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kritische masse

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dietmar
schrieb am 07.01.2008 um 13:32

echte veränderung über die kritische masse.
- wie lange dauert es, eine entsprechende masse zu mobilisieren?
- welches thema könnte man am effektivsten angehen?
- wie gestaltet sich der umsetzungsprozess?

Utopia als Versuchsfeld, wo sonst?

wer hat lust zu diskutieren?

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    karinfri
    schrieb am 07.01.2008 um 17:25

    Es gibt so eine schöne Theorie des Diffusionsprozesses des Öko-Lebensmittelmarktes nach Wüstenhagen. Es geht kurz gesagt darum, dass ein kleiner Teil engagierter, altruistisch denkender Anbieter sogenannte "Davids" den Markteinstieg wagen (auf der Nachfrageseite gibt`s die genauso). Je größer und damit interessanter der Markt wird, desto mehr Anbieter ("Goliaths") und Nachfrager springen auf den Zug auf. Interessant ist, dass auf dem Weg vom Nischenmarkt zum Massenmarkt immer mehr Anbieter als auch Käufergruppen dazukommen, deren Motive einen egoistischeren Charakter aufweisen.

    Am Beispiel von Bio-Lebensmitteln kann man das schön sehen: waren anfangs die überzeugten Ökos (mit altruistischen Kaufmotiven) im Bioladen zu sehen, so sind die Biokäufer heute sehr viel weniger idiologisch geprägt und eher den gesundheitsbewussten oder qualitätsorientierten (egoistische Kaufmotive) Käufern zuzuordnen. Auf der Angebotsseite ist der Markt gekennzeichnet von größeren Einheiten (Entstehen von Biosupermärkten und dem Einstieg der großen Handelsketten).

    Die gestellt Frage ist deshalb interessant, weil bisher noch nicht abzusehen ist, ob die Öko-Kurve im Falle von Lebensmitteln weiter ansteigt oder sich der Trend irgendwann umkehrt. Auf der einen Seite ist sicherlich eine kritische Masse erforderlich, die eine Marktentwicklung (ich denke hier an effiziente Logistik, Infrastruktur) überhaupt erst möglich machen kann. Allerdings besteht damit auf der anderen Seite auch die Gefahr, dass der ehemals altruistische Ansatz (bspw. der Umweltgedanke)vollkommen auf der Strecke bleibt. Um wieder das Lebensmittelthema zu bedienen: wenn es plötzlich Convenience-Produkte und Äpfel aus Chile im Bioladen gibt, dann ist der ursprüngliche Bio-Gedanke ad absurdum geführt, weil das Umweltschutzprinzip ausgehöhlt wird. Ich bin deshalb etwas zwiespältig, ob ich den derzeitigen Bio-Boom gut heißen soll.

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    lacarpe
    schrieb am 08.01.2008 um 14:04

    Liebe Karin,

    deinen Beitrag finde ich sehr interessant, denn auch ich ärgere mich darüber, dass der Biomarkt seinen idealistischen Charme verliert. Aber so ist das nun mal, wenn etwas massenkompatibel wird. Man kann sich vielleicht damit trösten, dass immerhin etwas mehr als gar nichts gewonnen ist.

    Interessant ist für mich die Frage, wie denn die Ökokonsumenten der Pionierzeit darauf reagieren werden. Bleiben sie ihren hohen Ansprüchen treu? Dann wird es auch weiterhin den entsprechenden unverbogenen Ökomarkt dazu geben. Den EU-Biosiegel-Massenmarkt kann man dann als parallelen Sektor auffassen, der immerhin ein bisschen mehr als gar nichts bringt. Oder steigen die ehemaligen Vollökos auch auf die verwässernde EU-Biosiegel-Kultur um, vielleicht nach dem Motto "endlich kann auch ich mal nach all den Jahren billiger Bio kaufen"? Das allerdings wäre dann ein Rückschritt.

    Wichtig ist, denke ich, dass Bioland, Demeter und Co ihren bisherigen Grundsätzen treu bleiben und es schaffen, sich von der EU-Biosiegel-Mentalität sichtbar und glaubwürdig abzugrenzen. Für den wenig informierten Verbraucher wird es allerdings schwieriger biomäßig bei der Stange zu bleiben, denn nun muss er nicht mehr nur schwarz von weiß (bio versus konventionell), sondern auch noch weiß und grau (idealistische Biolandwirtschaft - verwässerte Bioindustrie) unterscheiden. Ich befürchte es wird deshalb einige Umkipper in Richtung "wieder konventionell kaufen" geben. Wenn dann noch die ersten großen Bioskandale hinzukommen...

