Der angestrebte Deutsche Nachhaltigkeitskodex soll nachhaltiges Wirtschaften stärken und hierfür Orientierung geben. Dazu hat der Rat gemeinsam mit den beteiligten Experten 22 Eckpunkte für einen solchen Kodex aufgestellt und Vorschläge gemacht, wie er in der Praxis angewendet werden könnte.
Der Rat lädt Sie ein zur Diskussion: Macht ein Kodex Sinn?
Kommt er zur rechten Zeit?
Welche Inhalte sollte er haben?
Was werden Unternehmen, Verbände, NGOs und Politik davon halten?
Wir wollen Ihre Meinung! In den kommenden Tagen werden wir Ihnen hier die einzelnen Punkte des Kodex vorstellen und freuen uns auf Ihr Feedback! Alle Ihre Beiträge fließen direkt zurück, Sie können uns so bei der Weiterentwicklung des Entwurfs aktiv unterstützen.


Kommentare (31)
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Qngroup
schrieb am 16.12.2010 um 14:19 ¶Ich würde jedoch erwarten, dass der Rat zunächst mal eine Definition des Begriffes Nachhaltigkeit vornimmt. Dieser kommt ja ursprünglich aus der Waldwirtschaft und hat einen rein ökologischen Hintergrund.
Was mittlerweile permanent durch die Medien schwirrt ist aber viel mehr ein Begriff der ganz offenbar von ein paar Marketingprofis instrumentalisiert wurde und derzeit Anwendungsbereiche findet die mir persönlich absolut unerklärlich sind!
Was dann als Nachhaltigkeitskodex installiert werden soll erscheint mir momentan ein wenig wie das noch vor 20 Jahren eingeführte Qualitätsmanagement, welches bereits kurze Zeit später lediglich ein niedliches Werbeinstrument war und nicht mehr.
1998 waren wir alle INNOVATIV
2003 haben wir alle ZIELFÜHREND gearbeitet
nun 2010 sind plötzlich alle NACHHALTIG?
NATIVIA
schrieb am 16.12.2010 um 15:29 ¶Allerdings scheint es ziemlich schwierig zu sein alle Standpfeiler der Nachhaltigkeit (sozial, ökologisch und ökonomisch) unter einen Hut zu bringen.
Es stimmt, dass viele Unternehmen dies aus Marketinggründen benutzen um nach Außen hin gut darzustehen, aber letzendlich nur den ökonomischen Part wirklich verfolgen.
Alles andere scheint oft nur als Alibi genutzt zu werden, damit man den Aktionären ein ruhiges Gewissen verschaffen kann.
Wenn man einen dieser Marketingtypen fragt, dann können nur die wenigsten diesen Begriff erklären und vor allem etwas sinnvolles darauf antworten. Die meisten zitieren dann nur Gro Harlem Brundtland, verstehen aber gar nicht was sie da eigentlich von sich geben.
Es bleibt schwierig...
Qngroup
schrieb am 16.12.2010 um 15:51 ¶Denn fragen Sie mal auf der Strasse nach was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet, kein normaler Mensch kann das erklären.
Wie soll man an einer Thematik mitdiskutieren wenn das Verständnis für das Thema noch gar nicht gegeben ist. Im Grunde gehört hier erst mal das kommunikative Umfeld geklärt.
Und die relativ konzentrierte Ausrichtung auf den Sektor Finanzen gefällt mir hier gar nicht.
gerfi
schrieb am 16.12.2010 um 18:28 ¶Dazu bedarf es keiner langatmigen Kommentare, sondern klarer kurzer Statements, die aber nicht doppeldeutig sein dürfen.
Es müssen Ziele sein, die jedes Unternehmen, vom Kleinbetrieb bis zum Global-Player auch als Ziel mit in sein persönliches Cooperate Covernance einfügen kann.
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 17.12.2010 um 10:45 ¶Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.
siehe auch: http://www.nachhaltigkeitsrat.de/nachhaltigkeit/
fairskate
schrieb am 18.12.2010 um 14:47 ¶Genau das ist eben nicht die Brundtland-Definition, sondern das 3-Säulen-Modell, das maßgeblich zur Aushölung des Begriffs beigetragen hat. Es wurde uns nicht zufällig vor allem vom Verband der Chemischen Industrie bescheert und wird in der Wissenschaft als "schwache Nachhaltgikeit" bezeichnet:
http://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltigkeit_%28Drei-S%C3%A4ulen-Modell%29
Ein Kodex, der sich auf dieses Modell beruft, wird schon heute von quasi jedem Unternehmen erfüllt, denn die ziehen sich dann einfach darauf zurück, alles soziale und ökologische zu tun, was mit den ökonomischen Zielen (Maximalgewinn) vereinbar ist. Es wäre ein zahnloses Feigenblatt, genauso wie das Modell auch staatliche Nachhaltigkeitspolitik zahnlos gemacht hat, weil Kompromisse zugunsten eines stärkeren Wachstums als mit Nachhaltigkeit vereinbar erscheinen.
