Zivilcourage in meiner S-Bahn - oder von Opfern und Tätern

erstellt am 04.11.2009 um 21:27
Die S-Bahn hält wegen eines Polizei-Einsatzes. Der Grund war ich. Oder vielleicht doch das Opfer, dem ich helfen wollte. Aber wer sich einmischt, weiß am Ende nicht mehr so, was richtig und falsch ist.
S-Bahn. Bahnsteig. München Marienplatz. Zwei Punks machen Spaß. Ich finde die lustig. Ein mächtiger, bestimmt doppelt so mächtig wie ich. Ein schmälerer ulkt herum. Schlägt mit seinem Kopf im Schein gegen die orangenen Kacheln der Säule. Lustig. Dann kippt er sein Bier auf Passanten. Na ja. Macht Mädels an, die lachen noch. Ok. Dann schlägt er mit seinem Kopf immer wieder gegen vorbeigehenden Passanten, einen erwischt er an der Schläfe. Der Getroffene schreit. Hinter der gepiercten Unterlippe, entlang des Drahtes am Mundwinkel kommt Protest. Die S-Bahn fährt ein. Ich steige ein, die beiden Punks folgen.
 
 
Bierflaschen in den Händen, die aus zerrupften Hemdärmeln ragen. "Vorkriegskinder" - aufgeähnt auf der Weste. Uniformierte Non-Uniformen. Ringsum Fahrgäste. Feierabend-Enge. Ein Schmächtling wird Opfer der verbalen Attacken von der Zweierbank gegenüber. Immer wieder. Zwei Stationen weiter leert es sich. Ruhig wechselt das Wortopfer auf eine Bank weiter, neben meiner, oh Mann. Zweifarbig lackierte Springerstiefel wechseln auch, das aufgesprayte Türkis und Grün sitzt wieder gegenüber, auch der Riese ohne Haare wechselt und lächelt zu den Witzen seines Freundes. Die Attacken gehen weiter und weiter. "Es reicht jetzt", meint der Angegriffene. Und sagt es wieder. Wieder. Variationen der Hilflosigkeit. Nichts passiert.
 
 
Wann?
 
 
Ich denke nicht nach, ich stehe auf und sage etwas lauter, dass der Herr doch gesagt habe, dass es jetzt reicht. Dass jetzt Schluss sein müsse. Dass das ganze Abteil bereit stehe, zu helfen.
 
 
Für einen Augenblick ist es still. Total. Ein Kolibri-Flügel-Schlag wäre sichtbar, so bleibt die Zeit stehen. Dann steht der Koloss auf und lässt sich auf den Platz neben mir fallen. Ragt auf meine Seite, schiebt seinen stammdicken Oberschenkel in mein Leben. Ich stehe auf und schreie: "Hilfe, das geht zu weit, ich fühle mich bedroht. Hilft denn keiner sonst. Soll das immer so weiter gehen?"
 
 
Ein Mann packt mich und zerrt mich weg. Er schreit mich an: "Seien Sie ruhig.". Ich erzähle, dass ich gesehen habe, wie der Mensch in rotkarierten Hosen am Bahnsteig jemanden mit dem Kopf gestoßen hat. "Das war auch ein Nazi, der hat das verdient", brüllt mich lautes Lallen an. Ein paar Augen über einer sündteuren Ledertasche wendet sich an mich, der dazugehörige Ältere-Damen-Mund raunt: "Nun seien Sie doch endlich ruhig." "Lassen Sie es gut sein, es reicht jetzt" - das höre ich zigfach. In meine Richtung. Mich meinend. Ich soll ruhig sein. Ich.
 
 
Wer?
 
 
Die S-Bahn steht. Der Zugführer kommt. Sehr ruhig, sehr bestimmt. Meint, dass Ruhe sein muss. Dann geht er zurück in sein Zugführerhaus. Die Zeit dehnt sich.
 
