Keine Aussage habe ich mir in Diskussionen öfter anhören müssen - außer man zählt nur die abendlichen, bei denen Alkohol im Spiel war, da ist "Simon, Du A****loch!" wohl immer noch der Spitzenreiter... Wie dem auch sei, erste oder zweite, auf jeden Fall hat sie einen Spitzenplatz inne. Und fängt doch in ermüdender Verlässlichkeit immer mit derselben Formulierung an: "Ja aber Du ..."
Wann immer man in Gesprächen ein bisschen ungemütlich wird und vom kollektiven Bauchpinseln und wohligem "Irgendjemand müsste mal" zum konkreten "Wie siehts bei Dir denn aus mit ..." übergeht, schlägt einem der "Aber Du"-Wind entgegen. Dieser Wind ist meist eher ein Wirbelsturm voll rauher Selbstgerechtigkeit in dem sich alles um die eine Sache dreht: Ich bin nicht perfekt, also wieso erdreiste ich mich, Missstände bei anderen anzumahnen?
Wenn ich einen Freund im Supermarkt frage, ob denn das mit der 99-Cent-Salami jetzt wirklich sein muss, bekomme ich ein feindseliges "Willst Du nicht lieber ein Schwein befreien gehen anstatt mich hier zu nerven?" zu hören. Oder - auch ein Klassiker - wenn ich Radeln oder Bahn statt Autofahren vorschlage: "Wer ist vor drei Jahren nach Amerika geflogen nur zum Snowboarden?!" Dass die Frage mit der Antwort oft nur bedingt etwas zu tun hat und ich vor allem, mit dem was ich sage, objektiv Recht habe, wird großzügig ausgeblendet um dem entrüsteten Zorn auf meine Frechheit Platz zu machen.
Darf ich also meine Freunde erst zum bewussten Fleischkonsum auffordern, wenn ich jedes Nutztier auf der Welt befreit und jeden Metzger verhaftet habe? Darf ich nachhaltige Fortbewegung erst vertreten, wenn ich jeden meiner Wege barfuß zurücklege? Muss ich alle meine in der Vergangenheit begangen Klimasünden erst mit CO2-Zertifikaten abbüßen, bevor ich wieder den Mund zum Thema Klima aufmache?
Mit Verlaub: Es hackt wohl! Zum Rechthaben bedarf es keiner Engel! Ein Schritt in die richtige Richtung ist besser als gar keiner! Genau deshalb ist es auch nicht mehr als eine feige Davonlauftaktik, wenn man seinen faulen Stillstands-Hintern lieber damit verteidigt, dass der andere ja auch zwei oder fünfzig Schritte hätte gehen können, anstatt selbst den ersten zu tun. Perfekt ist keiner! Kann auch keiner sein. Und das ist gut so! Niemand von uns ist besser als der Andere und deshalb muss man auch nicht erst ein bestimmtes Gutheits-Niveau erreichen, bevor man dem Freund seinen Spiegel vorhalten darf.
Ja, ich bin noch nicht mal Vegetarier. Ja, ich rauche und saufe gelegentlich. Ja, ich fahr auch mal mit dem Auto wenn es auch mit der Bahn ginge. Aber das ändert nicht das Geringste daran, dass ich Recht habe, wenn ich Dir zeige, wie es besser geht. Und das gleiche gilt auch andersherum!! Auch ich werde mir nie erlauben, dich mit deinen eigenen Fehlern unglaubwürdig zu machen! Also reg' Dich ab und komm mir nicht mit dem Engelsanspruch, sondern lass uns zusammen loslegen!
Zum Schluss muss ich etwas erwähnen, das ich nur als "ironisch" bezeichnen kann. Ausgerechnet hier, in dieser Community, in der ich den größten Zusammenhalt unter "Loslegern" vermutet hätte. Hier, wo ich nach guten Argumenten für meinen Diskussionen nach außen suchen wollte, wo ich Rückhalt erwartet hätte. Hier bläst einer der heftigsten "Aber Du"-Stürme den ich je erlebt habe. Anstatt zusammen für die Veränderung scheint es mir häufig gegeneinander für das Ego zu gehen. Wie gesagt, ironisch ist das ja schon ...


Kommentare (5)
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Schnell mit dem Finger auf die anderen zeigen: "Du aber auch", sagen schon kleine Kinder.
Und so muss man sich nicht ändern, solange die andere auch nicht besser sind.
Das ist extrem praktisch.
Dumm nur, dass man in stillen Momenten doch weiß, dass der andere Recht hat.
Und je lauter man "Du aber auch", desto mehr lag der andere offensichtlich richtig.
Danke für deinen Beitrag!
Andererseits das nicht mehr hören können, der zunehmenden Tugendwächterei.
"Es geht um eine Idee: die Idee vom richtigen Leben. Es geht darum, angeblich richtiges Verhalten durchzusetzen. Es geht also, im weitesten Sinn, um Herrschaft."
