Artikel auf Reverb Magazine
Autor // Johanna Emge
Posted in // Wohnen
Date // 06 Dez 2011

Jahrelang hat Massimiliano Schilirò auf Berlusconis Rücktritt gewartet. Am liebsten würde er vor dem Präsidentenpalast in Rom mit seinen Landsleuten laute Jubelgesänge anstimmen und ausgelassen feiern. Doch von seiner Heimat trennen ihn fast 10 000 Kilometer – er lebt in Rio des Janeiro. Seit zwei Monaten befindet er sich auf einer einjährigen Reise durch Südamerika. Uruguay, Argentinien, Chile, Peru, Bolivien und Ecuador sind seine nächsten Ziele, die Schlafplätze noch ungewiss. Finden wird er sie online, mit einer guten Portion Glück und Vertrauen. Und der Flexibilität, die die Bereitschaft zum Couchsurfen erfordert.

[b]Zwischen Massentourismus und Idealismus[/b]

Im Januar 2004 gründete der Amerikaner und begeisterte Globetrotter Casey Fenton das Internetportal „CouchSurfing“. Als Gegenentwurf zu All-inclusive-Hotels und Massentourismus lebte das Projekt von Idealismus; der Idee, durch Gastfreundschaft ein weltweites Netzwerk aufzubauen, das auf dem Grundsatz „Geben und Nehmen“ basiert. Die Idee traf den Nerv der Zeit: Mittlerweile hat CouchSurfing über 3 Millionen Mitglieder in 81 500 Städten in 246 Ländern.

Neben Übernachtungsmöglichkeiten gibt es zahlreiche lokale Gruppen, die Reisenden und Zugezogenen die Möglichkeit zu schnellem Anschluss an Menschen, Aktivitäten und Alltag bieten. Das Konzept ist einfach: anmelden, Profil anlegen, surfen und/oder jemanden beherbergen. Mitglieder haben die Möglichkeit, andere nach dem Surfen als Freunde hinzuzufügen und Bewertungen über ihre Gastgeber oder Surfer abzugeben. Das dient anderen Mitgliedern als Orientierung bei der Wahl ihres Schlafplatzes und Gastes. Eine Garantie gibt es nicht – auf beiden Seiten spielt Vertrauen eine wichtige Rolle, um sich auf das Experiment einzulassen.

[b]Surfen mit Lernfaktor[/b]

Auch Massimiliano meldete sich an, beherbergte in seiner 27 Quadratmeter großen Wohnung seitdem rund 40 Menschen aus vier Kontinenten und 15 verschiedenen Ländern auf einer Matratze. Das reichte ihm irgendwann nicht mehr aus.

2009 kam der Sinneswandel: „Ich war beruflich für eine Hilfsorganisation tätig, in meiner Freizeit war ich Couchsurfer – Gast und Gastgeber. In jedem Bereich meines Lebens war Nachhaltigkeit ein wichtiger Aspekt für mich, nur beim Couchsurfen kam das irgendwie zu kurz.“ Deshalb gründete er kurzerhand ein eigenes Netzwerk: „Sustainable Couch“. Nachhaltigkeit ist der wesentliche Aspekt des Projektes, dem sich die Mitglieder auf unterschiedliche Art und Weise verschrieben haben und auch nach eigenem Ermessen an ihre Gäste weitergeben. Geburtsstunde des Netzwerks war ein Treffen in Wien, wo Massimiliano für eine entwicklungspolitische Organisation tätig war. In der lokalen CouchSurfing-Gruppe machte er seine Idee bekannt. „Zwölf Leute kamen – viel mehr als ich erwartet hatte“, sagt Massimiliano. „Alle waren motiviert, ihre Erfahrungen zu teilen und vom Wissen der Anderen zu profitieren“.

Mittlerweile zählt die Community rund 280 Mitglieder, die sich ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen engagieren. „Ich habe gelernt, dass es keine eindeutige und endgültige Definition von Nachhaltigkeit gibt, und das ist auch gut so“, sagt er. „In der Praxis versuchen alle, eine eigene Definition zu finden, passend zu ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen“. Sich informieren, aktiv werden und Spaß dabei haben – das seien die Grundsätze, nach denen die Gruppe agiert. Keiner sei Experte und könne Fachwissen weitergeben, aber jeder habe ein Steckenpferd. „Für nachhaltiges Leben gibt es keine Musterlösung, sondern verschiedene Ansätze“, sagt Massimiliano. „Müll trennen, Fahrrad statt Auto fahren; und Sachen reparieren, tauschen und verschenken statt immer gleich neu zu kaufen“. Seinen Gästen versucht er, etwas von seiner Lebensweise zu vermitteln: vegetarische Ernährung, viel Bewegung zu Fuß und mit dem Fahrrad, so wenig Flüge wie möglich.

[b]Ernährung, Energie und Ethik[/b]

Das Themenspektrum im Bereich der Nachhaltigkeit findet sich in allen Bereichen des alltäglichen Lebens. Das zeigt sich auchbei den Gruppen-Tätigkeiten, die die Wiener Nachhaltigkeitssurfer bereits organisiert haben. Im Bereich Ernährung gab es unter anderem Informationsabende über die Vorteile von regionalen und saisonalen Lebensmitteln, einen gemeinsamen Ausflug zu einem Biobauernhof und einen anschließenden Kochabend, bei dem das Erlernte gleich umgesetzt werden konnte. Bei einem „Jubel-Mob“ beklatschten sie Kunden eines Weltladens, weil sie mit dem Kauf von Fair-Trade-Produkten einen wichtigen Beitrag leisteten. Beim „Zeitgutscheine-Mob“ verteilten sie Gutscheine zum Ausfüllen, Dekorieren und Verschenken als Symbol für Gaben mit individuellem Wert als Gegenstück zu Geschenken, die einzig und allein der Konsumbefriedigung dienen.

[b]„Weniger ist besser“[/b]

Mitte September begann Massimiliano seine Reise in Brasilien mit einem 17 Kilo schweren Rucksack, den notwendigsten Utensilien, ganz nach dem Motto: „Weniger ist besser“. Flip Flops für Dusche und Strand, Wanderschuhe für die Berge. Badehose für gutes Wetter, Regenjacke für schlechtes. Er ist flexibel, was seinen Schlafplatz angeht: „Von der klassischen Ausziehcouch bis zu wenigen Quadratmetern auf dem Fußboden – ich habe schon viel erlebt“, sagt Massimiliano.

„Auf den Bergen der Chiapada Diamantina war ich für ein Ökoprojekt tätig. Alle Mitarbeiter schliefen zum Schutz vor giftigen Tieren in Hängematten, doch nach mehreren Nächten voller Schlaflosigkeit und stechenden Rückenschmerzen, ignorierte ich die Warnungen und wechselte auf seine aufblasbare Luftmatratze auf dem Boden – bis ich den ersten Skorpion in der Nähe der Schlafplätze sah.“ In Portugal schlief er in einem Bett aus Stroh, mitten im Wald. Angst habe er schon gehabt, aber es sei eine unvergessliche Erfahrung gewesen. Seit fast drei Wochen lebt er nun in der Stadt am Zuckerhut, schläft bei einer Medizinstudentin in einem bequemen Gästebett. Er weiß es zu schätzen, denn was sich hinter der nächsten Couch verbirgt, ist noch ungewiss.