Hier der Originaltext aus der Süddeutschen Zeitung vom 22./23. Oktober 2011, die es wert ist als Lehrtext in alle journalistische Ausbildungsredaktionen aufgenommen zu werden:

"In eigener Sache

Die Redaktionen von Süddeutscher Zeitung und sueddeutsche.de haben entschieden, die Bilder des getöteten libyschen Despoten Mummar al-Gaddafi nicht zu zeigen. Weder als Screenshots, die unmittelbar aus den veröffentlichten Videos genommen werden könnten, noch mittelbar als Fotografien von Publikationen, die diese Bilder veröffentlicht haben. Die Entscheidung wird damit begründet, dass die Würde eines jeden Toten von den Redaktionen geachtet und respektiert wird - also das, was man in Zivilisationen Pietät nennt; selbst dann, wenn es sich bei diesen Bildern um Aufnahmen eines toten Diktators handelt, der sich selbst zu seinen Lebzeiten wenig um diese Würde gekümmert hat.

Überdies vertreten die Redaktionen den Standpunkt, dass nicht alles gezeigt werden muss, was gezeigt werden könnte - nur weil es da ist. Das gilt immer, und bestimmt selbstverständlich auch die alltägliche Praxis. Denn an jedem Tag liefern Agenturen und zunehmend auch Internetquellen Bildmaterial, das nach Maßstäben unseres ethischen und ästhetischen Empfindens nicht geeignet ist, publiziert zu werden. Durch die Nicht-Veröffentlichung von Bildern, die von vielen Menschen zu Recht als anstößig empfunden werden, entziehen wir uns nicht unserer Informationspflicht. Denn wir berichten.

Wir fragen uns aber, welchen Informationsgehalt enthielte eines dieser Bilder, der über den hinausginge, den man auch in einem Text wiedergeben kann. Die Bilder des getöteten Gaddafi transportieren nichts - außer einer furchtbar zugerichteten Leiche. Und man muss sie nicht sehen, um zu erfahren, dass an diesem Mann nicht das Urteil eines ordentlichen Gerichts vollstreckt wurde. Das kann man ebenso aufschreiben und kommentieren."

Was sagt Ihr dazu?

Soll man die Bilder des getöteten Gaddafi veröffentlichen? Wie findet Ihr die Entscheidung der Süddeutschen?

Ich danke Euch sehr.