Ich weiß nicht, wann ich begonnen habe, Tolstoi zu lesen, was mich dazu veranlasste, was mich antrieb.
Vielleicht war es die Neugierde nach dem Unbekannten...

... das erste Buch war Anna Karenina, es folgten Krieg und Frieden, die Kreuzersonate, Tagebücher und Essays. Spätestens, nachdem ich "Ein russischer Sommer" in einem uralten Kino, zwischen kuschligen roten Sofalehnen und flackernden Lampen gesehen hatte, kam ich nicht mehr richtig von ihm los.

Wer Tolstoi noch nie gelesen hat, nur seinen schönen Namen kennt und vielleicht mal ein Bild in der Google-Suche bewundern konnte, dem sei gesagt, dass er das doch lieber schnell mal nachholen soll. Denn auch Tolstoi hat sich mit utopischen Vorstellungen, Moral und einer besseren Welt und Gesellschaft auseinandergesetzt. Genau so, wie wir es auch tun - in unseren Gedanken und Phantasien.

Nachdem Tolstoi Ende des 19. Jahrhunderts bei einer Volkszählung das Elend der russischen Bevölkerung vor Augen geführt bekam, er selbst stammte aus einer Grafenfamilie, stellte er sein Leben grundlegend um, versuchte seinen Besitz mit den Armen zu teilen, organisierte Hilfe für Bauern, die nach einer Missernte hungerten und wirkte damit gegen das Problem der Landflucht.

"Vom Tiermord zum Menschenmord ist es nur ein Schritt und damit auch von der Tierquälerei zur Menschenquälerei."

Für ihn war eine vegetarische Lebensweise die einzig wahre Ernährungsform, denn nur ein Leben ohne "Morde" könne zu einem rein moralischen Leben werden.

Tolstoi stellte sich gegen die klassischen Bestrebungen der Kirche, negierte jedoch niemals das Göttliche, sondern setzte sich für Nächstenliebe und gegen religiöse Verfolgungen ein. Für ihn gab es weniger eine allmächtige göttliche Instanz, sondern mehr das Göttliche, Wunderbare und Zauberhafte in der Natur. Fast eine Art pantheistischer Glaube.

Er gründete die Bewegung der Tolstoianer, deren Anhänger eigene kleine Siedlungen bauten, in denen sie in Frieden, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit lebten. Sie bauten alles selber an und jedes Mitglied ihrer Gesellschaft war gleichgestellt.

In den letzten Jahren vor seinem Tod versuchte er immer wieder sein Testament umzuschreiben, damit sein Werk dem russischen Volk vermacht werden konnte. Seine Frau, die Gräfin Sofja, bestand jedoch darauf, dass alles im Erbe der Familie bleiben soll. Tolstoi verließ sein Gut, seine Frau und verbrachte die letzten Tage seines Lebens auf Reise.

...vor ein paar Tagen war ich in einer Ausstellung der Peredwischniki, des russischen Realismus. Keine andere Epoche hat mich bisher so sehr bewegt.
Das Besondere war jedoch Tolstois Abbild, dass von Repin im Jahr 1901 fertig gestellt wurde. Das 2m mal knapp 1m große Bild überragt nicht durch Plastizität oder eine besondere Farbkomposition die anderen Bilder der Ausstellung - nein, es ist Tolstois Blick, seine innere Ruhe, sein Nachdenken und seine Visionen, die alles Andere in den Schatten stellt.

http://arthistory.about.com/od/from_exhibitions/ig/from_russia_1207/fr07_repin_01.htm

"Denke immer daran, dass es nur eine allerwichtigste Zeit gibt, nämlich: Sofort!"