-> http://www.zeit.de/2012/24/DOS-Tugend/komplettansicht
Am "angeblich richtig" scheiden sich dann auch die Geister. Die Toleranz der Verfehlungen ist deutlich geringer geworden und andererseits die Aufmerksamkeit und Verbreitungsmöglichkeit höher. Bei manchen "Skandalen" (Beispiele siehe oben verlinkten Zeit-Artikel) frage ich mich, ob die nicht nur lanciert werden, um die Auflage/Einschaltquoten zu erhöhen, weil die Konkurrenz unter den Medien schärfer wurde und öfters ein "Skandal" aufgedeckt werden muss. Bedenklich finde ich viel mehr, dass es funktioniert. Warum gibts immer noch so viele, die da auch mitmachen?
Noch ein schöner Satz aus einem Kommentar zum Artikel:
"Wenn alles was man hat, ein Hammer ist, dann ist die ganze Welt halt voller Nägel..."
-> http://www.zeit.de/2012/24/DOS-Tugend/komplettansicht?commentstart=1#cid-2127288
...
Deswegen kann ich es auch gut verstehen, dass dieses Anprangern von Verfehlungen nervt, und man es irgendwann "nicht mehr hören kann". Und gerade das ist der eigentlich negative Effekt der Tugendwächter: sie erreichen das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollen.
Was hilft? Die Möglichkeit als "normaler Mensch" auch dem anderen sagen zu können: "ich habe Fehler, ich weiss wie das ist, aber ich arbeite dran, was machst Du?."
Aber genau was auch Du am Ende sagt, genau darum geht es mir: Auch ich bin nicht perfekt, aber das ist kein Grund, dass wir beide Stehen bleiben. Der Hammer-Nägel-Mensch ist ja eher das Gegenüber, das mir die "Aber Du"-Nägel ins Fleisch treiben will...
Ein Situation, in der das Gegenüber sich unter Druck gesetzt fühlt und durch entsprechende Argumentation seine Handlungsweise glaubt rechtfertigen zu müssen führt sehr oft dazu, dass sich die Gedanken nur noch um das eigene Handeln drehen und der Blick nach außen verschlossen bleibt. Das eigene vorurteilsfreie Interesse an der Weltsicht des anderen kann dagegen zu einem Interesse des anderen an meiner Weltsicht führen.
Gelingt es dagegen Kritik in einer Form zu platzieren, die zu einem konstruktiven Austausch der Weltsichten führt, um zu erfahren wie weit der Wissenstand des Gegenüber, über die Verhältnisse der Welt, ist, dann entsteht eine win-win Situation in der sich beide Seiten Verstanden fühlen. Ich habe oft erlebt, wenn so ein konstruktives Gespräch zu Stande kommt, dass Menschen sich für Dinge zu interessieren beginnen, über die sie sich davor keinen großen Kopf gemacht haben.
Diese Strebertypen waren doch schon in der Schule unbeliebt.
Ich bin selbstverständlich absolut perfekt ( ;-) ) und habe aber im Wesentlichen trotzdem aufgegeben, andere Menschen wegen ihrem Umweltverhalten kritisieren.
Außer in Sonderfällen, wo jemand bei uns vorm Haus bei laufendem Auto-Motor die Flaschen im Container entsorgt oder Müll wegwirft oder dgl.
Aber z.B. in Punkte Ernährung halte ich mich im Freundeskreis ausgesprochen zurück, solange niemand den Fehler macht, ungefragt unseren "Bio-Fimmel" (O-Ton aus dem Verwandtenkreis) zu kritisieren.
Dann kann's natürlich schon mal sein, daß dieses Vergehen mit einem Vortrag nicht unter einer Stunde bestraft wird ;-)
In der Regel will niemand ungefragt gesagt bekommen, was besser ist.
Ich will das auch nicht und akzeptiere das deshalb.
Als ich noch geraucht habe, hätte das auch nichts gebracht - nur als Beispiel.
Viel besser funktioniert die Strategie, die auch Richard beschreibt, vormachen, neugierig machen und bei Fragen informieren.
Was anderes ist es auf einer Plattform wie hier, wo ich davon ausgehe, daß die Leute nicht aus Langeweile schreiben, sondern wirklich informiert und u.U. sogar "belehrt" werden wollen.
Und da kommts nun nicht drauf an, daß der Belehrende rundum perfekt ist, sondern sich in einem Thema gut auskennt.
Ich kann was über Bio-Ernährung erzählen.
Über viele andere Themen habe ich wenig Ahnung und hier schon viel gelernt.
Noch mal ein Sonderfall, wo ich keinen besondern Grund sehe, mich mit meiner Kritik in irgendeiner Form zurück zu nehmen, sind diese Firmen, die sich ein grünes Image verpassen und es ist nicht viel dahinter.
Diesen Möchtegern-Engelchen könnte ich mit Vergnügen jedes Federchen einzeln ausreißen...