Ich unterstütze die Idee eines Kodizes, aber dann bitte was mit Anspruch und mit Reflektion der Begriffs(fehl-)entwicklung. Das hier wirkt eher so, als würde es noch hinter GRI oder gar Global Compact und ISO 14000 zurückfallen, deren Wirkungslosigkeit bereits ausreichend erforscht ist.
topist
schrieb am 18.01.2011 um 00:41 ¶Im Übrigen fehlt mir bei der obigen Bestimmung die globalistische Dimension. Meine Faustformel für nachhaltige Entwicklung ist: deshalb:
Weltweit sollen alle gut leben können, ohne zugleich die (natürlichen) Grundlagen des guten Lebens aller zu zerstören.
http://commonfuturenet.wordpress.com/2010/10/22/sutainability/
fairskate
schrieb am 18.01.2011 um 01:20 ¶Das 3-Säulen-Modell hingegen macht die Mitwelt zur Verhandlungsmasse. Natürlich bildet es dabei auch Zielkonkflikte ab. Geschaffen wurde es jedoch, um wirtschaftliche Ziele gegen ökologische und soziale abwägen zu können. Und wirtschaftliche Ziele waren da bislang auf volkswirtschaftlicher Ebene vor allem Wachstum/BIP als Indikator für Wohlstand sowie auf betreibswirtschaftlicher Profit/Rendite als Indikator für Unternehmenserfolg. Beides bringt jedoch weder der Gesellschaft nachhaltige Lebensqualität noch hilft es die natürlichen Lebensgrundlage zu erhalten.
Bei der sogeannten schwachen Nachhaltigkeit - und da gehört das 3-Säulen-Modell letztlich dazu - gilt zudem natürliches Kapital als unbegrenzt substituierbar durch (von Menschen) produziertes Kapital angesehen wird.
topist
schrieb am 18.01.2011 um 01:45 ¶Qngroup
schrieb am 17.12.2010 um 11:06 ¶Diese Definition ist sehr lobenswert, verständlich und wird von mir in vollem Umfang unterstüzt!!
Wie planen Sie diese Definition der breiten Masse zugängig zu machen???
Auch der Nachhaltigkeitsrat dürfte den wenigsten Verbrauchern in D ein Begriff sein. Somit wird diese Definition nur bei denen ankommen die sich eh mit dem Thema beschäftigen.
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 13.01.2011 um 12:23 ¶wir tun es langsam und stetig seit 2001, indem wir versuchen, den Streit über Nachhaltigkeit zu befeuern: in Politik und Verwaltung, in Unternehmen, Verbänden und Medien. An die breite Öffentlichkeit richten wir uns in Dialogveranstaltungen, unserer Jahreskonferenz http://www.nachhaltigkeitsrat.de/konferenz, mit Wettbewerben wie http://www.werkstatt-n.de und dem Nachhaltigen Warenkorb, einem Einkaufsführer für nachhaltigen Konsum http://nachhaltiger-warenkorb.de. Das Ei des Kolumbus ist noch nicht gefunden... aber wir arbeiten dran!
Grüße, Yvonne Zwick.
Qngroup
schrieb am 13.01.2011 um 14:39 ¶Ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, es ist sehr sehr schwer in diesen Bereich voranzukommen.
Ich persönlich habe den Eindruck dass noch viel zu sehr in den Fachkreisen gearbeitet wird und diejenigen die es am meisten interessiert eigentlich umgangen werden. Nun haben Sie jedoch mit Utopia einen offensichtlich richtigen Schritt getan.
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 13.01.2011 um 14:49 ¶NATIVIA
schrieb am 17.12.2010 um 11:31 ¶Ich würde eine klare Definition von Zielen begrüssen, damit jeder für sich einen Ansatz finden kann und abschätzen kann was nach den 3 Eckpfeilern wirklich nachhaltiges Handeln im Alltag bedeutet.
