannte.
Leider war ich bis jetzt auf meinen Radtouren häufig alleine dort unterwegs (was sich hoffentlich bald ändern wird :-)
Alla hopp, nochmals danke für die Unterstützung. Ich halte Euch informiert.
Die TU Berlin forscht genau zu diesem Thema und hat ein Handbuch "Umwelt- und familienfreundliche Mobilität im ländlichen Raum" herausgegeben: http://www.verkehrsplanung.tu-berlin.de/ufm-handbuch.pdf

