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Kennt ihr die österreichische Plattform Footprint? Die hat einen eigenen Menüpunkt namens "Nicht klicken!" (Update 2012: inzwischen umbenannt in "Forschen"), der nur für jene gedacht (bzw. geeignet) ist, "die sich von harten wissenschaftlichen Fakten sowie von fachlichen Formulierungen nicht abschrecken lassen." Wer trotz aller Warnungen weiterklickt, erfährt:

* Die Zukunft ist nicht nur rosig.
* Es wird auch Verlierer geben.
* Benzin kostet bald 2 Euro, und das ist gut so.
* Der Planet ist am Rande und über seiner Tragefähigkeit.
* Konsum ohne Fußabdruck gibt es nicht. Eine Entkopplung von Reichtum und Umweltbelastung ist nicht in Sicht, d. h. wir müssen ärmer werden, wenn wir nachhaltig leben wollen!?
* Die ökologische Gefahr sind wir mit unseren zukunftsUNfähigen Lebensstilen!

"Sie verderben den Menschen nur den Tag damit", meinen Kritiker der Footprint-Website - und haben leider wohl Recht. Claudia Langer, Gründerin von Utopia.de und zuvor höchst erfolgreich in der Werbebranche, weiß, wie man "positive" Texte schreibt, die die Leute gerne lesen. Ein schönes Beispiel ist ihr Artikel über die "Freiheit" des Nichtfliegenmüssens - obwohl sie in ihrem Profil (lobenswerterweise) zugibt, dass sie auf private Flugreisen nicht verzichten kann.

Und das scheint genau das Konzept, die "frohe Botschaft" von Utopia.de zu sein: Wir müssen auf nichts verzichten! Ein bisschen strategischer Konsum, und alles wird gut!

"Utopia bedeutet für mich eine positive Lebenseinstellung. Utopia bedeutet für mich, Fehler machen zu dürfen, mein Auto zu benutzen, ohne mich elend und schuldig zu fühlen", schreibt Utopia-Mitarbeiterin Stefanie Dowe und bringt es damit genau auf den Punkt: Utopia ist eine "Wohlfühl-Plattform". Niemand soll ein schlechtes Gewissen haben. Umweltsünden gibt es nicht. Die engagierte Utopia-Vision, der ich zu 100% zustimmen kann, ist zwar auf jeder Utopia-Seite mit einem Mausklick aufrufbar, wird aber meinem Eindruck nach in kaum einem Beitrag thematisiert. Dabei wäre es so wichtig, darüber zu diskutieren, wie wir den globalen Turnaround wirklich schaffen und welche Lebensstiländerungen zwar gut, aber zu wenig sind.

"Wollen wir Utopisten sein?", fragte ich vor einem Jahr. Allmählich wird mir klar: Der Name "Utopisten" ist durchaus passend, denn viele wollen hier tatsächlich lieber in einer positiven, erfundenen Welt leben als in der oft trostlosen Wirklichkeit. Können wir es ihnen verdenken? Sie wollen einfach glücklich sein, mehr nicht.

"Mir ging es nach einer Überdosis Utopia eine zeitlang richtig dreckig. Es ist sehr einfach, über die diversen Infos und Links das ganze Elend dieser Welt in die eigenen vier Wände zu holen", veranschaulicht Lukita.

Da kann ich mich glücklich schätzen: Mich ziehen negative Nachrichten nicht runter. Ich bin Vernunftmensch und Logiker. Unter allen Umständen will ich die Welt so sehen, wie sie wirklich ist (und nicht, wie sie am schönsten wäre). Ich will genau das "Haar in der Suppe" suchen, während andere nur die Suppe (mit Haar?) essen wollen. Und als Logiker kann ich den Widerspruch nicht ausblenden:

* Entweder wir wollen den globalen Turnaround
* oder wir begnügen uns mit einer "positiven Lebenseinstellung", die allen gefällt.

Beides zusammen geht nicht! Konsens oder Wahrheit, wir müssen uns entscheiden.

Bei Kritikern gilt Utopia.de längst als Greenwashing- und Lifestyle-Plattform. Wenn hier Menschen, die ihren unnachhaltigen Lebensstil bis auf ein paar kosmetische Änderungen nicht überdenken wollen,
ein emotionales Zuhause haben, dann ist das zwar schön für diese Menschen, aber die Utopia-Vision vom globalen Turnaround wäre damit als reiner Werbegag entlarvt - so wie ich Claudia Langer nicht abnehme, dass sie "nicht fliegen zu müssen" wirklich als "Befreiung" erlebt (aber ihr Text ist wunderschön geschrieben).

Was tun?

Positiv denken und positiv schreiben ist gut, aber wenn wir den Turnaround wirklich schaffen wollen, dann dürfen wir uns nichts vormachen. Der Trend zur Nachhaltigkeit lässt sich nicht so einfach herbeischreiben und -wünschen.

Niemand muss perfekt sein! Es geht nicht um Konsumverzicht bis zur Selbstaufgabe. Wenn jeder auch nur das tut, was ihm am leichtesten fällt, wäre die Welt der "Rettung" ein schönes Stück näher. Wir sollten den Menschen, denen nur kleine Schritte leichtfallen, aber dennoch nicht verschweigen, dass ihr Beitrag zu wenig ist, wenn sie tatsächlich die Welt retten wollen. Wir müssen es ihnen nicht gleich unter die Nase reiben - das wäre wahrscheinlich unklug - aber wir sollten auch nicht eine Scheinwelt, in der alles in Ordnung ist (das berühmte "Utopia"), aufbauen. Scheinwelten mag ich nicht; sie verwirren unsere Köpfe und behindern uns bei der Lösung der Probleme in der echten Welt.

Es geht auch nicht darum, irgendwelche Verbote auszusprechen oder den Zeigefinger zu erheben. Schon gar nicht kann irgendjemand absolut sicher sein, was am nachhaltigsten ist und welcher Lebensstil der beste ist. Lasst uns einfach offen und ehrlich darüber diskutieren! Nur eines ist aus Gründen der Logik nicht möglich: ein Sachargument mit einem Gefühlsargument entkräften. Das klingt trivial: Die Welt ändert sich nicht deswegen, weil sie mich traurig macht. Dennoch trifft man ständig auf ein Argument nach diesem Muster. Achtet mal darauf! Ein bisschen mehr Logik wäre schön, damit wir in der Diskussion vorankommen. Umgekehrt kann ich von den positiven Denkern noch viel über Gefühle und ihren Sprachgebrauch lernen. Logik und Gefühle schließen sich ja nicht aus! Ich bin überzeugt, dass man auch mit ehrlichen Texten begeistern kann.

Ehrlichkeit und Vorbildwirkung sind meines Erachtens die notwendige Grundlage des Turnarounds, denn er kann nur von jedem Einzelnen ausgehen.