Maria_L
schrieb am 17.12.2010 um 16:52 ¶So ganz verstehe ich noch nicht, wie die Umsetzung in der Praxis erfolgen soll.
Sollen daraus allgemeingültige Gesetze entstehen?
Ist es eine unverbindliche Empfehlung?
Können die Firmen sich für mehr Nachhaltigkeit qualifizieren, so wie es das Qualitätsmanagementsystem nach DIN EN ISO 9001gibt?
Ich denke etwas traurig an Ansätze dieser Art zurück, die schon mal gemacht wurden.
In meiner Jugend war der Club of Rome d e r Hoffnungsträger und heute mußte ich mal googln, was davon noch über ist.
OK, es gibt ihn noch...aber allgemein bekannt ist sicher nicht, was die Leitidee dahinter ist.
Was will der Rat für Nachhaltigkeit anders machen, damit die Bekanntheit und Verbindlichkeit größer wird?
Wie kann verhindert werden, daß ein paar große, kapitalstarke Unternehmen den Kodex als Greenwashing-Marketing-Instrument verwenden und für den Rest der Firmen lohnt es sich nicht?
Meine Erfahrung ist die, daß nur verbindliche gesetzliche Regelungen (wie z.B. Bio-Zertifizierung) ins Tun führen, sonst bleibts bei Lippenbekenntnissen.
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 17.01.2011 um 16:35 ¶so wie es momentan formuliert ist, würde der Nachhaltigkeitskodex im Aktienrecht verankert - d.h. alle börsennotierte Unternehmen müssten zu den Eckpunkten kurz und bündig Stellung nehmen, ob sie der Anforderung entsprechen (comply) oder da wo sie nicht entsprechen, eine Erklärung abgeben, warum dem so ist (explain). Der Rat für Nachhaltige Entwicklung würde der Bundesregierung empfehlen, ein Gesetzgebungsverfahren anzustrengen, d.h. der Bundestag müsste sich damit befassen, etc. Ob das allerdings so kommt, ist noch nicht raus. Die Diskussion, ob die Verankerung im Aktienrecht sinnvoll ist, ist in vollem Gange... vor allem von Seiten der Unternehmen!
Herzliche Grüße,
Yvonne Zwick.
Qngroup
schrieb am 20.12.2010 um 10:27 ¶eco-girl
schrieb am 06.01.2011 um 13:18 ¶Die Kernfragen wurden hier bereits aufgeworfen:
Was bedeutet Nachhaltigkeit für Unternehmen?
Warum braucht man Nachhaltigkeit heute (Nutzenaspekt)?
Wie verträgt sich Nachhaltigkeit mit Gewinnmaximierung?
Letzte Frage wirft aus meiner Sicht die größeren Probleme auf, da das Credo der (kurzfristigen) Gewinnmaximierung gerade in den Vorstandsetagen heute immer noch mehr als gegenwärtig ist. Die Globalisierung hat einen enormen Druck aufgebaut und wie in einem Dampfkessel herrscht zunehmend heißer werdendes Chaos auf den Wirtschaftsmärkten mit entsprechenden Auswirkungen auf die Umwelt.
Auch meines Erachtens kann diese Frage nur politisch geklärt werden, indem (ressourcen-orientierte) Regularien etabliert werden und somit Unternehmen in die Lage versetzt, strategisch langfristigere Aspekte zu berücksichtigen.
In den USA fallen bei der Forderungen nach Regularien sehr schnell die Begriffe "Sozialismus" und "Kommunismus". Verständlicherweise hat das Vertrauen in Politik und Führung seit der Finanzkrise gelitten. Mangelnde Transparenz und die Konsequenzen simpler Unwissenheit in puncto Volks- und Geldwirtschaft verstärken Unsicherheit und damit Widerstände.
Aus meiner Sicht ist es eine Frage der STRUKTUR und nicht zuletzt einer (globalen) KULTUR.
Der Gemüsegarten ist gewachsen. Kluge Gärtner, die das Ziel haben eine gute Ernte zu erwirtschaften, kultivieren. Nicht zuletzt da bekanntlich Wildwuchs zunächst weniger kostet, aber auch weniger einbringt. Früher dachte man den Wildwuchs zu gestatten und über die Masseproduktion zu kompensieren, würde schon klappen. Eine Weile tat es das auch... Die einen nannten es Freiheit, andere Zügellosigkeit.