 
Die beiden Punks beschimpfen mich ohne Pause, laufend. Keiner sagt was. Ich bin ruhig, wie man mir dringend geraten hat. Mein Wegzerrer steht bei mir. "Ich verstehe", speit der schmächtige der beiden in meine Richtung. "Wegen Solln, Du glaubst, wir sind so wie in Solln. Hey, wenn ich Dir etwas tun wollte, dann würdest du nicht mehr hier sitzen. Aber vielleicht sollte ich jetzt noch...". Ein massiver Oberarm unterbricht den offensichtlich Ernüchternden und zerrt ihn nach draußen. "Wir gehen was rauchen."
 
 
Warum?
 
 
Losfahren. Wieder anhalten. Wegen eines Polizei-Einsatzes. Ein Polizist mit Tonfa kommt. Befragt mich streng, was vorgefallen ist. Seine Kollegin nimmt die Zeugen-Aussage meiner Mitfahrerin auf, die den Zugführer verständigt hat. Sie habe total Angst gehabt. Aber auch Schiss, dass der Zugfahrer sie schimpft, weil sie wegen sowas auf den Notruf drückt. Der Herr mit olivfarbener Hose und Lederjacke fragt mich und fragt. Oh Mann, ich schäme mich so, dass ich den Feierabend-Zug aufgehalten habe. Niemand hat etwas gesehen und kann etwas sagen, meinen alle Umsitzenden. "Na ja, wir haben ja das Video über ihnen", meint der Polizist. Alle schauen zu Boden.
 
 
"Herr Kaspar, ich danke Ihnen. Sie haben alles richtig gemacht. Sie sehen ja, dass sonst keiner eingeschritten wäre." Bis dorthin habe ich wirklich gedacht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Dass mein Mitgefühl mit dem armen Angegriffenen mich hysterisch gemacht hat. Dass ein kleiner Schubs nicht so schlimm ist. Dass es ja nur Bier war, was die auf die Umstehenden verspritzt haben. Dass der Kopfstoß ja nur ein Spaß war.
 
 
Ich fahre heim. Zu Hause rufen die Polizisten noch einmal an. Ich lege den Hörer auf und breche in Tränen aus.
 
 
Ich danke Euch sehr.

Danach?

Update, 5.11.2009, 15:17 Uhr: ich habe einen weiteren Beitrag über die Folgen geschrieben.

Kommentare (13)   abonnieren

  • Chrissy
    schrieb am 04.11.2009 um 21:40
    Ich bin erschüttert.
    In so eine Situation kann jeder von uns geraten - und dann ?
    Ich muss jetzt erst mal nachdenken .......
  • oliverg
    schrieb am 04.11.2009 um 21:48
    Ich danke dir.

    Man würde sich wünschen, so handeln zu können, wenn es Zeit ist.

    (Und jetzt musste ich mich für Dich bei utopia registrieren, kannste nicht bloggen wie andere auch? ;) )
  • kommentieren
    Bibliothomas
    schrieb am 04.11.2009 um 21:54
    Manchmal braucht es eben eine kuschelige Heimat... Schön, dass du da bist. So hat sich das Ganze doch noch einen Sinn...
  • acte
    schrieb am 04.11.2009 um 21:54
    Lieber Thomas,
    Dein Beitrag hat mich sehr betroffen gemacht. Genauso kann es jedem von uns jederzeit und überall widerfahren. Wo bleibt da die Solidarität? Als Menge wäre man den beiden Dummwichteln jederzeit gewachsen. Aber derjenige, der Zivilcourage zeigt ,bleibt allein. Die Angst lässt die Aggressoren mächtig werden. Dabei waren die anderen doch in der Überzahl.
    Die Untätigkeit der Leute lässt mich immer wieder fassungslos zurück.
    Mitfühlende Grüße!
    Annette
  • Pilgermutter
    schrieb am 04.11.2009 um 22:15
    Dass das ganze Abteil bereit stehe, zu helfen.

