Lassen wir zunächst mal ein paar ganz persönliche Einrücke wirken. Eine visuelle Dokumentation der Woche findet ihr wie immer in unserer Bildergalerie.
„‘Sailing for Sustainability‘ bot mir die Möglichkeit Gleichgesinnte aus verschiedenen Teilen Europas kennenzulernen. Eine alternative Ökonomie, in der Bürger und Gemeinschaftgüter im Mittelpunkt stehen, ist das - so glauben wir - worauf Entscheidungsträger ihre Aufmerksamkeit geben sollten. Ich denke, dass eine neue Ethik und der Respekt für qualitative und nicht nur quantitative Werte das Herzstück einer neuen Ökonomie werden müssen.“ - Agnieszka Szymczakowska, Polen[/i]
[i]„Ich bin wirklich beeindruckt von den vielen Projekten und Ideen, die wir in dieser Gruppe von Menschen präsentiert und entwickelt haben. Ich bin inspiriert – es weht ein verdammt guter Wind zum Segeln und für echte Nachhaltigkeit.“ - Miriam Gieseking, Deutschland[/i]
[i]„In dieser Woche war ich zum allerersten Mal unabhängig segeln und hatte gleichzeitig die Möglichkeit die anderen kennenzulernen, die nun meinen liebsten Freunden geworden sind. An diesem Projekt teilzuhaben hat mir erlaubt Orte zu entdecken, die ich in Zukunft wieder besuchen möchte. Vielleicht werde ich dann selbst Organisator sein und junge Menschen mit genauso großem Enthusiasmus inspirieren.“ - Ernst Tonissen, Estland
„Die Freiheit der Gedanken, die beim Segeln auf offener See in einer herausfordernden und erfüllenden Woche möglich wurde, inspirierte andere und mich selbst. Sie brachte uns dazu über uns selbst zu reflektieren, über unsere Umwelt, Gesellschaft und Gemeinschaft, unser Verhalten, unsere Werte, Beziehungen und Abhängigkeiten.“ - Younes Filali, Letland
Klar haben wir eine Menge Spaß gehabt. Ein weiteres Ziel unserer Reise war es ernsthaft und konstruktiv über die Inhalte des angestrebten Abschlussdokuments der UN Konferenz für Nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro nachzudenken. Das Thema der ersten Woche, dass wir untersuchten war die so genannte „Green Economy“. Diese übersetzt „Grüne Wirtschaft“ wurde in Rio als die Grundlage für eine globale, nachhaltige Entwicklung diskutiert. Dass auf dieser Grundlage kein Konsens gefunden werden konnte haben wir nun erlebt. Die G-77 Staaten haben heftig widersprochen, sie sehen darin einseitige Interessen der Länder des Nordens verwirklicht. Auch NGOs und assoziierte Gruppen haben sich von einem Abschlussdokument auf dieser Grundlage distanziert.
Ulrich Brand hat uns mit seiner Bildungsbroschüre „Schöne Grüne Welt“ ein paar Anregungen für die Diskussionen mitgegeben. Er stellt für das Konzept „Green Economy“ zwölf Grundannahmen heraus:
1. «Green Economy belebt die nachhaltige Entwicklung»
2. «Die Krise ist eine Chance für eine Green Economy»
3. «Die Green Economy versöhnt Ökonomie und Ökologie»
4. «Die Green Economy schafft gute Arbeitsplätze»
5. «Höhere Effizienz führt zu mehr Wachstum mit weniger Ressourcenverbrauch»
6. «Umweltschutz und Nachhaltigkeit benötigen einen starken Staat»
7. «Unternehmen sind die Motoren der Green Economy»
8. «Grünes Geld fördert die grüne Wirtschaft»
9. «Deutschland kann seine Stellung als Weltmarktführer bei grünen Technologien ausbauen»
10. «Verbraucherinnenmacht zwingt Unternehmen zum Umweltschutz»
11. «Die Green Economy bietet dem Süden Entwicklungschancen»
12. «Green Economy bekämpft Armut»
Was konkret dahinter steckt und was dran ist könnt ihr im Original hier nachlesen. Mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Brand haben wir die Thesen und Hintergründe auch auf unserer Webseite zusammen gestellt. Sie dürfen als Positionspapier der AktivistInnen von "Sailing for Sustainability" verstanden werden. Wir stimmen folgendem Fazit von Ulrich Brand (S.39-41) über die Grenzen einer "Green Economy" zu:
„Angesichts der falschen Versprechen der Green Economy: Eine sozial-ökologische Transformation ist nötig (und möglich)!