    Hoffen wir, ich habe mit Letzterem unrecht. Hatte nicht David über Goliath gesiegt? ;)

    Jens

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    karinfri
    schrieb am 08.01.2008 um 17:52

    Hallo Jens,

    du hast recht, auch ich bin hin und hergerissen, ob ich die akt. Entwicklung am Bio-Lebensmittelmarkt noch gut heißen soll. Klar, eine kritische Masse muss mitmachen, aber sind wir in meinem Beispielfall nicht schon drüber raus? Immerhin ist die Ökobilanz eines Apfels aus Chile - mit oder ohne Bio-Siegel - im Vergleich zu einem regionalen Apfel katastrophal. Und die Entwicklung geht aufgrund der enorm gestiegenen Nachfrage (u.a. wg. den Bio-Angeboten in konv. Supermärkten und Discountern) zu billigen Bio-Importen mit EU-Biosiegel. U.a. aber auch deshalb weil das deutsche Angebot an Bio-Produkten aufgrund der weggefallenen Bio-Subventionen die Nachfrage nicht mehr decken kann. Inzwischen scheint es auf der Angebotsseite doch wohl eher auf einen Kampf der Giganten (große Supermarktketten, Discounter...) statt auf einen Kampf zwischen David und Goliath hinaus zu laufen. Aber ich will hier nicht schwarz malen, vielleicht setzt sich ja die Vernunft durch? Wie könnte Utopia dazu beitragen? Erfreulicherweise habe ich bspw. im Produktguide noch kein Lidl- oder Aldi-Bio-Produkt entdeckt...
    Des Weiteren hast du den Punkt des Zwei-Klassen-Bio angesprochen. Das scheint mir ebenfalls keine gute Entwicklung zu sein. Es kann ja nicht sein, dass das Verbands-Bio nur von trendorientierten, gut situierten Menschen konsumiert werden kann. Ergo, wir stecken in einem Dilemma: günstige Bioprodukte über den konventionellen Einzelhandel, das unterm Strich gar nicht umweltschonender ist das ein oder andere konventionelle Produkt, versus nachhaltiges "Elite-Bio" aus dem kleinen Bioladen oder Biosupermarkt.

    mit nachhaltigen Grüßen

    Karin

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    lacarpe
    schrieb am 08.01.2008 um 19:54

    Es kann ja nicht sein, dass das Verbands-Bio nur von trendorientierten, gut situierten Menschen konsumiert werden kann. Ergo, wir stecken in einem Dilemma: günstige Bioprodukte über den konventionellen Einzelhandel, das unterm Strich gar nicht umweltschonender ist das ein oder andere konventionelle Produkt, versus nachhaltiges "Elite-Bio" aus dem kleinen Bioladen oder Biosupermarkt.

    Auch Verbands-Bio kann sich (fast) jeder leisten. Natürlich ist es teuerer, aber auch für geringer Verdienende nicht unbezahlbar. Wer sagt Bioware sei zu teuer, setzt seine Prioritäten falsch oder will sie gar nicht anders setzen. Wenn man sich so überlegt, was der Ottonormalverbraucher für Handytelefonierei und Süßigkeiten bereitwillig ausgibt, kann er sich auch Bio leisten. Letztlich leben Discounter davon, dass der durchschnittliche Verbraucher es nicht billig genug bekommen kann - das gilt auch für Discount-Bio. Möglicherweise kennen aber auch viele Bio-Erstkonsumenten die Unterschiede zwischen EU-Bio und Verbands-Bio nicht?

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    karinfri
    schrieb am 09.01.2008 um 09:43

    Jens, du hast recht, auch hochwertige Bio-Produkte sind nicht zuuuu teuer. Das wollte ich damit gar nicht sagen. Ich hab damit auch kein Problem, da ich immer saisonale Produkte kaufe, die relativ günstig sind, die Finger von Exoten und Fertigprodukten lasse und kein Fleisch esse. Ich fürchte nur, dies sieht die "Masse" der Verbraucher nicht so. Und hier geht`s ja um die kritische Masse.

    Wie ist das mit der kritischen Masse eigentlich bei anderen Produktkategorien, bspw. Kleidung oder Elektrogeräten? Hier kenn ich mich nicht so gut aus, denke aber, dass die David-Goliath-Theorie auch hier gelten könnte!? Ein egoistischer Nutzen ist ja auch bei diesen Produkten gegeben (chemiefreie Kleidungsstücke lösen keine Allergien aus und energiesparende Elektrogeräte senken die Stromkosten), so dass sich auch hier die Nachfrage von den altruistisch denkenden Verbrauchern auf die "Masse" (die gesundheitsbewusst in dem einen Fall und kostenbewusst in dem anderen denkt)ausbreiten müsste.
    Ein Problem sehe ich dagegen bei nachhaltigen Geldanlagen. In diesem Fall gibt es keinen egoistischen Nutzen. Nachhaltige Anlageprodukte mögen im Vergleich zu konventionellen Anlagen zwar das gleiche Risiko oder dieselben Renditechancen beinhalten, darüber hinaus tragen sie zu keiner egoistischen Nutzenstiftung bei, so dass hier der Markt wohl weiterhin von den überzeugten, altruistisch denkenden Anlegern bestimmt wird!? Wie seht ihr das?

