Herr Edenhofer, viele Beobachter erklären die Weltklimakonferenz schon vor ihrem Beginn für gescheitert. Zu Recht?
Edenhofer: Wir werden in Kopenhagen sicher nicht alle Probleme lösen, die gelöst werden müssten. Für eine Beerdigung erster Klasse ist es aber viel zu früh. Die Staatengemeinschaft sollte jetzt mit der Ehrlichkeit des Insolvenzverwalters verbindlich festlegen, wie viel Kohlendioxid in der Atmosphäre gelagert werden kann. Das wäre schon ein großer Erfolg. Wenn die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll, können wir bis Mitte des Jahrhunderts nur noch etwa 830 Gigatonnen CO2 aus der Energieerzeugung in der Atmosphäre deponieren.
Die Chinesen und Inder lehnen für sich jede Obergrenze ab.
Edenhofer: Das muss nicht so bleiben. Zunächst könnten wir das globale Deponieziel festzurren, die konkrete Verteilung der Lasten lässt sich auf später vertagen. Die Deckelung muss aber kommen. Sonst werden wir das Zwei-Grad-Ziel verfehlen. Das sollten wir uns dann auch ehrlich eingestehen. Im Moment lügen wir uns ständig gegenseitig in die Tasche, statt klar zu benennen, welche Klimaziele wir wann und zu welchen Kosten ansteuern.
Nehmen wir an, man einigt sich auf das Deponieziel. Wie ginge es weiter?
Edenhofer: Der Weg wäre frei für einen globalen Emissionshandel. Wir könnten weltweit Emissionsrechte im Umfang des CO2-Deponieziels ausgeben. Die Unternehmen könnten dann selbst entscheiden, wann und mit welchen Technologien sie Emissionen reduzieren. Zudem bietet ein globaler Emissionshandel Unternehmen weltweit einheitliche Rahmenbedingungen. Das ist für internationale Branchen wie die Autoindustrie von zentraler Bedeutung.
Wer soll diesen globalen Zertifikatehandel organisieren?
Edenhofer: Das wäre Aufgabe von unabhängigen Klimazentralbanken in den Ländern. Analog zu einer klassischen Zentralbank wären sie die Hüter der Kohlenstoffwährung in den nationalen Märkten – mit allen Konsequenzen.
Die da wären?
Edenhofer: Dem Geldmengenziel der klassischen Zentralbank entspräche bei der Klimabank das zugeteilte Kohlenstoffbudget. Über An- und Verkäufe von Zertifikaten müsste sie die CO2-Preise stabilisieren und die Wechselkurse für die verschiedenen Handelsräume festlegen. Die Zertifikate müssten außerdem be- und verliehen werden dürfen.
Und schon droht eine neue Form von Spekulationsblasen.
Edenhofer: Diese Gefahr besteht sicher. Mit der richtigen Regulierung ist sie aber in den Griff zu kriegen. An strengeren Regeln für die Finanzmärkte kommen wir nach der großen Finanzkrise ohnehin nicht vorbei.
Haben Sie der Bundesregierung die Idee der Klimazentralbank schon präsentiert?
Edenhofer: Ja, aber die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Derzeit sind alle damit beschäftigt, Kopenhagen über die Bühne zu bekommen. Die Verhandler verwenden keine Fantasie darauf, was danach geschehen soll. Das ist sehr gefährlich. Wir müssen uns mit Ideen wie der Klimazentralbank beschäftigen, sonst kommen wir nicht voran.
30.11.2009
von Andreas Grosse Halbuer, Christian Schütte
© 1999 - 2009 capital


Kommentare (0)
Beitrag abonnieren
Kommentar schreiben
Bitte neu registrieren oder anmelden um einen Kommentar zu schreiben. Neu: auch über