Für den Menschen mag „aus den Augen, aus dem Sinn“ eine Methode sein, bei Verstand zu bleiben, aber die irdische Biosphäre vergisst nichts, denn Materie und Energie können zwar umgewandelt, nicht aber vernichtet werden. Was also einmal freigesetzt wurde, das wird man so leicht nicht mehr los.
Man stelle sich zum Beispiel hypothetisch vor, in den selbst angebauten Gartentomaten eines Hobbygärtners irgendwo in Westeuropa tauchen recht ungesunde radioaktive Isotope auf. Und es stellt sich z.B. heraus, diese stammen von den zahllosen Atomtests, die in den fünfziger Jahren auf den Marshall Inseln im Pazifik stattgefunden haben. Vielleicht auf Kwajalein. Oder auf dem Bikini Atoll. Dass dort Leben, Gesundheit und Wohlergehen von Menschen und übriger Natur im Namen von Fortschritt und US-amerikanischer nationaler Sicherheit mit Füßen getreten wurden, leuchtet jedem sofort ein. Aber wie kommt der nukleare Abfall von einer fernen Insel auf der anderen Seite der Erde möglicherweise in unser eigenes, mühsam nach allen Regeln der Kunst biologisch angebautes Gartengemüse?
Im Grunde ist die Antwort auf diese hypothetische Frage - wie viele andere Probleme auch - einfach zu verstehen, wenn man sie denn einmal gefunden hat. Eine nähere Untersuchung in dem Szenario könnte nämlich ergeben, dass der Gärtner seinen Tomaten etwas besonders Gutes tun wollte und sie mit einem hochwirksamem, natürlichen Stickstoff-Phosphor Dünger beglückte: Guano. Guano aber ist nichts anderes als Vogelkot, und häufig wird dieser auf südpazifischen Inseln abgebaut, wo es seit vielen Jahrtausenden gewaltige Vogelkolonien gibt.
An dieser Stelle braucht es nur noch ein wenig biologisches Grundwissen, und die Lösung des Problems liegt klar auf der Hand: Die radioaktiven Materialien aus den Atombombenexplosionen gelangen in Wasser und Luft. Sie werden zusammen mit anderen Stoffen von kleinen Algen, dem Phytoplankton, aufgenommen, das nebenbei bemerkt auch noch der wichtigste Sauerstoffproduzent der Erde ist. Die weitere Geschichte lässt sich schnell erahnen. Die winzigen Pflanzen werden gefressen von winzigen Tieren, die winzigen Tiere wiederum von etwas größeren, und die radioaktive Fracht ist immer mit dabei. Zwar ist das Nahrungsnetz des Meeres höchst kompliziert, aber das Grundprinzip ist einfach. Am Ende der marinen Nahrungskette stehen die großen Raubfische, die Meeressäuger – und eben die räuberischen Seevögel!
Erst in den sechziger Jahren gelang der Biologin Rachel Carson eine so fundamental wichtige wissenschaftliche Entdeckung, dass man diese als Sensation ansehen muss. Allerdings ist es nicht die Art von Sensation, die man sich wünschen würde, denn sie machte deutlich, dass der von Menschen angerichtete Schaden weitaus schlimmer ist, als man es sich bis dahin ausgemalt hatte. Heute ist es bereits allgemeines Wissensgut, dass Schadstoffe sich in Organismen anreichern. Die Konzentration von Schwermetallen in unseren Knochen (und dazu gehören nicht nur Blei und Cadmium, sondern auch z.B. Uran und Plutonium) nimmt im Laufe unseres Lebens ständig zu. Auch viele andere Stoffe, giftige und ungiftige, reichern sich in Organismen an – in Fett und Bindegewebe, in Muskeln oder im Nervensystem. Das nahe liegende Fachwort für diesen Vorgang ist Biokonzentration. Er ist grundsätzlich bereits lange bekannt. Um so verwunderlicher ist es, dass an dieser Stelle lange nicht weitergedacht wurde. Denn was in der Natur geschieht ist, dass entlang der Nahrungskette die Konzentration angereicherter Stoffe immer mehr zunimmt. Zum einen liegt dies daran, dass in der Regel die Konzentration in der aufgenommenen Nahrung – sprich in den gegessenen Lebewesen – auf einer höheren Stufe der Nahrungskette immer größer wird. Der zweite Grund ist der, dass Lebewesen am Ende der Nahrungskette zumeist eine sehr viel höhere Lebenserwartung haben und die Anreicherung über sehr viel längere Zeiträume stattfindet.
Ein typischer gefangener Thunfisch, wie er den meisten von uns nur als Dosenfleisch oder Pizzaauflage bekannt ist, kann ohne weiteres zwanzig Jahre alt sein – phantastische Wesen, die auf ihren Raubzügen in großen Schwärmen tausende von Kilometern offenen Ozeans durchwandern. Und wie bei allen anderen Raubfischen finden sich auch im Gewebe von Thunfischen mitten aus dem offenen Pazifik die chemischen Abfälle unserer Fabriken und Haushalte. Und dasselbe gilt natürlich für Raubmöwen, Albatrosse und andere Seevögel.

