Wer musisch kreativ fünfundachtzig Lebensjahre überstanden hat, den schmückt die Umwelt gern durch Epitheta ornantia wie Altersweisheit oder höchste Schaffensreife.
(Laudatio der Ernst von Siemens Musikstiftung an Friedrich Cerha, Bild von der Webseite)

Friedrich Cerha ist schwer zu hören. Noch schwerer zu verstehen. In meiner Zeit als Musikdramaturg war es mein Traum, ihn dem Publikum näher zu bringen. Ich habe mich nicht getraut, weil mir kein Zugang dazu eingefallen ist. Jemand wie Cerha ist nicht für ein Massenpublikum geeignet. Aber er ist einer der einflussreichsten Denker seiner Zeit. Ein Mega-mega-multplier, wie ich heute in meiner Webwelt sagen würde. Einer, der Multipliaktoren beeinflusst, voranbringt, ihnen zeigt, was das Eichmaß im Maßstab ist. Nur wenige können sich mit seinen Ideen verbinden, die sind dann aber geflasht, verändert. Dass er nun den "Nobelpreis für Musik" erhalten hat, ist grandios.

Massenmedien blenden Hochkultur aus

Zutiefst frustriert mich, wie sehr die Gesetze des Massenmarktes unsere Medienwelt durchwirken. Es findet sich auf Spiegel Onine, Zeit Online, Süddeutsche und FAZ kein Hinweis mehr. Die FAZ hat in ihrem Feuilleton noch nicht mal mehr eine Sektion "Musik" nur "Pop".

Hätte ich nicht zufällig frei und B2 laufen, die Information hätte mich nicht erreicht. Die Zeit des Komplettangebots ist vorbei. Das Scannen der Zeitung, die hunterte Meldungen zum täglichen Scan-Überblick anbot, ist vorbei. Ich habe zwar (wieder eine Zeitung), aber die nur, weil ich kaum lokale Infos im Web finde, und diese Lücke mit Print schließe - ich kann abwarten, bis sich das ändert. Also scanne ich große Medienmarken im Web. Und stelle fest, dass diese clickoptimiert sind, also keinen Bildungsauftrag haben, sondern einen Reichweitenauftrag. Also kein Friedrich Cerha.

Ich zahle gerne Journalisten dafür, über Abseitigs zu schreiben

Hiermit bekenne ich, dass ich gerne Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zahle. Ich würde mir dann aber wünschen, dass Radio und Fernsehen nicht nur auf Reichweite schielen. Sondern mir, mir ganz persönlich, etwas anderes bieten. Was nicht so schon vorhanden ist.

Bildung entsteht durch Inspiration, nicht durch Klickoptimierung (für die ich ein Spezialist bin). Ich bezahle gerne dafür, dass Journalisten machen, was sie für Bildung halten. Mir egal, wenn das keine Sau interessiert. Aber vielleicht ein paar Menschen inspiriert, befruchtet. Dann sollen sie halt daneben liegen, ihren Fachnischen frönen. Ich würde mich darüber freuen. Im Radio geht das noch - aber wie lange noch?

Wie geht es Euch damit?

Ich danke Euch sehr.