Im Grunde ist vielen klar, dass einstige Weg der Freiheit leider nicht wirklich zielführend war. Ich denke, einmal zur Erkenntnis gelangt, wissen viele einfach nicht, wie sie Nachhaltigkeit in Anbetracht der Komplexitäten und Marktanforderungen umsetzen sollen. Erste zaghafte Versuche scheitern oft an den internen Widerständen gegen mehr Transparenz, befürchtet man doch, dass nur ein Schuldiger für den vorher entstandenen Wildwuchs gesucht wird.
Mein Motto zur Wiederbelebung lautet daher: Schluss mit der "Milchmädchenrechnung", den kettenbriefartigen Verschleierungen! Schafft Ordnung, räumt euren Laden auf und baut nicht einfach an, um Neuland zu betreten.
Im Klartext: Schluss mit der Gewinnmaximierung auf Kosten anderer! Kultiviert eure IT- und Unternehmenslandschaften (mehr Transparenz durch Standards), schafft Werte und Orientierung (Ziele/Richtung und Motivation)!
Warum? Wozu das alles? Weil nebst günstigster politischer Voraussetzungen, man Überblick und Klarheit braucht, um nachhaltig planen und handeln zu können. Das ist m.E. die Grundvoraussetzung.
Das ist aus meiner Sicht der Knackpunkt für die, die im Grunde den Sinn von Nachhaltigkeit verstehen und innerhalb alten Strukturen der Höher-Schneller-Weiter-Unternehmenskulturen umsetzen wollen. Die vorherige Verständigung auf einen MehrwertKodex (zur Steigerung der unternehmerischen Zukunftsfähigkeit und des globalen Gleichgewichts) könnte hierbei helfen...
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 17.01.2011 um 16:21 ¶im Unternehmen gelebte Nachhaltigkeit ist betriebswirtschaftlich sinnvoll: wenn ich möglichst effizient mit Ressourcen umgehe, spare ich Geld und bin wettbewerbsfähig. Wenn ich meine Mitarbeiter als Mitdenkende mit ihren Bedürfnissen ernst nehme, motiviere ich sie und kann die besten, innovativsten Produkte am Markt platzieren. Wenn ich das Thema als Strategie nutze, Rufrisiken zu minimieren, brauche ich keine Boykotte zu fürchten...
Ich denke, dass angesichts Klimaveränderungen, der steigenden Preise endlicher Ressourcen und der demografischen Entwicklung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen nur die Unternehmen auch in Zukunft im großen Spiel des Marktes mitspielen dürfen, die diesen Themen entgegengehen, statt ihnen hinterher zu hecheln.
Gruß, Yvonne Zwick.
fairskate
schrieb am 18.01.2011 um 01:50 ¶Das ist aber wirklich arg undifferenziert.
Von den 3 zentralen ökologischen Strategien Effizienz, Effektivität und Suffizienz geht ausschließlich die Effizienz regelmäßig mit Kosteneinsparungen und damit mit Gewinnsteigerungen einher. Sie ist zugleich die in der ökologischenEntlastungswirkung mit Abstand schwächste Strategie, Stichwort Reboundeffekt. Sie hat bislang ökologisch quasi nichts gebracht.
Effektiviät macht Produkte teurer, weil dort Kosten internalisiert werden, die Wettbewerber externalisieren. Schlecht für den Gewinn, noch schlechter für den Aktienkurs. Es hat gute Gründe, warum Unternehmen, die dieses Prinzip vollkommen begriffen haben (wie z.b. Nike mit seinem Cradle to Cradle Schuh) es nicht in der Breite umsetzen.
Suffizienz würde die Beschränkung auf wirklich sinnvolle, lebensdienliche Produkte und deren nicht-aggressiver Absatz (keine Bedürfnisweckende Webung) bedeuten. Das käme für viele der heutigen Massengüterhersteller einer Schrumpfung ihres Sortiments auf nahe Null gleich und würde zudem eine 180-Grad-Wende in ihrem Marketingverhalten erfordern. Beides wirkt sich mit Sicherheit auch Mittelfristig weder auf den Gewinn noch auf den Börsenkurs positiv aus.
Und Boykotte brauchen zumindest Massengüteranbieter bei 3 bis 5 % strategischen Konsumenten, die oft eh als einzige nicht zu ihren Zielgruppen zählen auch nicht zu fürchten.
Wenn Nachhaltigkeit sich derart betriebswirtschaftlich auszahlen würde, wie sie es hier darstellen, dann müssten wir uns über Klimawandel und PeakEverything keine Gedanken machen. Es fehlt nicht an Klugen Köpfen in den Unternehmen. Was sich auszahlt, das machen die auch, wenn auch dabei nicht die Nachhaltigkeit, sondern die Kostenersparnis handlungsleitend sind.