    Ein kleiner Stoss gegen den inneren Schweinehund, hätte ausgereicht, um die Rüpel zur Raison zu bringen. Es wäre für die Beiden wohl kaum möglich gewesen, auch, wenn sie physisch was "hermachten", gegen Fahrgäste eines gesamten Abteils vorzugehen. Ich frage mich, wieso der Aufschrei der Bevölkerung so groß ist, wenn - wie geschehen - noch Schlimmeres passiert.
    Lieber Thomas, Du hast mein Mitgefühl und ich ziehe den Hut vor Menschen, die Zivilcourage leben. Danke, für deinen Einsatz.
  • Andes
    schrieb am 04.11.2009 um 22:47
    Unfassbar...

    Vielen Dank für deinen Einsatz!
  • Dude
    schrieb am 05.11.2009 um 08:42
    Ich bin auch tief erschüttert.
    Endlich steht mal jemand auf und tut das, was so viele geloben zu tun und fast alle lassen ihn alleine. Da kann man doch nur glauben, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt.

    Ich muss das ganze auch erst mal sacken lassen, so viele Gedanken schwirren in meinem Kopf.
    ... du bist ein tolles Vorbild ... du hast mutig gehandelt ... du hast dich in Gefahr gebracht ... war es wirklich so gefährlich, es waren doch viele Leute dort ... warum war fast keiner interessiert zu helfen ... bekommt die Dame, die den Zugführer alamiert hat auch ein paar bestätigende und aufbauende Worte ...

    Ich würde mir wünschen, dass deine Geschichte in die Presse kommt.

    Vielen Dank für die Zivilcourage und dass du uns an dem Geschehenen teilhaben lässt.
  • Pfirsiche
    schrieb am 05.11.2009 um 11:40
    Danke, dass du aufgestanden bist! Es ist echt unfassbar, dass sich jemand, der etwas RICHTIG gemacht hat, auf einmal SCHULDIG fühlt! Das ist ganz falsch, es ist zum verrückt werden!
    Erinnert ihr euch an diese Werbung? 2 Typen randalieren in der Bahn. Mehrere Leute nehmen Augenkontakt zueinender auf, einer zieht die Notbremse und gemeinsam schmeissen sie die Typen raus. Eine fromme Wunschvorstellung?
  • Berthild Lorenz
    schrieb am 05.11.2009 um 12:43
    Puh, und ich sitz' jetzt heulend am Peh Zeh; ja, kenn ich!
    Immer war ich die, die alles falsch machte, weil NORMALE schweigen, wegsehen und weghören ...
    Danke!
    Herzliche Grüße.
    Berthild
  • werner stickler
    schrieb am 05.11.2009 um 14:22
    Danke Thomas.

    Verstehen kann ich nicht, warum es den Anderen so schwer fiel, auch aufzustehen. Einer noch, der aufsteht, statt zu schreien "Seien Sie ruhig". Dem dritten sollte es noch leichter fallen.
    Dann sind auch öfter Menschen mutig wie Du, um anzufangen - in der Gewissheit, dass andere mithelfen.
  • Andes
    schrieb am 06.11.2009 um 17:38
    Deutlich andere Sachlage mit schlimmer Eskalation, aber heut ist ein Artikel zu gleicher Thematik auf spiegel online: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,659320,00.html
  • Jonas
    schrieb am 13.11.2009 um 23:40
    Fühle mit Dir und bewundere Deinen Mut.
  • Hannilein
    schrieb am 15.11.2009 um 17:43
    Unfassbar,

    aber leider ein Beispiel für die häufig verkehrte Welt, in der wir uns bewegen.

    Meine letzten Begegnungen dieser Art sind so lange her, wie ich aus der Großstadt Frankfurt und dem ÖPNV weg bin, aber ich denke, dass könnte mir auch täglich passieren, weil ich nicht wegschaue und nicht meinen Mund halte.

    Beim nächsten Mal ist vielleicht (hoffentlich) ein Zweiter wie Du. Das dürfte man gar nicht als Mut bezeichnen, sondern müsste einfach eine Selbstverständlichkeit sein.

    Muss jetzt erst mal abschalten...................

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