![[image]](http://sedl.at/Fotos/2011/SOL/small/Jilek.jpg)
Josef E. Jilek von HumanInvest
Beim Wiener Stammtisch des "Nachhaltigkeitsvereins" SOL gibt es immer wieder interessante Vorträge. Am 20.1.2011 sprach der erfahrene Vermögensberater Josef E. Jilek über sein Spezialgebiet: ethisch-ökologische Investments. Ich habe den Eindruck, dass er seine Arbeit wirklich aus Überzeugung macht. Es war angenehm, dass er Pro und Contra gleichermaßen beleuchtete und sachlich, ohne Beschönigungen, darstellte.
Welche Werteansätze gibt es?
Gleich zu Beginn stellte Jilek klar: Es gibt nirgends gesetzliche Vorgaben, was als "ökosozial" oder "nachhaltig" bei der Geldanlage zu verstehen ist. Deshalb gibt es unterschiedlichste Werteansätze und auch Mogelpackungen. "Versprochen wird viel", warnt der Vermögensberater, "aber es ist nicht immer drin, was draufsteht."
Z. B. ist BP immer noch (!) in vielen Nachhaltigkeitsfonds enthalten. Ursache ist das "Best in class"-Konzept, nach dem die meisten ethischen Fonds arbeiten. Der jeweils Beste aus einer Vergleichsgruppe wird ausgewählt und gekauft.
Vorteil: große Auswahl bei geringerem Risiko als wenn die ökologischsten und ethischsten Firmen gekauft würden, die meist sehr kleine Pioniere sind
Nachteil: Für Anleger mit höheren Ansprüchen nicht akzeptabel. "So wird halt aus einer Räuberbande der kleinste Dieb zum ethisch Klassenbesten", habe ich treffend gelesen.
Wie schwierig es ist, objektive Nachhaltigkeitskriterien aufzustellen, illustrierte der Vortragende am Beispiel Waffen: Die meisten ökosozialen Anleger schließen Waffenhersteller strikt aus. Aber es gibt die Firma Glock, die sehr erfolgreich Polizeiwaffen herstellt. Wie kann man für Landesverteidigung und gegen Polizeiwaffen sein? Eine Frage, die zum Nachdenken anregt ...
Ist ein Sparbuch die ethischste Geldanlage?
Noch weiter gehen Anleger, die mit der "großen Kapitalismus-Maschine" nichts zu tun haben wollen. Jilek befürwortet jedoch klar die direkte Investition in die Wirtschaft. Eine Bank macht ja im Grunde auch nichts anderes, begründet er, sonst könnte sie die Sparbuchzinsen gar nicht zahlen. Geld arbeitet nicht! - Was aber nicht ganz stimmt, möchte ich anmerken: Durch die Inflation wird Geld auch von alleine mehr (gewollt und gesteuert von der Zentralbank). Üblicherweise beträgt die Inflation - wie auch derzeit - knapp 2%. Zumindest ein Zinssatz in dieser Höhe kann auf keinen Fall unethisch sein, denn er gleicht nur den Kaufkraftverlust des angelegten Kapitals aus. Und wenn ein Anleger mehr Risiko übernimmt, wieso soll er dann nicht ein wenig mehr Rendite bekommen?
"Investieren Sie in aussichtsreiche Projekte, die ihren Wertvorstellungen entsprechen, und wenn es was wird, dann dürfen Sie auch die Früchte genießen", ermuntert der vortragende Investmentprofi. Ohnehin sind im langjährigen Durchschnitt nur hohe einstellige Renditen (8%) zu erwarten.
Fälle wie die ruinierte Donauwind und die zeitweise in Turbulenzen geratene Oekostrom AG belegen, dass das Risiko einer Fehlinvestition bis hin zum Totalverlust gerade auch im Ökobereich sehr real ist. Das zeigt nicht nur, dass höhere Renditen durchaus fair und berechtigt sein können, sondern auch, wie wichtig die Streuung bei der Anlage in Aktien ist.
Aber auch Sparbücher haben ihre Berechtigung. Ein ökosozialer Sparer will dabei wissen: "Was passiert eigentlich mit meinem Geld? Finanziere ich etwa das Atomkraftwerk, das ich so vehement ablehne, indirekt mit?" Das könnte er vor sich selbst nicht verantworten. Doch lässt sich der Weg seines Geldes überhaupt so verfolgen?
