Woran krankt das System, in dem ich lebe? Die einzigen, die sich in der heutigen Gesellschaft wohl zu fühlen scheinen sind die gewissenlosen Turbokapitalisten. Die Neoliberalen, die gerne Märchen von entfesselten Märkten und selbstverschuldeter Armut erzählen. Ich glaube daran nicht und trotzdem bin sehr dankbar dafür, dass es ist, wie es ist. Warum fühle ich mich damit so allein?

Wenn ich schimpfe über die Menschen, die ernsthaft meinen, ihr Lebensstandard sei ihr eigener Verdienst, dann bekomme ich oft Zustimmung. Aber die Freude darüber schlägt schnell ins Gegenteil um wenn sich meine vermeintlichen Gesinnungsgenossen zu Wort melden: Ist ja eh alles Scheisse. Die Welt war noch nie ungerechter als heute. Das Geld ist an allem schuld, der Kapitalismus, die Gier, das System.

Der Kapitalismus als Wurzel allen Übels – eine verdammt steile These. Schauen solche Leute auch mal in Geschichtsbücher? War die Welt vor dem Kapitalismus, zur Zeit von absolutistischen Herrschern und Lehensherren, nicht viel ungerechter? Natürlich ist sie heute immer noch ungerecht. Aber Länder sind unabhängig und demokratisch geworden, viele sind gerade im Begriff, dies zu tun. Deutet das nicht darauf hin, dass wir uns auf einem Weg der Verbesserung statt der Verschlechterung befinden? Und nur weil wir das Ziel noch nicht erreicht haben, ist gleich das ganze System für die Katz?

Wie viele demokratische Länder gibt es, in denen Menschen das Recht auf freie Meinungsäußerung und Selbstbestimmung haben und die nicht auf dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus aufbauen? Kommunismus, Askese, Autarkie. Sind das nicht alles Wunschvorstellungen, von denen man sich inspirieren lassen kann, die aber in Reinform niemals für alle funktionieren werden? Würden viele von uns der Welt nicht viel mehr nützen, wenn sie einmal zugäben, dass im Hier und Jetzt der Kapitalismus die beste Wirtschaftsform ist, die es mit sozialen, nachhaltigen Ideen anzureichern gilt, anstatt komplett zu blockieren?

Für das Ego freilich, für das Ego ist es wesentlich attraktiver, als unverbesserlicher Idealist den Kampf gegen die Giganten zu kämpfen. Sich von den konsumgeilen, überheblichen Marionetten und Ihrem System abwenden. Heldentum, Einzelgänger, Überzeugung, Prinzipientreue. Kann man sich alles wunderbar einreden, während um einen herum die Welt genau so still steht wie man selbst, weil man die Veränderung mehr aufhält als sie anzustoßen...