Da scheint mir die Bundeswehr mit ihrer PeakOil-Studie irgendwie schon weiter als der RatFürNachhaltigeEntwicklung.
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 19.01.2011 um 11:17 ¶alles richtig, doch meine Antwort bezog sich auf die Frage, wie man Menschen in Unternehmensführung davon überzeugen kann - bei Mittelständlern und Unternehmen, die noch nicht aktiv sind, muss man erst einmal einen Zugang zum Thema schaffen. Wenn du ihnen das Recht absprichst, Gewinne zu erwirtschaften, wirst du das Gros der Wirtschaft nicht erreichen. Genau das ist aber Ziel der Arbeit des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Deshalb hat er in seiner Arbeit sich ergänzende Strategien.
1. Rebound entsteht nicht nur wegen aggressiven Marketings, sondern auch durch massive Nachfrage der Menschen. Nachhaltigen Konsum in der Mitte der Gesellschaft anschlussfähig zu machen, braucht die Anstrengung vieler Akteure. Wir versuchen mit unserem Einkaufsführer "Der Nachhaltige Warenkorb": http://www.nachhaltiger-warenkorb.de
2. Du hast auch recht, dass der Markt, wie er momentan gestaltet ist, die falschen Anreize setzt. Das ist ein großes Thema für Wirtschaftspolitik, die sich bislang noch unter den Anforderungen der Nachhaltigkeit wegduckt - nicht zuletzt wegen starken Lobbyings. Deshalb hat der Rat in seiner Empfehlung "Konsum und Nachhaltigkeit" nicht weniger als den Umbau der globalen Weltwirtschaft gefordert: http://www.nachhaltigkeitsrat.de/uploads/media/Broschuere_Konsum_und_Nachhaltigkeit_texte_Nr_31_Maerz_2010_01.pdf (tabellarische Zusammenfassung auf den Seiten 25/26).
Sicher ist: die eine allgemein gültige Definition für Nachhaltigkeit gibt es nicht. Auf jeden Fall gehört die Dimension Zukunft dazu. Heute so handeln, dass es zukünftige Generationen so gut oder besser haben als wir, damit sie ihren Lebensstil in einer intakten Umwelt, tragfähigen Wirtschaft und Gesellschaft frei wählen können. Und der kategorische Imperativ gehört dazu. Individuelles Handeln sollte prinzipiell überallhin übertragbar sein. Wenn wir in der Diskussion um Nachhaltigkeit Prinzipien wie persönliche und unternehmerische Freiheit und Demokratie respektieren wollen, wird es natürlich anstrengend. Deshalb fürchten ja einige, dass sich der Anspruch Nachhaltigkeit nicht mit Demokratie verträgt und der "gute Diktator" die Lösung ist. Ich bleibe lieber Demokratin und freue mich über lebendige Diskussionen - wenn du also die Bundeswehr als besonders fortschrittlich identifiziert hast, freut mich das ;-))
Viele Grüße,
Yvonne Zwick.
fairskate
schrieb am 19.01.2011 um 14:24 ¶Es geht nicht darum ihnen das Recht auf Gewinn abzusprechen, sondern klarzustellen, dass nachhaltige Unternehmensführung mit GewinnMAXIMIERUNG nicht vereinbar ist, solange vorrangig nicht-nachhaltiges Handeln durch die Wirtschaftsordnung zu maximalem Gewinn führt.
Es gibt viele Unternehmen, die sich mit einem ausreichenden statt maximalen Gewinn begnügen, um ökologische, soziale oder kulturelle Ziele ebenfalls zu erreichen.
Ich halte es für wichtig nicht den Eindruck zu erwecken, dass alle Nachhaltigkeitsmaßnahmen sich auch finanziell lohnen. So ist es eben leider nicht. Nur die wenigsten zahlen sich finanziell aus und das sind meist Effizienzmaßnahmen. Aber auch längst nicht alle Effizienzmaßnahmen haben diesen Effekt, wie ja auch berniewa schon unten angeführt hat.
"Rebound entsteht nicht nur wegen aggressiven Marketings, sondern auch durch massive Nachfrage der Menschen."
Die Frage wäre dann vielleicht, wo die massive Nachfrage herkommt und da spielt das Marketing insgesamt sicherlich eine große Rolle.