Was bewirkt ökologische und ethische Geldanlage?
Das ist für mich die entscheidende Frage. Die Macht der Konsumenten ist unbestritten, aber die Macht der Anleger? Da bin ich skeptisch.
Ein Zuhörer argumentierte: "Wenn ich an der Börse Aktien kaufe, sieht das Unternehmen kein Geld von mir!" Das Geld wird nur zwischen zwei Anlegern getauscht.
Jilek sagte einerseits: "Sie haben keinen Einfluss darauf, was an der Börse passiert", andererseits vertrat er die Auffassung, dass börsennotierte Unternehmen sehr genau auf ihren Kurs schauen und durch gestiegene Nachfrage nach ihren Aktien, welche auch den Kurs erhöht, könne man sie belohnen, wenn man ihren Weg für richtig hält. Das passt auf den 1. Blick nicht ganz zusammen, kann aber dennoch stimmen:
* Angenommen ich kaufe Aktien der Oekostrom AG. Die werden nur selten gehandelt. Da kann ich tatsächlich mit wenig Geld den Kurs erhöhen.
* Bei großen Unternehmen, von denen in jeder Minute mehr Anteile gehandelt werden als ich kaufe, wird mein Einfluss vernachlässigbar sein.
Das führt jetzt zu meinem Haupteinwand gegen ökosoziale Geldanlage: Nach Studien, die mir als Mathematiker plausibel erscheinen, reichen 20% der Anleger bereits aus, damit faire Preise auf einem Wertpapiermarkt entstehen. Das bedeutet nichts anderes als dass der Anteil der ökosozialen Anleger die Schwelle von 80% überschreiten müsste, um überhaupt irgendetwas an den Kursen auf Dauer zu verändern. Von der Schwelle sind wir utopisch weit entfernt. Bis dahin bewirkt mein Investment in eine "grüne" Aktie nur, dass irgendein anderer Anleger statt mir in eine "schmutzige" Aktie investiert. Mein Einfluss auf den Aktienmarkt ist nicht nur vernachlässigbar sondern exakt Null.
Zum Vergleich:
* Der Kauf einer Bio-Karotte bewirkt wenig, aber doch etwas, denn nur wenn jemand Bio-Karotten kauft, werden sie auch produziert.
* Die Aktien gibt es so oder so. Kaufe ich eine bestimmte Aktie, dann kauft irgendwer anderer eben eine andere. Insgesamt keine Änderung.
Nur wenn ich Aktien kaufe, die sonst niemand haben will, könnte ich wirklich die Welt verändern. Diese Aktien sind dann aber wahrscheinlich äußerst riskant und mein Investment wäre eher mit einer Spende oder einem Glücksspiel als mit einer Geldanlage vergleichbar.
Dasselbe gilt für jede andere Sparform:
* Investiere ich mein Geld in eine Photovoltaik-Anlage, die auch von einer Bank finanziert worden wäre, ändert sich de facto nichts.
* Gebe ich mein Geld einer Bank, die nur "gute" Projekte finanziert, dann finanzieren die Sparer der anderen Banken eben die "schlechten". Wenn beide Banken marktübliche Konditionen vergeben, ergibt das auf dem riesigen Kapitalmarkt nur Umschichtungen, aber keine reale Veränderung: Ich finanziere mehr von den "guten" Projekten, die anderen weniger.
* Nur wenn ich Projekte finanziere, die sonst niemand finanzieren will, bewirke ich tatsächlich etwas - muss dann aber auf Ertrag verzichten und/oder ein überdurchschnittlich hohes Risiko akzeptieren.
Die auch auf Utopia.de vielfach verbreitete frohe Botschaft, wonach wir mit bewusster Geldanlage die Welt verbessern können, ohne auf Ertrag zu verzichten, ist meines Erachtens unhaltbar. Für Investments, die marktüblichen Ertrag bringen, braucht es keine bewusste Entscheidung, hier investieren genug andere!
