Er ist zeitlos alt. Die Furchen in seinem Gesicht sind so tief gegraben, wie es nur ein entbehrungsreiches Leben mit sich bringt. Er kann 80 Jahre messen, aber auch nur schnell verlebte 50. Seine weißen Haare sind zu coolen Rasta-Zöpfen geflochen, im Filz merkt man die Ungepflegheit nicht, wohl aber an seiner abgewetzten Jacke.
Er betritt die Station, beugt sich zu einem Kind im Wägelchen hinab und singsangt sanft mit ihm. Zu unsauber die Erscheinung, als dass die Bürgermutter nicht schützend ihr Kind wegrollt. Menschen im Entspannungszustand verraten in der Stellung ihrer Mundwinkel ihr Leben. Ein Grand Canyon spaltet da unten und oben im Gesicht, aber der reißende Fluss biegt nach oben in ein tief aus dem Inneren kommendes Lächeln. Das ist kein gefährlicher Mensch, kein Irrer. Das ist ein Sanftmütiger, den die Zeitläufte an den Rand der Gesellschaft und nun in mein Abteil gespült haben.
Massiv wölbt sich die Ablehnung gegen das Abgeranzte der Oberfläche meines Mitfahrers. Fasziniert beobachte ich, wie sich unkontrollierter unübersehbarer Drogenkonsums mit einer nichtwegkiffbaren inneren Wachheit in einer Person Bahn brechen. Was für ein faszinierender Mensch.
So nah fühle ich mich ihm, dass ich den Bannkreis, den Dunstkreis um ihn herum durchbreche und einen Schritt auf ihn zutrete. So verbunden fühle ich mich, dass ich ihn sanft berühren will, da ich mit Worten sicher nicht seine Aufmerksamkeit durchdrungen hätte.
Ich hebe die Hand, ein wenig, etwas über die Körpermitte, ja fast auf seine Schulterhöhe. Blitzartig zuckt er zusammen, bringt seine Hände über den Kopf und krümmt sich vor einer, vor meiner Bewegung weg, die er nur aus den Augenwinkeln beobachtet haben kann.
Was muss dieser Mensch erlebt haben, dass er meine sanfte Bewegung zu einem Vektor der Gewalt hochrechnet, vor dem ihn seine Reflexe die sofortige Flucht antreten lassen? Wie gut geht es mir selbst, dass ich nie auf die Idee käme, eine erhobene Hand auf dem Weg zu mir als Schlag zu interpretieren? Ich kann mich nur bei meinen gewaltfreien Eltern und meinem begünstigen Leben bedanken.
Vom Boden schauen mich zwei Augen zwischen den Ellbeugen an. Ich mische Bestürzung mit sanftem Lächeln im Blick. Die Zeit bleibt stehen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie lange unsere Blicke verbunden waren, wie oft wir auf der Brücke zwischen den beiden Augen-Blicken hin und her gegangen sind. Plötzlich richtet er sich auf und ich selbst erschrecke nun. Er hebt die Hand und berührt meine Schulter, ich knuffe ihn sehr sanft zurück.
Die Tür geht auf, ich steige aus. Bevor ich mich umdrehen kann, trägt mich der Druck der aussteigenden Masse fort, da keiner bei mir Berührungsängste hat.
Ich danke Euch sehr!


Kommentare (10)
Beitrag abonnieren
"Was muss dieser Mensch erlebt haben, dass er meine sanfte Bewegung zu einem Vektro der Gewalt hochrechnet, vor dem ihn seine Reflexe die sofortige Flucht antreten lassen? Wie gut geht es mir selbst, dass ich nie auf die Idee käme, eine erhobene Hand auf dem Weg zu mir als Schlag zu interpretieren? Ich kann mich nur bei meinen gewaltfreien Eltern und meinem begünstigen Leben bedanken."
wird mich zukünftig bei meinen U-Bahnfahrten begleiten.
Kann nicht jeder Mensch zu jeder Zeit an jedem Ort scheitern? Abwracken? Kann aber nicht jeder Mensch nicht auch wieder neu anfangen, einfach neu starten, kann man nicht jedem jederzeit Starthilfe geben? Einfach überbrücken...das frage ich mich...betroffene Grüße
Ist es nicht interessant, welch unterschiedliche Bedeutung Menschen für einander haben? Ich kann nur vermuten, dass mich der Fremde sofort wieder vergessen hat, während ich oft an ihn denken musste. Aber das ist ja oft so: Wir wissen nicht, welche Bedeutung wir für andere haben. Wie schön wäre es, wenn wir in unserer Achtsamkeit so leben würden, als hätten wir für jeden und jeder Mensch für uns die größte Bedeutung...