"Wenn wir in der Diskussion um Nachhaltigkeit Prinzipien wie persönliche und unternehmerische Freiheit und Demokratie respektieren wollen, wird es natürlich anstrengend. Deshalb fürchten ja einige, dass sich der Anspruch Nachhaltigkeit nicht mit Demokratie verträgt und der "gute Diktator" die Lösung ist."
Wenn sich eine Gesellschaft in einem demokratischen Prozess auf in Gesetz gegossene Regeln des Wirtschaftens einigt, wäre das doch ein Demokratiegewinn gegenüber heute. Denn die jetzigen Regeln sind häufig nicht demokratisch entstanden (WTO, Lobbyismus) und stehen der Nachhaltigkeit oft im Weg.
Persönliche und unternehmerische Freiheit sind super. Allerdings ist von denen, die sie hochhalten meist nur die Freiheit des (ökonomisch) Stärkeren gemeint, die Schwächeren und unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen auszubeuten.
Die Freiheit des Einzelnen und auch die unternehmerische Freiheit sollte dort enden, wo sie die Freiheit eines anderen einschränkt. Damit wäre maximale Gesamtfreiheit hergestellt, jedoch jeder einzelnen Freiheit zwangsläufig auch Grenzen gesetzt.
berniewa
schrieb am 19.01.2011 um 13:02 ¶der folgende Satz überzeugt mich nur ansatzweise: "(...) wenn ich möglichst effizient mit Ressourcen umgehe, spare ich Geld und bin wettbewerbsfähig. (...)" Das gilt sicher für einige ganz intern genutzte Ressourcen, aber schon gar nicht mehr darüber hinaus. Sonst wären ja Unternehmen, welche die Ressourcen des Planeten zerstören oder exploitieren (Urwälder zerstören oder mit Produkten daraus handeln u.s.w.) immer alle innerhalb kurzer Zeit bankrott. Das ist aber bekanntlich ja gerade nicht der Fall. Hinzu kommt, dass "effizient mit Ressourcen umzugehen" auch implizieren kann, Arbeitskräfte (z.B. in sog. Billiglohnländern) effizient auszubeuten (was z.B. die je eigenen finanziellen Ressourcen schont bzw sogar vermehrt)
- das ist von Rat f. nachhaltige Entwicklung sicher nicht damit gemeint, wird aber durch die Formulierung erstmal gar nicht ausgeschlossen und so sehen das leider bis heute so manche Unternehmen mit der Effizienz.
Ich denke wir sind uns darin einig, dass für menschenwüdiges und umweltschonendes Wirtschaften 'übergeordneter' Rahmenbedingungen nötig sind, z.B. auch, damit einzelnen Unternehmen durch ihre soziale & ökolog. Ausrichtung kein Nachteil entsteht.
Diese sind m.E. effizienter zu erreichen, wenn es auch politische Regeln dafür gibt (nationale & internationale Gesetze und deren effektive Anwendung/Überprüfung etc), als nur allein durch Selbstverpflichtungen.
Wie seht Ihr das?
berniewa
schrieb am 19.01.2011 um 13:21 ¶Vertreter_innen von Unternehmen sagen immer wieder sinngemäß: "In so kurzer Zeit komplett auf sehr hohe Standards von Bio / Öko + Fairtrade Qualität umzusteigen können wir uns leider nicht leisten. Das dauert viele Jahre ... z.B. würden wir sonst in kurzer Zeit einen großen Teil unseres Umsatzes und unseres Gewinns verlieren."
topist
schrieb am 19.01.2011 um 13:37 ¶Gesamtgesellschaftlich ist "Suffizienz" natürlich von zentraler Bedeutung. Auf Anreize zur Efffizientsteigerung wird man zwar nicht verzichten können. Schon aus sozialpsychologischen Gründen. Aber man muss natürlich auch die Grenzen erkennen. Dass man beim Stromsparen Geld sparen kann ist super! Denn dann kann man sich die etwas größere Wohnung leisten. Oder vielleicht reicht das gesparte Geld auch für einen Kurzjet zur Biofairtrade Einkaufstour in die nächstes europäusche Metropole? Oder gar für einen Thailandurlaub im Ökohotel?
