Ich habe ein Problem. Ein Jahr lang habe ich an mir gearbeitet, meinen Fleischkonsum herunter geschraubt, meine Ansprüche erhöht, esse mittlerweile fast nur noch Fleisch vom Nachbarshof meiner Eltern oder bestes Herrmansdorfer, habe mir viele vegetarische Rezepte einfallen lassen. Das fühlt sich gut an, nur noch so wenig totes Tier zu konsumieren. Ein bisschen hat mich das auch auf das moralische hohe Rosse getragen, das geb' ich gerne zu. Anderen davon zu erzählen, wie einfach Fleischverzicht doch wäre, wie abstoßend der Gedanke an all das Leid und die Folter sei, die diese Tiere erleiden.

Bis zum gestrigen Besuch auf der Biofach in Nürnberg, denn seitdem habe ich ein Problem. In einem Gespräch mit einer netten Dame von "landfrau", der hofeigenen Metzgerei der Münchner Hofpfisterei, brachte diese mit einem treffsicheren Argument mein ganzes Selbstgerechtigkeits-Gefüge in's Wanken: "Wissen Sie, das mit dem Vegetarismus, das ist Heuchlerei. Wenn Sie Käse essen und Milch und Eier, was glauben Sie denn, woher die kommen? Dafür müssen ja auch Tiere gehalten und gezüchtet werden. Und in der Zucht, was glauben Sie denn, was da mit den männlichen Tieren passiert? Die geben nämlich weder Milch noch Eier. Zum Spaß auf der Weide gehalten werden die sicher nicht. Wenn Sie vegetarisch einkaufen, finanzieren Sie die Fleischwirtschaft mit, da braucht man sich gar nicht moralisch darüber erhaben fühlen."

Tja. Jetzt sitze ich da, und denke mir, Recht hat sie, die gute Dame. Aber trotzdem bin ich mir sicher, dass die Welt schon allein mit Vegetarieren in besserer Ort wäre, nicht erst mit Veganern. Denn mit dem Vegetariertum kommt auch eine größere Wertschätzung des Lebens, auch Milch und Eier werden dann sicher nicht mehr Hauptsache Billig gekauft. Ich bin davon überzeugt, dass Vegetarismus ein guter und wichtiger erster Schritt ist. Mit reiner schwarz-weiß-Veganer-Rhetorik werde ich meine Freunde nicht zum Umdenken bringen. Und nur wegen einem guten Argument einer Metzgerei-Vertreterin möchte ich jetzt auch nicht wieder zum ungezügelten Carnivoren werden. Wie wahre ich also mein Gesicht vor mir selbst? Kann ich das überhaupt, ist denn nicht auch Veganertum per se nicht der heilige Gral? Soja-Regenwaldrodung, Palmöl in Margerine, Quinoa-Knappheit in Südamerika, etc. Ganz aufhören, zu essen, ist keine Lösung. Es muss also auch für Vegetarismus schon eine schlagfertige Antwort geben auf Argumente wie die der landfrau-Vertreterin. Aber mir will es nicht einfallen.