Die radioaktiven Elemente des Atomversuches in meinem Szenario tauchen also hoch konzentriert im Vogeldung wieder auf. Der wird dann im großen Stil abgebaut, zu Fest- oder Flüssigdünger verarbeitet, nach Europa verschifft und an unsere Tomaten verfüttert. Die so gedüngten Tomaten nehmen die unerwünschten Bestandteile mit auf, die dann in unserem gesunden Salat à la Nicoise landen und sich schließlich zum Sammelsurium der übrigen angereicherten Stoffe in unseren Körper gesellen.
So kommt es, dass bedingt durch die Globalisierung des Warenaustausches ein Mensch in Europa an der Spitze der marinen Nahrungskette des äquatorialen Pazifiks stehen kann.

(...)

Anfang des Jahres 2003 kam der Newsletter des britischen Wissenschaftsmagazins New Scientist ins Haus geschneit mit der Meldung:
„Seevögel verfrachten Radioaktivität ans Land. Der Kot von Seevögeln, so stand dort zu lesen, bringe radioaktive Isotope in die Nahrungskette ein. Ich war ein wenig verblüfft, denn das ist offensichtlich der Gedanke hinter meinem zuvor dargelegten zunächst rein hypothetischen Beispiel. Norwegische Forscher der staatlichen Behörde für Strahlenschutz in Tromsø entdeckten ein hohes Niveau radioaktiver Stoffe in Pflanzen arktischer Inseln. Hier finden sich riesige Brutkolonien unter anderem von Papageientauchern und Dreizehenmöwen. Der von diesen angehäufte Vogeldung – Guano eben – in der Umgebung des Kongsfjords ist z.B. um das zehnfache höher belastet, als die übrige Umwelt der untersuchten Svalbard Inseln (Spitzbergen), die fernab jeglicher Siedlung mitten im Nordmeer liegen. Zu den gefundenen radioaktiven Elementen gehört unter anderem Cäsium-137, das in der Natur nicht vorkommt und nur aus menschlichen Quellen wie Kernwaffenversuchen, Unfällen in Nuklearanlagen oder der Verklappung radioaktiven Mülls im Meer stammen kann. Die Konzentrationen in den Pflanzen liegen bereits weit höher als die des Vogelkotes, von dem sie sich ernähren.
Forschungsleiter Mark Dowdall sagte dazu „Das heißt, dass die niedrigen Niveaus nicht niedrig bleiben – sie werden konzentriert.“ Die Schlussfolgerung der Forscher ist dieselbe wie im oben beschriebenen Szenario. Seevögel fressen belastetete Fische und Schalentiere und erhöhen weiterhin die Konzentration der gefährlichen Substanzen, die sich letztlich in den Pflanzen sammeln. Im konkreten Fall besteht Sorge, dass dies auch anderswo in den arktischen Regionen geschehen ist und weiter geschieht und so über weidende Rentiere die gefährlichen radioaktiven Stoffe letztendlich in den Bratpfannen der menschlichen Bevölkerung landen, die gerade in der europäischen Arktis unter anderem bereits durch den Reaktorunfall von Tschernobyl und die Nukleartests auf Novaja Semlja ganz erheblich belastet ist. Die von Menschen verursachten Desaster verschwinden nach kurzer Zeit wieder aus den Medien, aber ihre Auswirkungen draußen in der realen Welt bleiben – und das zum Teil für alle Zeiten.