Das Ganze wird auch noch dadurch kompliziert, weil ja auch noch Klasseninteressen bzw. klassenspezifische Gewinne und Verluste zu berücksichtigen sind. (Was von abhängig Beschäftigten nicht mehr konsumiert wird, verwandelt sich in Mehrproduktion von Luxus- und Investitionsgüter). Wenn man sich die Leserkommentare bei Spiegel Online zur Einrichtung der wachstumskritischen Enquete-Komission anschaut, so bekommt man eine Ahnung davon, was das - ich sag mal: "emanzipationspolitisch" - bedeutet. Die meisten erkennen in der Suche nach dem "Glückskoeffizienten" als einen neuen Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg nur eine neue Verarsche zur Rechtfertigung weiterer Lohneinbußen die die Reichen noch reicher (und verschwendischer) machen.... Und das kann man ja leider nicht so ohne Weiteres von der Hand weisen.
Gruß vom Topisten
fairskate
schrieb am 19.01.2011 um 15:58 ¶Finde ich einen berechtigten Einwand. Ich hatte da mal was von Scherhorn gelesen. Wenn mensch unter Suffizienz die Beschränkung auf die wichtigen und lebensdienlichen Dinge versteht, dann ist das natürlich auch auf Produkt-Sortimente übertragbar:
http://www.solar-lifestyle-institut.de/Suffizienz%20WP125.pdf
fairskate
schrieb am 19.01.2011 um 15:59 ¶Diese sind m.E. effizienter zu erreichen, wenn es auch politische Regeln dafür gibt (nationale & internationale Gesetze und deren effektive Anwendung/Überprüfung etc), als nur allein durch Selbstverpflichtungen."
Sehe ich genau so.
RatFuerNachhaltigeEntwicklung
schrieb am 20.01.2011 um 16:19 ¶Genau so. Und es gibt eine Vielzahl von Gesetzen und Regelungen, die den Anforderungen in der globalisierten Welt nicht mehr gerecht werden. Da braucht es teilweise ein Update. In Bezug auf unternehmerische Beiträge zur Nachhaltigkeit denken wir, dass ein Deutscher Nachhaltigkeitskodex Sinn macht, weil er das, was Unternehmen tun, transparenter machen kann als es dicke Nachhaltigkeitsberichte tun. Alle börsennotierten Unternehmen müssten zu den Eckpunkten kurz und bündig Stellung nehmen, ob sie der Anforderung entsprechen (comply) oder da wo sie nicht entsprechen, eine Erklärung abgeben, warum dem so ist (explain). Investoren, die ihr Portfolio an Kriterien der Nachhaltigkeit orientieren können leichter Unternehmen identifizieren, die ihren Anforderungen gerecht werden. Das kann mehr Kapital in nachhaltige Unternehmungen lenken. Es ist wichtig, den Kapitalmarkt weiter zu entwickeln und die Anreize richtig zu setzen - damit auch die, die rechnen sich dem Thema öffnen.
Herzliche Grüße!
eco-girl
schrieb am 01.02.2011 um 14:47 ¶auch wenn ich befürchten muss, alten Wein in neuen Schläuchen zu präsentieren, würde ich gerne einen zentralen Begriff unserer Diskussion herausgreifen, um den sich einiges wenn nicht alles zu drehen scheint: Der GEWINN (respektive Wettbewerbsfähigkeit).
Wer für Nachhaltigkeit ist, ist sicherlich nicht gegen Gewinn als solches und beide Faktoren können durchaus in einem Konzern zusammenfinden.
Was aus meiner Sicht aber wichtig scheint und vielleicht stimmen mir andere zu, ist der Begriff: GEWINNQUALITÄT (Begriff wird i.e.S. durch Börsenanalysten genutzt) und die Ausrichtung des Käufers sowie Anlegers darauf (Kaufkraft vorausgesetzt).
Zentrale Frage: Wie und durch welche Mittel wurde der Gewinn erwirtschaftet?
Im Folgenden habe ich unter A."Sonderfall Finanzwirtschaft/Banken" und B."Allgemeine Wirtschaftssituation" unterschieden.
A. Sonderfall Finanzwirtschaft/Banken
Die Deutsche Bank hat im Jahr 2009 nach Steuern einen Gewinn von 5,0 Mrd. Euro ausgewiesen. 80% der Gewinne der Deutschen Bank aus 2009 stammen aus dem Investmentbanking (Die Zeit, Ressort Wirtschaft, 09.06.2010).
Denke nicht nur mir drängt sich der Gedanke auf, dass ein Unternehmen wie die Deutsche Bank zum einen am Entstehen der Finanzkrise beteiligt war und zum anderen daraus im mindestens doppelten Sinne Gewinn generiert hat.
