S-Bahn. Bahnsteig. München Marienplatz. Zwei Punks machen Spaß. Ich finde die lustig. Ein mächtiger, bestimmt doppelt so mächtig wie ich. Ein schmälerer ulkt herum. Schlägt mit seinem Kopf im Schein gegen die orangenen Kacheln der Säule. Lustig. Dann kippt er sein Bier auf Passanten. Na ja. Macht Mädels an, die lachen noch. Ok. Dann schlägt er mit seinem Kopf immer wieder gegen vorbeigehenden Passanten, einen erwischt er an der Schläfe. Der Getroffene schreit. Hinter der gepiercten Unterlippe, entlang des Drahtes am Mundwinkel kommt Protest. Die S-Bahn fährt ein. Ich steige ein, die beiden Punks folgen.
 
 
Bierflaschen in den Händen, die aus zerrupften Hemdärmeln ragen. "Vorkriegskinder" - aufgeähnt auf der Weste. Uniformierte Non-Uniformen. Ringsum Fahrgäste. Feierabend-Enge. Ein Schmächtling wird Opfer der verbalen Attacken von der Zweierbank gegenüber. Immer wieder. Zwei Stationen weiter leert es sich. Ruhig wechselt das Wortopfer auf eine Bank weiter, neben meiner, oh Mann. Zweifarbig lackierte Springerstiefel wechseln auch, das aufgesprayte Türkis und Grün sitzt wieder gegenüber, auch der Riese ohne Haare wechselt und lächelt zu den Witzen seines Freundes. Die Attacken gehen weiter und weiter. "Es reicht jetzt", meint der Angegriffene. Und sagt es wieder. Wieder. Variationen der Hilflosigkeit. Nichts passiert.
 
 
Wann?
 
 
Ich denke nicht nach, ich stehe auf und sage etwas lauter, dass der Herr doch gesagt habe, dass es jetzt reicht. Dass jetzt Schluss sein müsse. Dass das ganze Abteil bereit stehe, zu helfen.
 
 
Für einen Augenblick ist es still. Total. Ein Kolibri-Flügel-Schlag wäre sichtbar, so bleibt die Zeit stehen. Dann steht der Koloss auf und lässt sich auf den Platz neben mir fallen. Ragt auf meine Seite, schiebt seinen stammdicken Oberschenkel in mein Leben. Ich stehe auf und schreie: "Hilfe, das geht zu weit, ich fühle mich bedroht. Hilft denn keiner sonst. Soll das immer so weiter gehen?"
 
 
Ein Mann packt mich und zerrt mich weg. Er schreit mich an: "Seien Sie ruhig.". Ich erzähle, dass ich gesehen habe, wie der Mensch in rotkarierten Hosen am Bahnsteig jemanden mit dem Kopf gestoßen hat. "Das war auch ein Nazi, der hat das verdient", brüllt mich lautes Lallen an. Ein paar Augen über einer sündteuren Ledertasche wendet sich an mich, der dazugehörige Ältere-Damen-Mund raunt: "Nun seien Sie doch endlich ruhig." "Lassen Sie es gut sein, es reicht jetzt" - das höre ich zigfach. In meine Richtung. Mich meinend. Ich soll ruhig sein. Ich.
 
 
Wer?
 
 
Die S-Bahn steht. Der Zugführer kommt. Sehr ruhig, sehr bestimmt. Meint, dass Ruhe sein muss. Dann geht er zurück in sein Zugführerhaus. Die Zeit dehnt sich.
 
 
Die beiden Punks beschimpfen mich ohne Pause, laufend. Keiner sagt was. Ich bin ruhig, wie man mir dringend geraten hat. Mein Wegzerrer steht bei mir. "Ich verstehe", speit der schmächtige der beiden in meine Richtung. "Wegen Solln, Du glaubst, wir sind so wie in Solln. Hey, wenn ich Dir etwas tun wollte, dann würdest du nicht mehr hier sitzen. Aber vielleicht sollte ich jetzt noch...". Ein massiver Oberarm unterbricht den offensichtlich Ernüchternden und zerrt ihn nach draußen. "Wir gehen was rauchen."
 
 
Warum?
 
 
Losfahren. Wieder anhalten. Wegen eines Polizei-Einsatzes. Ein Polizist mit Tonfa kommt. Befragt mich streng, was vorgefallen ist. Seine Kollegin nimmt die Zeugen-Aussage meiner Mitfahrerin auf, die den Zugführer verständigt hat. Sie habe total Angst gehabt. Aber auch Schiss, dass der Zugfahrer sie schimpft, weil sie wegen sowas auf den Notruf drückt. Der Herr mit olivfarbener Hose und Lederjacke fragt mich und fragt. Oh Mann, ich schäme mich so, dass ich den Feierabend-Zug aufgehalten habe. Niemand hat etwas gesehen und kann etwas sagen, meinen alle Umsitzenden. "Na ja, wir haben ja das Video über ihnen", meint der Polizist. Alle schauen zu Boden.
 
 
"Herr Kaspar, ich danke Ihnen. Sie haben alles richtig gemacht. Sie sehen ja, dass sonst keiner eingeschritten wäre." Bis dorthin habe ich wirklich gedacht, dass ich etwas falsch gemacht habe. Dass mein Mitgefühl mit dem armen Angegriffenen mich hysterisch gemacht hat. Dass ein kleiner Schubs nicht so schlimm ist. Dass es ja nur Bier war, was die auf die Umstehenden verspritzt haben. Dass der Kopfstoß ja nur ein Spaß war.
 
 
Ich fahre heim. Zu Hause rufen die Polizisten noch einmal an. Ich lege den Hörer auf und breche in Tränen aus.
 
 
Ich danke Euch sehr.

Danach?

Update, 5.11.2009, 15:17 Uhr: ich habe einen weiteren Beitrag über die Folgen geschrieben.