![[image]](http://sedl.at/Fotos/2010/SOL/Symposium/600px/Vortragsbeginn.jpg)
Dan Jakubowicz in Vertretung von Volkswirtin Katharina Mader, die erkrankt ist
Der österreichische "Nachhaltigkeitsverein" SOL veranstaltet jedes Jahr ein Symposium, welches heuer vom 3.-4.7.2010 stattfand und unter dem Motto "Nachhaltig leben - genussvoll für alle" stand. Bei einem dort gehaltenen Vortrag wurde erörtert, welche Möglichkeiten es gibt, den Wohlstand eines Landes zu messen. Dass dieser nicht nur von der Wirtschaftsleistung des Landes abhängt, ist offensichtlich.
Kritik am BIP als "Wohlstandsindikator"
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die Summe des Marktwerts (in Euro) aller hergestellten Produkte und Dienstleistungen (eines Landes, innerhalb eines Jahres). Vonseiten SOL sind die Hauptkritikpunkte am BIP, dass dieser häufig benutzte Indikator Folgendes nicht mitberücksichtigt:
* unbezahlte Arbeit
* Einkommensverteilung
* soziale und ökologische Kosten
Alternativen zum BIP
* Index of Sustainable Economic Welfare
* Genuine Progress Indicator
* Canadian Index of Wellbeing
* Happy Planet Index
* Bruttosozialglück
* viele weitere, ähnliche Indikatoren
In vielen Fällen wächst das BIP, während die "nachhaltigen" Indikatoren schrumpfen. "Die Wirtschaft wächst vielleicht gar nicht, sondern es schaut vielleicht nur so aus, weil wir das Wirtschaftswachstum auf merkwürdige Art berechnen", fasst der Vortragende zusammen.
Probleme mit den Alternativen zum BIP
Alle Alternativen sind problematisch und in der Wissenschaft umstritten - sonst gäbe es nicht so viele verschiedene Indikatoren.
Beispiele:
1. Laut Happy Planet Index ist Moldawien weit besser als Deutschland oder Österreich, was merkwürdig ist, da in Moldawien Leute am verhungern sind, weil sie so arm sind. "Da kann irgendwas nicht stimmen", meint der Vortragende. Ursache ist die einfache Berechnungsformel: Die durchschnittliche Lebenserwartung wird mit der durchschnittlichen Zufriedenheit der Menschen multipliziert und das Ergebnis durch den ökologischen Fußabdruck dividiert. Da arme Menschen i. A. einen kleinen ökologischen Fußabdruck haben, ergibt sich für den ärmsten Staat Europas ein Spitzenplatz laut "Happy Planet Index".
2. Das Bruttosozialglück wird in Bhutan anhand von 72 genau definierten Messgrößen berechnet. Die Messgrößen basieren zum Teil auf Umfragen. SOL versuchte, das Bruttosozialglück für Österreich auszurechnen, was aber nicht ging, denn ein Faktor in der Umfrage lautet: "Ich erkenne das Wirken von Karma in meinem Leben." Kritik gibt es auch dafür, dass in Bhutan 20% Nepalesen leben, aber im Index ist nur die bhutanische Kultur vertreten.
Was wächst wirklich?
* Der Energieverbrauch wächst eindeutig: Bisher gibt es weltweit keine Entkopplung im Sinne von "Wirtschaftsleistung wächst" und "Energieverbrauch sinkt" (der Energieverbrauch ist lediglich langsamer gestiegen als das BIP).
* Die Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft geht immer weiter auf.
* Beim Wohlbefinden gibt es kein Wachstum: "Was uns immer eingeredet wird - mehr Geld am Konto, dann geht's uns besser - stimmt nicht", erläutert der Vortragende und verweist auf entsprechende Umfragen. (Nur in armen Gesellschaften macht mehr Geld glücklicher.)
Wie funktioniert Wohlstand ohne Wachstum?
Als Grundproblem unserer heutigen, nicht nachhaltigen Gesellschaft wurde der übersteigerte symbolische Wert des Konsumierens identifiziert ("Ohne Nike-Schuhe ist man in der Clique ein Niemand"). Unsere Kultur müsste sich von der "Religion des Konsumierens" abwenden und stattdessen die ökologischen Grenzen respektieren. Es müsste einen ethischen Zwang zum Verzicht geben, wobei das Wort "Verzicht" bei SOL allerdings nicht gerne verwendet wird, denn es gehe nicht um ein Leben mit weniger Annehmlichkeiten sondern um ein anderes Leben, wo man nicht - wie ein Drogenabhängiger - nach "immer mehr" strebt. Die Therapie für einen "Konsumabhängigen" könne nicht "noch mehr Konsum" sein.
Kommentar
Ich sehe es genauso:
* Es wäre schön, einen Indikator zu haben, der genau dann wächst, wenn es der Welt und allen Menschen besser geht. So einen Indikator scheint es aber nicht zu geben. Die Welt ist einfach komplexer, als es eine einzelne Zahl wiedergeben kann.
* Auch "das System" kann man nicht so einfach "reparieren", da es gar nicht daran schuld ist, dass die große Mehrheit so wenig nachhaltig handelt. Die Ursache liegt vielmehr in den Wünschen jedes Einzelnen. Wenn wir die Welt retten wollen, müssen wir nicht nur Politiker und Konzernbosse sondern vor allem auch unsere Mitmenschen von einem nachhaltigeren Lebensstil überzeugen. Davon bin ich jedenfalls überzeugt.
Siehe auch
Zu dem Thema sind erst kürzlich auf Utopia in der Reihe "Muss die Wirtschaft ewig wachsen?" zwei Artikel erschienen:
* Wachstum durch Zerstörung? - Kritik am BIP
* Die Wohlfahrt neu (ver)messen - Beispiel einer Alternative zum BIP


Kommentare (1)
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rocky500
schrieb am 21.11.2011 um 15:53 ¶mit Wohlstand zu tun. Natürlích gibt es teilweise Zusammenhänge aber genauso könnte man versuchen aus der Tiefe eines Sees auf die Größe des Fischbestandes schließen. Ich meine, was nützt ein tiefer See wenn das Wasser derart mit Weichmachern aus Kunststoffen belastet ist, das sich die Fische nicht mehr fortpflanzen können. Dieses Beispiel ist übrigens nicht nur so aus der Luft gegriffen und trifft auch auch auf den Menschen zu.
Wie gut es den Menschen geht sieht man in meinen Augen (leider) allzu deutlich an dem gehäuften Auftreten von psychischen Erkrankungen wie z.B. Burn out Syndrom usw.. gesundheit ist für mich DER Indikator für Wohlstand. In dem Wort Wohlstand steckt schließlich dass Wort wohl drin. Also wenn ich gesund bin fühle ich mich wohl...
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