Meine Botschaft lautet: Ohne auf Profit zu verzichten, lässt sich auch auf den Kapitalmärkten die Welt nicht retten. Der Glaube, dass allein der gute Wille schon hilft, ist leider trügerisch. Wer auf nichts verzichten will, der mag sein Geld in eine Sache stecken, bei der er ein gutes Gefühl hat. Das schadet nicht, ich halte das jedoch für "Gefühlswashing". So wie eine Stromverschwendung nicht besser wird, wenn der verbrauchte Strom gedanklich aus reiner Wasserkraft kommt, so wenig wird eine Geldanlage besser, wenn sich die einbezahlten Geldscheine gedanklich bis zu einem guten Zweck nachverfolgen lassen. In Wirklichkeit haben weder Strom noch Geld ein "Mascherl". Das gute Gefühl besteht nicht zu Recht, wenn lediglich gedankliche Umschichtungen stattfinden.
Vergleiche
* Als im Mai 2008 die Erste Bank versprach, keinen Kredit für die Erweiterung des Atomkraftwerks Mochovce sondern nur für "andere Zwecke" an Slovenske elektrarne zu geben, hat es de facto nichts versprochen. Slovenske elektrarne bezahlt dann eben seine Putzfrauen etc. mit dem Kredit und steckt das so frei gewordene Geld in den Atomkraftwerksbau.
* Oder wir beschließen alle gemeinsam: Ab heute nehmen wir keinen Geldschein mehr an, der jemals in der Hand der Atomwirtschaft war. Würde dadurch auch nur eine einzige Kilowattstunde weniger Atomstrom erzeugt? Da müssten sich wirklich viele unserem Aufruf anschließen. Bis dahin gibt uns jeder einen "passenden" Schein. Die mit der "falschen" Seriennummer gibt er halt wem anderen, dem die Herkunft egal ist.
* Ein Beispiel, das Herr Jilek selbst gebracht hat: In Österreich sind Waffenexporte an "kriegsführende Nationen" verboten. Daher wurde eine Kanone an Frankreich verkauft und von dort nach Argentinien. Wenn das stimmt (ich kenne den Fall nicht), dann hat das Exportverbot außer einem reinen Gewissen für die Österreicher nichts bewirkt.
Mein Fazit
Es ist gut, wenn du dir über dein Geld Gedanken machst, aber du solltest wissen, dass deine Konsumentscheidungen wichtiger sind. Also: Lieber Ökostrom kaufen als in Ökostrom investieren und schmutzigen Strom verbrauchen.
Eine echte ökosoziale Geldanlage ist immer zu einem gewissen Teil eine Spende, und da sind beide Wege gleich richtig:
* Verzichte auf größtmögliche Erträge, z. B. durch Anlage bei der Oikocredit zu max. 2%.
* Such und kassier die größten Erträge, die der Markt bei gegebenem Risiko bietet, und spende sie nach Belieben.
Also letzten Endes ist das Thema sogar einfacher als gedacht, oder?


Kommentare (16)
Beitrag abonnieren
LucillaInTheGarden
schrieb am 23.01.2011 um 12:41 ¶Es müsste eine Bank geben, die das Geld der Anleger überhaupt nicht in Aktien etc. investiert, sondern ausschließlich, indem sie Kredite an Privatpersonen und umwelt- und sozialverträgliche Unternehmen vergibt. Wenn die Zinsen dafür dann günstiger sind als marktüblich, könnte sich z.B. ein ökologisch ausgerichteter Betrieb eine Investition leichter leisten als mit einem Kredit einer herkömmlichen Bank und würde dadurch gefördert. Aber so eine Bank gibt es nun mal nicht, eventuell ist das auch nur ein theoretisches Konstrukt, das in der Praxis einfach nicht funktionieren würde.
Also am besten, man hat Schulden, die sind einem sicher, man profitiert von der Inflation und man weiss genau, worin das Geld steckt... ;-)
Mario_Sedlak
schrieb am 23.01.2011 um 13:27 ¶Andreas Zoerner
schrieb am 23.01.2011 um 13:51 ¶vielen Dank für Deinen Artikel. Einige Deiner Punkte finde ich sehr interessant, aber anderes verstehe ich leider nicht.. Vielleicht kannst Du mir bitte erläutern, was Du mit dieser Passage, die Dir ja besonders wichtig ist, meinst:
"Das führt jetzt zu meinem Haupteinwand gegen ökosoziale Geldanlage: Nach Studien, die mir als Mathematiker plausibel erscheinen, reichen 20% der Anleger bereits aus, damit faire Preise auf einem Wertpapiermarkt entstehen. Das bedeutet nichts anderes als dass der Anteil der ökosozialen Anleger die Schwelle von 80% überschreiten müsste, um überhaupt irgendetwas an den Kursen auf Dauer zu verändern. "
Was meinst Du mit "fairen" Preisen? Wonach bemisst sich das (bei Geldanlagen)?