    Grüße

    Karin

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    dietmar
    schrieb am 09.01.2008 um 16:54

    hallo,
    ich bin überzeugt, dass dieses thema von der industrie bereits besetzt ist und die weichen gestellt sind.

    könnten wir eine neue welle zum thema lebensmittel der zukunft starten?

    oder wir such ein anderes thema, welches sich gestallten lässt.

    gruss
    dietmar

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    Mumme
    schrieb am 10.01.2008 um 09:33

    Vielleicht ist das Problem mit den Bio-Äpfeln aus Chile auch zu kurz gedacht? Natürlich ist deren Öko-Bilanz - wenn sie hier verkauft werden - katastrophal, aber zumindest werden jetzt auch dort Bio-Produkte hergestellt und Bio ist dadurch auch in Südamerika kein Fremdwort mehr. Offensichtlich gibt es dadurch dort Plantagen die ihre Arbeiter nicht mehr mit Pestiziden vergiften (besseres Beispiel wären Bananen). Vielleicht spricht es sich ja dadurch auch dort rum, das Bio irgendwas mit der eigenen Gesundheit zu tun hat ... ja vielleicht ist es insgesamt betrachtet - gerade wenn man über kritische Massen spricht - eine ausgezeichnete Idee Bio-Äpfel aus Chile zu kaufen (zumindest im Moment).

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    karinfri
    schrieb am 10.01.2008 um 16:44

    Hallo Mumme,
    daran hab ich auch schon gedacht. Allerdings fürchte ich, dass sich die Bio-Äpfel, die in Chile angebaut werden, nicht für den lokalen Markt bestimmt sind und doch wieder "nur" unter die Cash-Crops fallen, also nur für den Export gedachte Devisenbringer sind, die die besten Flächen beanspruchen. So ist dies zumindest bei Soja in Südamerika.
    Was die Verbesserung der Arbeitsbedingungen betrifft: die Bio-Zertifizierung schließt dies nicht mit ein...

    Grüße

    Karin

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    Mumme
    schrieb am 14.01.2008 um 10:36

    Das meinte ich nicht. Es ist klar, dass die Bio-Produkte (genau wie die Nicht-Bio-Produkte) nicht für den einheimischen Markt sind.
    Was ich meinte, ist das die "Idee Bio" dort verbreitet wird. Das einfach bekannt wird 1) es gibt Leute in der Welt die Wert auf pestizidfreie und umweltschonende Nahrungsmittelproduktion legen und 2) es ist möglich Nahrungsmittel pestizidfrei und umweltschonend zu produzieren.
    Auf kleinen und mittelgrossen Bananenfarmen werden die Pestizide zumeist ohne Schutzkleidung per Hand aufgesprüht (Schutzkleidung ist einfach extrem unpraktisch im tropischen Klima), was Augen und Hautreizungen hervorruft. Wenn also jemand vor der Wahl stünde (konjuktiv!), auf einer konventionellen oder Bio-Farm zu arbeiten, was würde er wählen? Vielleicht ist das zu naiv gedacht, vielleicht auch nicht.

    Zumindest kommt dadurch vielleicht auch dort der Gedanke auf "so müsste mans eigentlich machen", auch wenn man's sich aktuell nicht leisten kann.

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    Burnie
    schrieb am 14.01.2008 um 12:07

    aus Südamerika:

    Bioanbau für die EU ist ja inzwischen auch in Südamerika verbreitet und bekannt. Wurde hier darggestellt und dazu..

    ein Freund lebt dort seit einigen Jahren in einer Gegend, wo auch viel der erwähnten Produkten angebaut werden, ist selbst auch ein Biolandwirt und er erzählte bei seinem letzten Besuch vom Alltag in seiner Nachbarschaft ....

    zB. dass die Natur radikal und rücksichtslos ausgebeutet wird, auch auf Biobetrieben und das Bewusstsein der Leute ausschlieslich am Geldbeutel hängt.

    Dass selbstverständlich auch Biobetriebe und alle anderen dort all ihren Müll natürlich im nächsten Graben verbrennen.... und alles heist alles, egal ob Sondermüll oder irgendetwas anders, was gerade weg soll..... z.B dass die Leute selbst ihr eigenes Brot in aufgeschnittenen Ölfässern backen, befeuert meist von alten Autoreifen und was halt so brennt ...
    und sich keiner darum kümmert, auch wenn es dort auch Gesetze gibt

    und andere derartige Geschichten, es gibt lokale Mafia, die nicht nur macht was sie will, sondern auch das Wesentliche kontrolliert, lokale Behörden besticht, ohne geht nichts und das einzige Argument ist einfach Geld.
    Gibts kein Geld, wird nichts unternommen, getan, so einfach ists sehr oft..
    und selbst dann, ist oft das Geld weg, und es geschieht immer noch nichts...
    gibts mehr Geld für etwas, wird so getan als ob, dass es auch für einen selbst mehr Geld gibt..
    recht einfache Logik, wenn auch nicht OK.

    Nur so als Info am Rand, denn viele im Land haben wirklich sehr wenig Vorstellung, wie woanders "gewirtschaftet wird", auch für EU - BIO.

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