Als ich ein Kind war, bestand ein großer Teil meiner Freizeit daraus, Bücher über ausgestorbene Tiere zu lesen. Von den bekannten Dinos, bis zu den weniger bekannten ersten Mehrzellern. Später in meiner Jugend kamen Fachbücher dazu, die großen Standardwerke des Paläontologiestudiums, ich las sie alle. Irgendwann spezialisierte ich mich auf die Dromornithidae, zu Deutsch Donnervögel. Das alles hatte den näheren Sinn, dass ich irgendwann in genau diese Richtung studieren wollte. Meine Biologienoten waren zwar nie sonderlich toll, aber dafür hatte ich ja alles Fachwissen bereits verinnerlicht und das musste ja wohl auch etwas zählen.
Dann beschäftigte ich mich mit Darwin. Ich beschäftigte mich mit Leben und Werk des Mannes, der über 20 Jahre seines Lebens darauf verwendet hatte, eine Theorie zu formulieren - und das blieb sie auch, eine Theorie die er nie vollständig untermauern konnte, die aber auch niemand je wirklich widerlegte. Und so ging Darwin als die einzig richtige Wahrheit in die Geschichte ein. Und irgendwann, sozusagen eines schönen Morgens dachte ich bei mir: Schaust du dir mal objektiv und unvoreingenommen eine der bisher heiß geliebten Dokumentationen an.
Die BBC verwendet ja seit Jahren Millionenbudgets, diese unterhaltsamen Dino&Co-Dokus zu drehen, in denen man entweder mit den großen Echsen unterwegs ist oder von einem aufgeregten Forscher zwischen ihnen herum geführt wird. Die Technik ist umwerfend, man glaubt, man schaue eine wirkliche Tierdokumentation. Dabei sollte man eines im Hinterkopf behalten: Es gibt viele Arten, von denen bisher nur ein einziger Schädel gefunden wurde, oder weniger. Diese Arten wurden von Paläontologen geschätzt und in etwa so nachgebaut, dass sie Sinn ergeben. Biologischen Sinn. Kann das konstruierte Tier laufen und fressen? Dann haben sie bei der Rekonstruktion alles richtig gemacht.
Nun betrachten wir das menschliche Skelett in Zusammenhang mit dem menschlichen Verhalten. Lassen wir mal den halben Teil weg, vielleicht die Arme und den Brustkorb. Und nun setzen wir es logisch zusammen und schlussfolgern daraus, wie der zugehörige Mensch sich lebendig wohl verhalten hat. Wir sehen: Wir haben keine Ahnung. Gut, anhand des Gebisses kann gesagt werden, er war Vegetarier wenn er es denn war. Finden wir nur dieses unvollständige Skelett, muss daher angenommen werden, der Mensch war Vegetarier. Und da er nicht jagen musste, kann er auch kurze Stummelärmchen gehabt haben. Oder gar keine - er war ja Vegetarier - und groß gewachsen, um an Früchte von Bäumen zu kommen. Man nimmt an, er hat sich nur zum Fressen auf die Hinterbeine gestellt.
So oder so ähnlich rekonstruieren Forscher sowohl Dinosaurier als auch Säugetierskelette. Selbst wenn das Skelett völlig vollständig vorhanden ist - und das ist es in nicht einmal 5% aller Funde - sagt es einfach so gar nichts über die Lebensweise. Darum wird mit lebenden Tieren verglichen. Ein Strauss ist jedoch kein Raptor und war es auch nie. Er ist noch weniger ein Donnervogel, denn die waren biologisch gesehen Gänse. Und eine Gans misst keine drei Meter und jagt große Säuger.
Letztlich beruht die Arbeit der Paläozoologen - so wie vieler anderer Wissenschaftler - also auf Glauben, Hoffen und Annehmen. Ich nehme an, dieser Vogel konnte 40 km/h schnell laufen denn sein Knochenbau würde es zulassen. Ich nehme an, Albertosaurus hat Brutpflege betrieben. Ich nehme an, Raptoren konnten kommunizieren und ich glaube, Tyrannosaurus Rex könnte doch eher Jäger als Aasfresser gewesen sein. Aasfresser. Jäger. Aasfresser. Vegetarier. Aasfresser. Ich kann mich nicht entscheiden aber irgendetwas muss in die Standardausgabe des Nachschlagewerks für dieses Jahr. Aasfresser mit Tendenz zum Vegetarismus, vielleicht auch Jäger.
Irgendwann kam also der Tag, an dem ich beschloss: Ich möchte nicht ein Leben lang mit Rätseln und Schätzen verbringen, das war der Tag als ich kein Paläozoologe mehr werden wollte.


Kommentare (2)
Beitrag abonnieren
Wird da nicht auch sehr viel gedeutet, interpretiert, hochgerechnet, einfach auch "gemeint".
Und doch ist das wahnsinnig aufregend. Obwohl wir uns sicher sein können, das was uns da beschrieben wird, nie wirklich real zu erleben.
Kommt da ein Astronom nicht auch irgendwann in seinem Leben zu dem Schluss, er möchte nicht weiter mit Rätseln und Schätzen verbringen.
Das Beispiel soll ja nur zeigen, dass das Kramen in der Vergangenheit wie in der Zukunft Teil unseres universellen Lebens ist, beides ist auf seine Art wichtig, die Vergangenheit wie die Zukunft (wobei ja das was wir vom Universum wahrnemen ja auch schon lange Vergangen heit ist). Ohne das alles wäre Gegenwart (hier und jetzt) vielleicht gar nicht mehr so interessant
Ein Beispiel aus der Paläontologie. Seit einigen wenigen Jahren hat man sich Gedanken gemacht, dass Dinosaurier Federn gehabt haben könnten. Nun ist diese Meinung für viele Arten als Fakt übernommen wurden - und nun denkt man darüber nach, die Federmuster in die Sachbücher aufzunehmen. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Niemand kann wirklich beweisen, dass die Arten Federn trugen und man will nun schon erklären, wozu die Federzeichnungen genutzt wurden! Das ist für mich Religion, keine Wissenschaft. Wasser auf dem Mars kann man nachweisen, wenn es denn welches gibt, aber irgendwo sind der Wissenschaft immer Grenzen gesetzt und diese sollte man nicht übertreten.