Warum nach Rio fliegen?
3500 kg Co2 habe ich gerade durch meinen Flug Berlin- Paris - Rio emittiert, um bei der Konferenz Rio plus 20 teilzunehmen: Da entspricht in etwa 1 ½ Jahre Autofahren eines Mittelklassewagens und liegt sogar noch über dem klimaverträglichen Jahresbudget eines Menschen (ca. 3000 kg Co2). Und da ist der Rückflug noch gar nicht eingerechnet. Was verzichte ich tagtäglich auf ein Auto, um dann diese Bemühungen mit einem Schlag zunichte zu machen? Was will ich eigentlich hier? Viel ist vom Jubliäumsgipfel 20 Jahre nach der ersten „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro doch ohnehin nicht zu erwarten.
Aber von Anfang an:
Damals – vom 3.- 14. Juni 1992 trafen sich 108 Staatsoberhäupte, um zum ersten Mal im großen Rahmen international verbindliche Regelungen zu Umwelt- und Entwicklungsfragen festzulegen, u.a. die Klimarahmenkonvention. Seitdem hat es viel Einsicht und Fortschritt auf dem Papier und in den Köpfen gegeben: Nachhaltig wolle heutzutage alle sein- von Politikern jeder Couleur über Unternehmen bis zu NGO´s. Doch die Wirklichkeit hinkt massiv hinter diesem Anspruch: Der zunehmende Wohlstand in vielen Teilen der Welt trifft auf eine verschärfte Ausbeutung der Natur und einer größeren Kluft zwischen Arm und Reich (siehe der aktuelle UN Umweltreport :„Geo plus 5".)
Nach Vorstellung der UNEP soll nun eine „Green Economy“ dafür sorgen, dass der Globus gerettet und Entwicklung und Teilhabe für alle gewährleistet wird. Sie hat eine umfassende Studie vorgelegt, wie die Wirtschaft mit nur 1 bis 2 Billionen Dollar jährlich von „braun zu grün“ umgestellt werden kann und zugleich die weltweite Armut reduziert wird. Daraus wurde ein zentraler Teil des Verhandlungstextes, der am 20-22 Juni 2012 hier verabschiedet werden soll. Herausgekommen ist ein windelweicher Text, nach dem eine „Grüne Ökonomie“ je nach Gutdünken ausgestaltet werden kann, die keine Treiber und Blockierer kennt und die auch keinem weh tut. Eine vertiefte Bewertung des bisherigen Entwurfes durch meiner Kollegin Lili fuhr findet sich hier und durch Daniel Mittler von Greenpeace hier.
Die brasilianischen und lateinamerikanischen NGO`s kritisieren das "Grüne Ökonomie" Konzept der UNO sogar so sehr, dass sie zu einem Gegengipfel eingeladen haben, dem Gipfel der Völker. Ihre Hauptkritik richtet sich gegen die Privatisierung von Natur und ihre Inwertsetzung, um sie so marktfähig zu machen. Bedenken habe sie auch gegen die großen Konzerne, die Biomassereserven, Saatgut und Gene kontrollieren wollen, die die Grüne Ökonomie braucht. Zum Verständnis dieser Kritik empfehle ich “Kritik der Grünen Ökonomie“, “Was uns die Natur wert ist” und “Biomassters Battle to Control the Green Economy“.
Um es zusammenzufassen: Der offizielle Text zur „grünen Ökomomie“ ist enttäuschend, Fortschritt bei der Ökologisierung der Wirtschaft ist hier nicht zu erwarten. Mehr passiert bei den Hunderten von „Side Events“, die parallel zum offiziellen Prozess stattfinden und in dem 50 000 TeilnehmerInnen von Nichtregierungsorganisationen, Wirtschaft, Politik darum diskutieren, was eine „Green Economy“ bedeutet, wie man sie fördert und was sie leisten kann und was nicht. Hier kann man wie unter einem Brennglas die globalen Debatten und Entwicklungen zur grünen Ökonomie nachvollziehen, wichtige Bündnispartner finden und Blockierer identifizieren. Deswegen bin ich hier und davon werde ich in den nächsten Tagen berichten.



Kommentare (6)
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vielen Dank für diesen Beitrag! Mich würde interessieren, wie Sie auf diese CO2-Bilanz kommen. Gibt es da einen Rechner, mit dem sie berechnet worden ist? Ich habe hier in der Community erst letztens eine Diskussion angestoßen, ob Fliegen wirklich so viel mehr klimaschädlich ist als Autofahren und habe bist jetzt keinen zufriedenstellenden, glaubwürdigen Vergleichsmaßstab gefunden.
Vielen Dank für die Auskunft!
Aber es gibt da bestimmte verschiedene Ansätze, es zu berechnen... Ich dachte es so viel klimaschädlicher, weil es so hoch in der Atomospähre emittiert wird und dadurch schädlicher ist?
Wäre toll, wenn es nicht so wäre...
Herzlichen Gruß,
Dorothee Landgrebe
Dass von der Heinrich-Böll Stiftung eine Referentin hinfliegt, kann mensch sicher infragestellen. Sicher ist für mich allerdings, dass gerade diese Stiftung sich das gut überlegt hat, und abgewogen hat, ob diese Nachteile evtl. im poistiven Verhältnis stehen zu dem, was die Referentin dort erreichen kann, wenn sie persönlich hinfliegt. Und du hast die Sache ja ebenfalls offenbar durchdacht
Ich selber bin eigtl immer eher für dezentrale Aktionen, zumal das in unserer heutigen Medienwelt trotzdem effektreich vernetzt werden kann, um 'Synergien' herzustellen u.s.w. Trotzdem schließe ich nicht aus, dass es in Ausnahmefällen auch sinnvoll sein kann, dass einige zu einem zentralen Ereignis fliegen
Eine interessante Debatte gabs auch schon mal hier bei Utopia ob es sinnvoll ist, z.B. ein Regenwaldrettungsprojekt in Südostasien zu besichtigen und davon zu berichten u.s.w. (klar, ist nicht dasselbe, es gibt aber evtl relevante Überlappungen)
Den Politikeliten und den Wirtschaftsbossen wird das wieder völlig sch...egal sein.
Schön, daß wir drüber geredet haben...
Nach so vielen Jahrzehnten wirkungsloser (Welt-)Umwelt- und Klimagipfel sollte eingestanden werden, daß sich das nicht lohnt und nichts bringt.
Fegen wir lieber vor unserer eingen Haustür.