Liebe Grüße
Andreas
Mario_Sedlak
schrieb am 23.01.2011 um 14:09 ¶Anderer Vergleich: Der Kauf einer ökosozialen Aktie ist kein Tropfen auf den heißen Stein sondern in ein noch fast leeres 80-l-Fass über dem heißen Stein. Erst wenn das Fass voll ist, kann der strategische Aktienkauf die Welt verändern.
berniewa
schrieb am 24.01.2011 um 14:33 ¶(mir war das im ersten Moment auch nicht klar und anderen die ebenfalls normalerweise nichts mit Börse etc zu tun haben, vermutlich ebenfalls. Danke daher für die Nachfrage und die Antwort)
Andreas Zoerner
schrieb am 23.01.2011 um 14:21 ¶Mario_Sedlak
schrieb am 23.01.2011 um 14:34 ¶Was jeder Anleger aber steuern kann, ist das Risiko: Wer z. B. alles in eine Aktie oder Branche steckt, bewirkt überdurchschnittlich hohe Wertschwankungen seiner Anlage.
Andreas Zoerner
schrieb am 23.01.2011 um 14:48 ¶Die Fußnoten auf Deiner Seite habe ich mir angesehen. Leider sind viele Punkte nicht mehr im Netz aufrufbar. Aber ich werde mal versuchen, die Studien auf anderem Wege einzusehen.
Mario_Sedlak
schrieb am 30.01.2011 um 19:59 ¶Ja, eine Kategorisierung in gute und schlechte Fondsmanager kann sich allenfalls auf das Risiko beziehen (welches sehr wohl steuerbar ist), nicht aber auf die dem Risiko entsprechende Wertsteigerung (welche durch Expertenkenntnisse *nicht* übertroffen werden kann). Das wissen noch viel zu wenige. Bitte weitersagen!
berniewa
schrieb am 24.01.2011 um 14:34 ¶berniewa
schrieb am 25.01.2011 um 12:26 ¶Alternative 1: Ich kaufe Anteile der Greenpeace Energy eG
Alternative 2: Ich kaufe Anteile bei einem Unternehmen, das große Autos baut
Mit 1 erhöhe ich die finanziellen Handlungsspielräume zur Energiewende
Mit 2 unterstütze ich umweltschädlichen Autobau
Mir scheint es sehr eindeutig zu sein, was davon ethisch besser ist.
Sicher ist nicht jeder Fall so eindeutig, aber davon ausgehend lassen sich sicher einige Kriterien finden, die annähernd ähnliche Auswertungen zulassen
Mario_Sedlak
schrieb am 26.01.2011 um 19:46 ¶berniewa
schrieb am 31.01.2011 um 00:07 ¶Ein bisschen verwandt ist es mit dem Gefangenendilemma in der Entscheidungstheorie, und zwar insofern, als dort eine je individuell primär optimierende Einzelhandlung ein für alle Gefangenen schlechteres Ergebnis hervorbringt, als das Folgen einer 'Meta-Strategie' (so nenne ich es mal unkonventionell); naja, der Vergleich hinkt, aber vielleicht macht es trotzdem klarer, was ich meine.
Ein gutes Buch für solche Fragen n.b: Julian Nida-Rümelin : Kritik des Konsequentialismus
(vermutlich gibts auch neuere, und solche die direkter passen, aber das fällt mir spontan dazu ein, und lesenswert ist es allemal, wenn man sich mit solchen ethischen Fragen befasst)
p.s. ich will aber übrigens nicht behaupten, deine Überlegungen schon alle 100% verstanden zu haben. Vielleicht ist mir noch eine wichtige Pointe entgangen. Müsste mir evtl noch mal bei Gelegenheit mehr Zeit nehmen
Mario_Sedlak
schrieb am 31.01.2011 um 07:53 ¶berniewa
schrieb am 25.01.2011 um 12:45 ¶Deartouan
schrieb am 26.01.2011 um 20:10 ¶Kommentar schreiben
Bitte neu registrieren oder anmelden um einen Kommentar zu schreiben. Neu: auch über