Merke: heute leben mehr Menschen in absoluter Armut, als es vor 150 Jahren auf der Erde überhaupt gab. Fortschritt existiert nur als %-Anteil. In realen Zahlen verpufft er ins Nichts.
Gestern (10.10.2011) trat der Herr Wulff vor die Fernsehkameras und bat um Spenden für die Welthungerhilfe. Nobel, sollte man meinen. Denn die Welt ist ein ungleicher Ort und in Afrika ist - einmal mehr - eine unfassbare humanitäre Katastrophe im Gange. Und natürlich spendet man für hungernde Kinder. Was sich mir - und vermutlich nicht nur mir - aufdrängt, war dann aber mal wieder die Frage nach den Größenordnungen. Sagen wir Rekapitalisierung von Banken hier - und Nothilfe dort. Die Welthungerhilfe hatte im Jahren 2009 ein Gesamtspendenaufkommen von 32 Millionen Euro. Seit 1962 betrug das Gesamtbudget der Welthungerhilfe inklusive öffentlicher Zuwendungen gut 2 Milliarden Euro, mithin rund 41 Millionen Euro im Jahr. DAS IST EINE MENGE GELD! Natürlich kann man damit eine Menge Menschen in der Not retten, viele Kinder ernähren, zahllosen Menschen ihr Augenlicht wiedergeben. Die Welt retten kann man damit nicht - ebenso wenig die wirklichen Probleme lösen (Geld vermag dies ohnedies nur selten). Es gibt viele andere NGOs, aber selbst das Budget aller NGOs der Welt kombiniert verblasst im Vergleich zur steuerfinanzierten "Rekapitalisierung" einer einzigen Großbank. Aber anstatt die Krise als Chance zu begreifen, dieses durch und durch geistesgestörte und kranke Geldsystem umzubauen und den "Finanzsektor" drastisch in die Schranken zu verweisen, in die er als Dienstleister der REAL-Wirtschaft gehört, bleiben die politischen Torheiten alternativlos. Dummheit? Angst? Banaler Lobbyismus? Ab in den Käfig, ihr Narren! Was nämlich in Wirklichkeit passiert ist, daß wir auf ein Weltsyndrom unvorstellbaren Ausmaßes zusteuern. Ein Ausmaß, für das die Superlative erst noch erfunden werden müssen. Wenn man sich nur aus den öffentlichen Medien informiert, kann man das leicht ignorieren. Dort wird selten etwas über Rohstoffproblematik und Klimawandel berichtet, und wenn, dann zerhackstückelt in Sendungen, die nur von denen geschaut werden, die durch die Bank vermutlich besser informiert sind, als die zuständigen Redakteure. Was haben denn Finanzkrise und Klimawandel miteinander zu tun? Und was mit Energie und Wasser und Hunger? Na?
Das Weltsyndrom hat viele Facetten und Ebenen. Syndromgeschehen kennt man aus der Medizin - oder auch der Geographie. Es sind multifaktorielle systemische Zusammenbrüche. Das Aral-See Syndrom ist ein bekanntes Beispiel - weil es nicht ganz so multifaktoriell und noch relativ leicht zu verstehen ist. Syndromgeschehen sind geprägt von kritischen Belastungen und Grenzwerten hinter denen nette Begriffe wie positive und negative Rückkopplung, Resonanzkatastrophen, Sprünge und Vorzeichenwechsel lauern. Aber der freundliche Herr Wulf im Fernsehen redet nicht von globalen Perspektiven, vom Klimawandel, von den zahllosen drohenden Knappheiten. Er redet nicht über Zusammenhänge. Er redet auch nicht davon, daß es der Steuerzahler - der kleine Sparer - ist, der letztlich für die "Rekapitalisierung" der Banken aufkommt. Also der, dessen hart verdientes Lebenseinkommen am ehesten schützenswert sein sollte. Nein. Er wäscht seine Hände weiß und Grün mit Appellen an die Menschlichkeit.
Im aktuellen Newsletter der Schutzgemeinschaft für Bankkunden ist zu lesen:
07.10.2011
SfB-Bericht 41-2011
Du mußt verstehn!
Aus Eins mach`Zehn
Und Zwei laß gehn,
Und Drei mach`gleich,
So bist du reich.
Verlier`die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex`,
Mach`Sieben und Acht,
So ist`s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins,
Das ist das Hexen-Einmal-Eins.
[Faust I, Die Hexe]
"Es ist noch nicht lange her, dass wir vom erfolgreichen Stresstest der Banken erfuhren. Jetzt hören wir von einer „Rekapitalisierung“, die nunmehr für unsere Banken angebracht sei. Trichet sagt so, Weidmann so. Zu allem Überfluss korrigiert Professor Ackermann seine hochgesteckten Ziele.
Was ist richtig, was falsch? Die Betrachtungen „ausgewiesener Experten“ lesen sich oft so, wie das berühmte Hexen-Einmal-Eins aus dem Faust. Mephistopheles höchstselbst verrät den Trick:
„Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“
Tatsächlich werden viele Worte gesprochen, um das Denken zu verwirren. Oder um das Denken in die Irre zu leiten. Lassen Sie uns daher den Ratschlag von Kant befolgen, auch wenn es uns oft schwer gemacht wird:
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
-------------------
So - und jetzt mal ganz banal: Griechenland ist pleite, es kann seine Kredite nicht mehr bezahlen. Und was habe ich damit zu tun? Ich habe Griechenland kein Geld geliehen. Dummerweise aber der Staat über sein eigenes Bankensystem (KfW und Co). Aber Privatbanken... sie haben gefälligst für ihr eigenes Risiko zu haften. So wie wir anderen auch. Das Geld der unschuldigen Sparer sollte gerettet werden, aber die Banken und deren fassungslos überbezahlte Akteure würde ich mit aller Konsequenz in die Verantwortung nehmen. Sie haben dann ja ebenso wie wir alle ein Anrecht auf ALG I und II!
In Abwandlung eines bekannten Werbespruches:
"Arbeiten liegt in der Natur des Menschen - Banken rekapitalisieren nicht!"
Was wurde aus "Too big to fail is too big to exist"?


Kommentare (3)
Beitrag abonnieren
berniewa
schrieb am 10.10.2011 um 13:55 ¶[Die Formulierung hab ich nachträglich geändert, weil die erste zu unglücklich und zu missverständlich formuliert war]
berniewa
schrieb am 24.02.2012 um 19:11 ¶dass die ca 500 weltweit größten Konzerne / Finanzkonglomerate etc. sage und schreibe Kapital in einer Größenordnung besitzen, die ca. Zwei Dritteln des Welt-BSP (Bruttosozialproduktes) entspricht
Eine neue akute, und schon mindestens seit Monaten voraussehbare Hungersnot gibt es übrigens jetzt auch wieder: http://www.utopia.de/gruppen/politik-gesellschaft-93/diskussion/desertifikation-neue-hungersnot-im-200131
Kommentar schreiben
Bitte neu registrieren oder anmelden um einen Kommentar zu schreiben. Neu: auch über