Bereits 1999 fand man in Tauben, die in Gebäuden der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield nisteten, eine Belastung mit dem gefährlichen Cäsium-137, die um das Vierzigfache über dem erlaubten EU Grenzwert lag. Dabei ist es interessant zu wissen, dass es so etwas wie sichere Grenzwerte für Radioaktivität prinzipiell nicht gibt. Die Gefährlichkeit eines radioaktiven Stoffes besteht schließlich in den möglichen zellverändernden Auswirkungen der Strahlung. Im Detail hängt dies davon ab, um welche Art von Strahler es sich handelt, mit welcher Energie das Material strahlt etc., aber grundsätzlich reicht eine winzige Menge aus, um eine Veränderung der Erbanlagen auszulösen, die zum harmlosen Tod einer einzelnen Zelle oder aber zu krebsartigen Veränderungen führen kann. Ob dies geschieht, ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Bei gewöhnlichen Giften ist die Wirkung nach üblicher Auffassung eine Frage der Dosis – man kann klare Aussagen darüber machen, bei welcher Menge eines Giftes, wie z.B. Alkohol, eine Wirkung eintritt. Bei Radioaktivität ist die Wirkung statistisch. Eine höhere Dosis erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung, aber auch bei einer minimalen Dosis, ja selbst, wenn man nur der natürlichen Umgebungsstrahlung ausgesetzt ist, ist sie niemals gleich Null. Grenzwerte für die Belastung mit Stoffen, die hochenergetische radioaktive Strahlung freisetzen, sind mithin Entscheidungen darüber, welches Risiko man bereit ist, in Kauf zu nehmen.


Sie oder ich sind an solchen und ähnlichen Entscheidungen allerdings in der Regel nicht beteiligt. Stattdessen wird ein Konsens gefunden, ein Kompromiss zwischen militärischen und kommerziellen Interessen auf der einen und den Gesundheitsinteressen der Menschen sowie der Erhaltung der Natur auf der anderen Seite.
Auch wenn die Grenzwerte und die tatsächliche Strahlenbelastung für jeden einzelnen von uns das Risiko einer Schädigung vergleichsweise gering erscheinen lassen, so sieht dies bei der Betrachtung der gesamten Bevölkerung ganz anders aus. Wenn im Schnitt durch ein bestimmtes Risiko nur einer von zehntausend Menschen eine gefährliche Krankheit bekommt, dann sieht dies reichlich harmlos aus: 1 zu 10.000 . Das ist fast eintausendsiebenhundert mal unwahrscheinlicher, als beim Würfeln eine Sechs zu bekommen. Kein Grund also, sich Sorgen zu machen. Auf Europa umgerechnet bedeutet dieses Risiko aber, dass bei ca. vierhundert Millionen Einwohnern vierzigtausend betroffen wären. Wie bei sehr großen und sehr kleinen Maßstäben fällt es uns Menschen auch bei Wahrscheinlichkeiten schwer, diese in unsere Erfahrungswelt einzuordnen. Rein logisch betrachtet müsste jemand, der ernsthaft damit rechnet, im Lotto zu gewinnen, ständig voller Furcht leben. Allerorts lauern unzählige Gefahren, die vieltausendfach wahrscheinlicher sind, als die erträumte Übereinstimmung der Ziehung mit den sechs angekreuzten Zahlen.

Komplizierte Risiken, die sich auf große Maßstäbe und lange Zeiträume beziehen, können durch die Entwicklung von Szenarien untersucht und veranschaulicht werden. Szenarien, die nicht eintreten, sind noch lange nicht falsch, denn es geht lediglich um die Verdeutlichung möglicher Vorgänge und Gefahren auf der Basis aktueller Kenntnisse. Erweist sich ein Szenario als unzutreffend, so kann dies ohne weiteres bedeuten, dass man lediglich unverschämtes Glück hatte und nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist.

Literatur: Coghlan, A.: Sea birds drop radioactivity on land, New Scientist News, 04. 01. 2003