Die Green Economy soll allgemeine Harmonie stiften. Ökonomie und Ökologie werden versöhnt: Die Natur wird geschützt und die Armut reduziert, das Wirtschaftswachstum wird gestärkt und mit ihm das Entstehen guter Arbeitsplätze. Die fortschreitende Naturzerstörung wie auch zunehmende Konflikte und soziale Ungleichzeit zeigen jedoch: So bruchlos funktioniert das nicht. Und zwar vor allem, weil der kapitalistische Wachstumszwang und die Dominanz des Profit-Prinzips den hehren Zielen immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Die Green Economy – so wie sie derzeit praktisch gefördert wird – versöhnt die Unternehmen nicht mit dem Klima und Oben nicht mit Unten.
Die Green Economy ist also kein Win-Win-Win-Spiel, sondern trägt jede Menge Konflikte in sich; sie schließt heute schon Menschen aus, auch sie basiert auf Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Entsprechend geht es darum, die konkreten Formen einer Green Economy genau zu betrachten und auch die sie antreibenden Kräfte und Interessen. Hierbei wird deutlich: Das derzeit dominante Interesse ist der Ausbau kapitalistischer Marktstrukturen und auch hier geht es um mehr Wachstum.“
Die Crew verabschiedet sich nun in Liepaja. Unsere Nachdenklichkeit ist jedoch hier noch nicht zu Ende. Gemeinsam haben wir uns auf den Weg gemacht und nun tragen wir unsere Erfahrungen und Erkenntnisse nach Hause, jeder in einer andere Himmelsrichtung, und gehen den Weg mit anderen weiter.
Als nächstes dürfen wir eine neue Crew an Bord der Lovis begrüßen, das sich mit dem Thema "Regenerative Energien" beschäftigen wird.
Also, bleibt uns gewogen, die Reise geht weiter....
Eure Sarah (alias emmaradio)
für Action_For_Sustainability
P.S. Wir sind ein offenes Netzwerk und laden alle ein teilzuhaben, mitzureden, mitzumachen, eure Projekte zu zeigen auf unsere Webseite, Facebook, Twitter, über den Newsletter (Mail an: sailing@ge-forum.org, Betreffzeile: NEWSLETTER) und auf unserem Utopia-Blog.
Nachweise:
>> Originalzitate unserer TeilnehmerInnen nachzulesen in unserem Log-Buch auf unserer Webseite.
>> "Schöne Grüne Welt" von Ulrich Brand erschienen in «luxemburg argumente» Nr. 3; Berlin, April 2012, ISSN 2193-5831
Download Deutsch / Download Englisch
>> Fotos: Kai Löffelbein (c) Sailing for Sustainability
Ein Fazit der ersten Woche: „Schöne Grüne Welt?“


Kommentare (2)
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Farbbezeichnungen sind halt sehr geduldig (in diesem Fall ist einfach das Chlorophyll von Pflanzen der Aufhänger des Namens)
Heute wird mit Sicherheit auch bewusst von Agro-Unternehmen damit gespielt, dass "green" heute oft ungefähr auch für etwas wie "ökologisch" steht.
Leider wird aber auch gern bei der berrechtigten Kritik der Bogen überspannt, und Leute nehmen einzelne fragwürdige Abwege als Alibi, um eine ganze Sparte pauschal zu verurteilen, z.B. bei der sog. NaWaRo Debatte ( um nachwachsende Rohstoffe ) was soweit geht, dass manchmal schon fast der Eindruck entsteht, dass die Erdölindustrie sich da nicht nur passiv die Hände reibt, sondern sogar im Hingergrund aktiv ist (weil NaWaRo eine zunehmende Konkurrenz zu Erdölprodukten darstellen)
Und nicht zuletzt ist sowieso Ökonomie immer ambivalent, weil "der Markt" sozusagen "blind" ist (für Ökologie und Humanität)
öklologisch und humanitär,
empfehle ich unter anderem die folgende Seite (Filmdokutips und andere Infos)
http://www.utopia.de/gruppen/buecher-filme-und-tv-415/diskussion/das-oel-zeitalter-dokumentarfilm-2-197487
In Sachen Uran-Industrien, neben fossilen Ressourcen (für Energie und Kunststoffe) ein weiterer bis heute weltweit immer noch unterschätzter "Verbrecher" in Sachen Ökologie und Humanität, empfehle ich den Dokufilm
" Die Lüge von der sauberen Energie " -
allein was schon der Abbau des Urans, z.B. in Namibia, anrichtet,
wissen die meisten Menschen bis heute nicht.
Mein ' ceterum censeo ' dazu lautet daher zugespitzt:
Bei der Green Economy gibt es Irrwege,
fossile und atomare Industrien s.i.n.d Irrwege.
... (und) ...
Wer über jene spricht,
sollte auch diese nicht verschweigen.