Der Irakkrieg hat uns gelehrt, dass einige wissenschaftliche Tugenden helfen bei der Beurteilung von politischen Entscheidungen. Ganz vorne dabei ist die Quellenkritik. In meinem Geschichtsstudium habe ich Seminar um Seminar in den historischen Hilfswissenschaften geschoben, um Quellen interpretieren zu lernen, Fälschungen von echten Dokumenten zu unterscheiden. Ich hatte schon als Student jahrelang einen Lehrauftrag für die Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten.

Die Form ist in der Wissenschaft weit mehr als die Stütze des Inhalts

Sie erzählt eine Geschichte von jahrhunderte alten Traditionen des Vertrauens. Die Form beantwortet eine einfache Frage: Gibt eine Konvention für einen methodischen Hintergrund, dem Kollegen blind vertrauen können müssen? Anders ist Wissenschaft und Wissensaufbau nicht möglich, weil sonst jeder jedes Mal alles neu belegen müsste. Ich verstehe, dass es Nicht-Wissenschaftlern als Lapalie vorkommt, es ist aber genau das Gegenteil der Fall.

Ich habe ein wenig durch das Gutenplag-Wiki geblättert, in dem sich spontan Autoren finden und Schritt für Schritt Gutenbergs Doktorarbeit zerlegen. Mann oh Mann: Die Arbeit möchte ich sehen, die nach so einer Prüfung zu hundert Prozent astrein dasteht. Erschreckend ist dennoch, wie Guttenberg im Detail gearbeitet hat. Ich war entsetzt, als ich mir das Wiki angeschaut habe. Eine Stelle abzukupfern ist das eine. Wenn in dem kopierten Text dann noch einmal ein Binnenzitat enthalten ist, das in einer Fußnote belegt wird, fängt es an abstrus zu werden. Die Fußnote wird mit - natürlicher anderer Nummerierung - an gleicher Stelle übernommen und die Quelle dafür im Literaturverzeichnis aufgenommen. Das Rahmenzitat um das Binnenzitat aber nicht? Es steht als Guttenberg-Text da. Würde einer meiner Studenten das machen, würde ich mich sehr getäuscht fühlen und dieBachelor-Arbeit aberkennen.

Aber der Mann ist Politiker und hat sich nebenbei promoviert...

Ich muss mir einiges anhören gerade. Der Mann sei doch so ein guter Politiker und ich wolle ihn mutwillig demontieren. Ich will ihn nicht demontieren, ich sorge aber dafür, dass sein Verhalten keine Schule macht und nutze meine private Medienmacht dazu.

Ein Verteidigungsminister muss vor dem Bundestag im Detail darlegen, warum er für oder gegen einen Einsatz ist. Der 100-prozentige glaubwürdige Umgang mit Quellen ist für mich die Grundvoraussetzung, sonst werden wir wieder auf Schlangenlinien zur Wahrheit kommen ("curveball" war der Name des erfundenen irakischen Dissidenten, der mit zur Kriegserklärung geführt hat).

Ich danke Euch sehr.