Spiegel (Nr. 3/2011, S. 45): "Sie sind Veganer, verzichten auf Eier und Milch und gehören zu den Hardlinern der Bewegung. Manche von Ihnen sagen: Vegetarier sind Mörder, wenn sie zum Beispiel Eier essen - weil in den Zuchtbetrieben für Legehennen die männlichen Küken vergast oder lebend geschreddert und zu Tierfutter verarbeitet werden."
Kaplan: "Ich halte die moralische Verurteilung des Vegetarismus für kontraproduktiv. Damit macht man kaum jemanden zum Veganer, verhindert aber viele Vegetarier. Das Ziel muss eine vegane Gesellschaft sein, in der die Menschen nicht mehr auf Kosten der Tiere leben."


Helmut F. Kaplan bringt ein Gefühl auf den Punkt, das mich bei vielen Diskussionen immer wieder beschleicht: Es bringt nichts, diejenigen als unperfekt zu verurteilen, die den ersten Schritt getan haben. Deswegen verliert man nicht die eigene Vision. Im Gegenteil: Man nimmt umso mehr Menschen mit auf dem Weg dorthin, wenn man sie losgehen lässt.

Bin ich selbst so perfekt gestartet wie ich es von den anderen erwarte?

Spannend finde ich einen Blick auf die eigene Entwicklung. Ich kämpfe seit ich 14 bin damit, kein Fleisch zu essen. Es hat mich 25 Jahre gekostet einen runden Weg zu finden, ohne Mangelerscheinungen passend zu mir und zu meinem Leben lächelnd und lukullisch vegetarisch zu leben. Ich kann jedem sofort sagen, was ich heute weiß, aber ich kann niemandem den eigenen Weg abnehmen.

In manchen Diskussionen kommt es mir so vor, als vergäßen die Gesprächspartner dies von einander. Sehen die jeweilige Geschichte nicht und hören nicht, was der andere sagen will. Im Kern ist es immer wieder das Gleiche:

Aufbrechende und Vorausgehende wollen in ihrer Geschichte gehört werden

Der Losgehende: "Ich bin mir noch unsicher, ich wünsche mir aber Anerkennung, dass ich aufgebrochen bin. Gib mir Sicherheit, dass ich richtig handle. Gib mir einen Hinweis, dass ich in die richtige Richtung gehe. Bestärke mich."

Der Vorausgehende: "Ich möchte Anerkennung für den Verzicht, das Alleinesein, das Aushalten des Kampfes als ich schon losgegangen bin, als noch keiner den Weg gesehen hat. Ich möchte mit meiner Erfahrung gehört werden, weil ich sie weitergeben will. Ich möchte meine Vision teilen."

Die Kluft zwischen den beiden ist winzig und riesig. Weil sie meistens über die Vision reden und nicht über sich als Menschen. "Aber die Vision ist eine vegane Gesellschaft", hätte Kaplan auch am Beginn sagen können. Sagt er aber nicht. Zuerst gibt er Vegetariern Verständnis und Anerkennung und baut auf diesem Fundament die Vision auf - wow!

Das Ergebnis des Kontakts von Aufbrechendem und Vorausgegangenem wäre unglaublich. Der Losgehende setzt einen Fuß von seinem alten Leben in das neue. Und ist damit schon mit einem Fuß, wahrscheinlich schon bald mit beiden Füßen im Visionskreis des Vorausgegangenen. Würde dieser es aushalten, dass da nur ein Fuß und nicht beide in seinem Visionsfeld stehen, er sähe so viele neue Füße, dass er gar nicht mehr mit dem Vergrößern des Kreises um sich nachkäme.

Viele von Euch merken natürlich, dass dieses Prinzip nicht auf Fleischessen-Vegetarier-Veganer beschränkt ist. Ich überlasse es aber Euch und Euren eigenen intimen Gedanken zu sehen, wo Ihr vorausgeht, wo Ihr aufbrecht, wo Euch auf den Fuß getreten wird, sobald er einen neuen Kreis berührt, und wo Ihr selbst auf andere Füße tretet, die vielleicht falsch hinter Eurer Vision hergehen wollen.

Ich danke Euch sehr!

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