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Expedition in wachsende Wälder - Die Friedensmacher

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lukita schrieb am 23.04.2012 um 14:33
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Ein Vorwort von Petra Gerster zu dem Buch "Die Friedensmacher"

ein baum, der fällt, macht mehr krach als ein wald, der wächst.
tibetisches sprichwort

Sieben Tote bei einem Selbstmordattentat in Tel Aviv. Flutkatastrophe in Südostasien. Blutiges Attentat in Bagdad. Verhungernde Kinder im Sudan. Abends, wenn ich im Studio sitze und die Bilder von den Brandherden der Welt ankündige, kommt mir immer wieder der gleiche Gedanke: Welch ein Übermaß an Krieg, Gewalt und Tod! Die Nachrichten sind voll davon. Und als wäre der Blutzoll nicht hoch genug, geht es im restlichen Programm weiter: In den Krimis des deutschen Fernsehens sterben jedes Jahr 25.000 Menschen. Woher rührt diese Faszination des Fatalen, bei den Journalisten ebenso wie bei den Zuschauern? Wie kommt es, dass sich die Reporter um die fallenden Bäume scharen und die wachsenden Wälder links liegen lassen? Jedenfalls ist das kein Phänomen des Zeitgeistes, wie oft vermutet wird. Schon Erich Kästner dichtete: „Und immer wieder schickt ihr mir Briefe/ in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt: / Herr Kästner, wo bleibt das Positive? / Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.“

Die Klage über die schlechten Nachrichten ist uralt und als Journalistenschelte beliebt. Dabei gab es schon sehr abschreckende Beispiele, wie das aussehen konnte, wenn Medien täglich nur Positives melden. „Wieder 150 Flugzeuge sicher gelandet +++ Ernte erfolgreich eingefahren +++ Plansoll bei Kühlschränken erfüllt.“ Zu DDR-Zeiten waren die staatlichen Medien zu täglichen Schönwetter-Berichten verpflichtet. Propaganda ist ganz sicher keine Antwort auf die Frage nach dem Positiven.

„Und wie lange haben wir schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es keine Neuigkeiten gibt“, schreibt Lessing in „Minna von Barnhelm“. Schlagzeilen, die Problematisches und Verstörendes verkünden, rütteln auf und bewegen uns, sie provozieren Reaktionen. Bad News sind am ehesten Nachrichten zum „Sich-danach-Richten“. Beim Fernsehen, wo alles mit den verfügbaren Bildern steht und fällt, bekommen Kriege, Krisen und Katastrophen die besten Sendeplätze, denn sie liefern spektakuläre Bilder. Ganz anders die bekannten Rituale von Friedenskonferenzen: Schwarze Limousinen fahren vor, denen Männer in grauen Anzügen entsteigen, um sich an immer gleichen Konferenztischen gegenüberzusitzen. Seien wir ehrlich: Spannend ist das nicht. Und trügerisch dazu. Wie oft habe ich schon einen Bericht anmoderiert mit den Worten: „Jerusalem. Neue Hoffnung im Nahen Osten. Israelische und palästinensische Vertreter trafen sich“ – und dann wurde wieder nichts aus dem Frieden im Heiligen Land.

Die Hoffnung, die angeblich zuletzt stirbt, erleidet in den Medien täglich tausend Tode. Gegen das Wechselbad aus aufflackernder Zuversicht und kalter Enttäuschung härten sich Journalisten und Zuschauer mit einer Mischung aus Desinteresse und „Das-bringt-doch-eh-nichts“ ab. Doch gerade dieser Panzer ist ein überdeutlicher Hinweis darauf, wie tief und stark die Sehnsucht nach Frieden in jedem von uns steckt. In fast jedem jedenfalls.

Dieser Wunsch meint mehr als die Abwesenheit von Krieg, mehr als Friedhofsruhe: Er brennt auf einen lebendigen, farbigen, freudigen Frieden. Wir müssen lernen, geduldiger zu sein. Bäume fallen blitzschnell, Wälder wachsen über Generationen. Frieden machen ist ein langwieriger, komplizierter Vorgang. Das vergessen wir deshalb leicht, weil die Gemengelage von Krieg und Frieden in früheren Zeiten relativ übersichtlich aussah: Staatsmänner oder Generäle erklärten einander den Krieg, dann setzten sie ihre Armeen in Bewegung, die sich eine gewisse Zeit lang Schlachten lieferten, bis wiederum Staatsmänner oder Generäle den Frieden erklärten und das mit einem Vertrag besiegelten, der meist auch bindend war. Eliten beschlossen, Untertanen führten aus. Klare Verhältnisse.

Doch seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Geschehen grundsätzlich gewandelt. Seitdem geht die Anzahl der Kriege, die zwischen zwei Staaten geführt werden, gegen null; der Krieg der USA gegen den Irak gehört zu den wenigen Ausnahmen. Vielmehr brechen bewaffnete Konflikte heutzutage innerhalb der Staaten aus. Ihre wirtschaftlichen, ethnischen, politischen und kulturellen Gründe sind häufig schwer durchschaubar. Die Fronten verlaufen in merkwürdigen Linien, innerhalb der gegnerischen Parteien rivalisieren Splittergruppen und Warlords. Und vor allem lassen sich die so genannten Neuen Kriege in den seltensten Fällen mit ein paar Unterschriften unter einen Vertrag beenden.

Damit aus einem Waffenstillstand dauerhafte Stabilität und Eintracht entstehen, müssen sich ganze Gesellschaften wandeln. Sie müssen einen neuen Konsens finden, wie sie in Zukunft zusammenleben und ihre Konflikte gewaltfrei losen wollen. Frieden wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht länger von Politikern und Generälen allein geschlossen, sondern wird immer mehr zur Aufgabe der Bürger selbst. Er entspringt aus der Mitte der Gesellschaft. Ärztinnen, Künstler, Gewerkschafterinnen, Priester, Sportlerinnen, Entwicklungshelfer und Geschäftsfrauen treiben ihn voran: Sie sind die neuen Friedensmacher.

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Peace Counts heißt das Projekt, zu dem sich Ende 2002 Autorinnen, Autoren und Fotografen zusammengeschlossen haben. Sie brachen auf zu einer weltweiten Expedition, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Die Reporter legten einige Zehntausend Kilometer zurück, reisten in mehr als 25 Konfliktregionen wie Afghanistan und Bosnien, Kurdistan und Mazedonien, Nordirland und Sri Lanka, Sudan und Zypern, um einer einfachen, aber selten gestellten Frage nachzugehen: Wie macht man eigentlich Frieden?

[...]

Weiterlesen: http://bilder.buecher.de/zusatz/14/14174/14174627_lese_1.pdf

Die Friedensmacher
Petra Gerster, Michael Gleich
ISBN 3-446-40312-4

Die Reportagen von Peace Counts online
http://www.aja-online.org/de/peace-counts/reportagen/

brandeins: Frieden ist... Ein Prozess. Eine Grundbedingung. Neu. Aufregend. Und viel Arbeit. http://www.brandeins.de/magazin/harmonie-verbloedet/frieden-ist.html
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