Wenn man zudem berücksichtigt, dass die Kunden mittlerweile weniger Dividende erhalten, da man im Hinblick auf die zu erwartende Bankenregulation mehr Eigenkapital aufbauen müsse... Weiter rechtfertigt man die neuesten Aufkäufe wie beispielsweise der Postbank damit, dass man sich vom Investmentbanking in Zukunft unabhängiger machen wolle (Die Zeit, Ressort Wirtschaft, 27.10.1010).
Es scheint, der eigentlich zu erwartende Imageverlust bei Kunden und Anlegern fällt leider oder glücklicherweise vergleichsweise niedrig aus. Grund hierfür liegt meines Erachtens u.U. an einer gelungenen Informationspolitik zur Verschleierung einer mehrdimensionalen und sehr brisanten Zwickmühle: Die Banken müssen im "Notfall" staatlich gestützt werden, weil sonst die gesamte Weltwirtschaft zusammenbricht.
Macht und Abhängigkeit der Banken hat somit ihr Maximum erreicht? Bekanntermaßen ist ein radikales Ende des "marktwirtschaftlichen Fundamentalismus" auch in Zukunft nicht auszuschließen. Muss ja nicht sein, wenn man beispielweise eine Struktur-Regulierung im Sinne der "Mechanismus-Design-Theorie" (Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften 2007, http://www.brandeins.de/online-extras/dossiers/dossier/was-ist-eigentlich/artikel/was-ist-eigentlich-mechanismus-design-theorie.html) vorstellt.
Aus meiner Sicht sollte dies aufgrund der vorherrschenden Brisanz von der Regierung vorrangig behandelt und geregelt werden. Davon ausgehend, dass dies auch geschieht(?), kommen wir zu Zukunftsüberlegungen unter Punkt B. ...
B. Allgemeine Wirtschaftssituation
Folgend meine naive Gleichung abgeleitet an den Thesen von Adam Smith, insbesondere seines Werkes "Wohlstand der Nationen" (1776), wobei ich 2011 die subjektive Einschätzung des Konsumenten "neoliberal" einbeziehe:
Ziel - Allgemein
Balance von Wirtschaft, Sozialem und Umwelt
Ziel - Positive Unternehmensaußenwirkung durch GewinnQualitätssteigerung
1. Postulierte N-Kodexeinhaltung (Kostenreduzierende(!) ökologische Nachhaltigkeitsmaßnahmen + Corporate Citizenship + ...) = GewinnQualitätssteigerung
2. GewinnQualitätssteigerung + Marketing = IMAGE-GEWINN = Nachfragesteigerung = Wertsteigerung des Unternehmens
Ziel - Positive Unternehmensinnenwirkung Mitarbeiterbeteiligung und -förderung
- Eine Kombination der Gleichung mit dem Anreiz einer Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter auch nicht börsennotierter Unternehmen
- Investition in Weiterbildungsmaßnahmen mit dem Anreiz der Steuervergünstigung hierfür
- ...
Sicherlich ist es schwierig, beide oben genannten Bereiche getrennt voneinander zu betrachten. Mir persönlich hilft es, mehr Klarheit in das ganze Spektrum zu bringen, da wir uns ohne eine Stabilisierung der Finanzmärkte den Rest vermutlich sparen können. Und was den "Rest" angeht, vielleicht bringt uns der Begriff "Gewinnqualität" etwas weiter.
Hoffe, mein Beitrag ist in diesem Sinne hilfreich.
Es grüßt herzlichst das eco-girl!
gerfi
schrieb am 01.02.2011 um 17:19 ¶Zum Punkt 2 möchte ich zum Stichwort "Gewinn-Qualitätssteigerung" anmerken, wer formuliert das Ziel und wer überwacht es.
Dem Kunden kann man es nicht überlassen, zu überprüfen, ob die Gewinnmarge durch eine Qualitätssteigerung erzielt wurde oder weiter durch risikoreiches Management. Das bleibt Analysten überlassen.
Bei Banken erwarte ich genauso einen Verhaltenskodex wie für andere Unternehmen postuliert.
Der Anleger muss transparente Informationen haben, nach welchen ethischen Finanzregeln (kann man das so nennen) die Bank ihr Geld anlegt.
Risiko-Papiere, wie zuletzt diese Leer-Verkäufe und ähnliches, das darf es für eine Bank mit einem Verhalteskodex nicht mehr geben.
Es muss klar aufgezeigt werden, wie die Gewinn-Qualität gesteigert, erhöht wird.
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