capital: CO2 - die neue Währung
Nach dem Klimagipfel in Kopenhagen bleibt der Welt keine Zeit zum Durchatmen. In den Unternehmen beginnt der Kampf gegen das Treibhausgas gerade erst. Kohlendioxid wird schon bald zum alles entscheidenden Kostenfaktor.
Was lässt sich schon ausrichten gegen einen Feind, den man nicht hören, nicht sehen, nicht riechen kann? Der sich still und heimlich anschleicht, der mühelos in das Innerste eines Unternehmens vordringt und dort einen kräftigen Fußabdruck in die Ökobilanz tritt?
Lars Markworth hätte da ein paar Ideen. Er weiß, wie Unternehmen sich den Klimakiller Kohlendioxid vom Leib halten können. Und obendrein noch Geld sparen. Der McKinsey-Berater betreut mit Forschern der TU München die weltweit erste Energiesparlernfabrik. Sie nimmt in wenigen Tagen ihren Betrieb auf.
Manager bekommen dort ein Stromspartraining der besonderen Art: Neonlicht, Maschinenlärm, als Arbeiter getarnte Studenten – in der Lernfabrik spüren die Topmanager mit Infrarotkameras schlecht gedämmte Maschinen auf. Überprüfen jeden Handgriff der Arbeiter. Oder bauen die gesamte Produktionsstraße um. 30 Prozent weniger Energieverbrauch lautet das Klassenziel.
Auf dem Campus bei München wächst zusammen, was vermeintlich nicht zusammengehört. Das Ideal einer nachhaltigen Wirtschaft verschmilzt mit der analytischen Kälte der Effizienzapostel von McKinsey. Je weniger Energie verbraucht wird, desto geringer der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids, desto niedriger die Kosten. Zehn Milliarden Euro oder umgerechnet 60 Millionen Tonnen CO2 lassen sich laut McKinsey jährlich allein in der deutschen Industrie durch Energieeffizienz einsparen.
Das weckt Begehrlichkeiten: "Beinahe im Wochentakt", berichtet McKinsey-Direktor und Energieeffizienz-Spezialist Detlef Kayser, "fragen uns Klienten: Wie können wir die Energiekosten und den CO2-Ausstoß senken?"
Die Wirtschaft rüstet sich für den Überlebenskampf in einer Welt mit hohen Energiepreisen und strikten Emissionszielen. Egal wie die Klimakonferenz von Kopenhagen endet, fest steht: Unternehmen müssen sich auf eine neue Maßeinheit einstellen. Und die heißt CO2. Bald entscheiden nicht allein Preis und Qualität über den Absatzerfolg von Waren. Eine immer größere Rolle spielt die Menge des emittierten Kohlendioxids.
In der politisch gewünschten emissionsarmen Welt kommt fortan alles auf den CO2-Prüfstand. Jede ausgestoßene Tonne zählt. Solange diesen Tonnen das Preisschild fehlte, galten CO2-Nachweise als lästiger Marketinggag. Das wird sich ändern, wenn Marktmechanismen wie ein weltweiter Emissionshandel greifen. In dieser Welt wird CO2 zu einer neuen Leitwährung.
Seine Rolle als Klimaschurke verleiht dem Gas ungeheure ökonomische Macht. Es bedroht etablierte Geschäftsmodelle, beeinflusst die Entscheidungen milliardenschwerer Investoren, lässt mühsam erkämpfte Kostenvorteile schmelzen. CO2 leitet Milliardensummen in neue Forschungsfelder, offenbart die Abhängigkeit eines Unternehmens von fossilen Energiequellen, lenkt die Nachfrage ökologiebewusster Verbraucher, kostet oder fördert Image.
"Wir stehen am Beginn eines gewaltigen Umbruchs", sagt Claudia Kemfert, Umweltökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, "die politisch verordnete Knappheit auf den globalen Kohlenstoffmärkten wird das Wirtschaften von Grund auf verändern."
Die frisch gewählte schwarz-gelbe Bundesregierung bekräftigt in ihrem Koalitionsvertrag, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 zu senken. Bis zur Mitte des Jahrhunderts sollen 80 Prozent weniger CO2 in die Atmosphäre geblasen werden. Umweltschützer fordern gar ein Minus von 95 Prozent, um das politisch gesetzte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Um so viel darf sich die Erde bis 2050 maximal erwärmen, damit die Folgen beherrsch- und bezahlbar bleiben, sagen Klimaforscher.
Vorsichtig wagen sich Konzerne in die emissionsarme Welt
Das Zwei-Grad-Ziel ist der Nagel, an den die Weltpolitik ihr Bild einer emissionsarmen Gesellschaft hängt. Ein Bild, das bisher nur als Skizze existiert. Erste Versuche wie der Bau von Masdar City, einer komplett CO2-neutralen Stadt ausgerechnet im Öl-Emirat Abu Dhabi, deuten an, wohin die Reise gehen kann.
Vorsichtig wagen sich die Unternehmen in diese neue Welt. Die Bahn bietet ihren Geschäftskunden kohlendioxid-neutrale Fahrten. Volvo Trucks arbeitet an CO2-freien Produktionsstätten. Kohleverstromer wie Vattenfall oder RWE investieren Millionen in das Abscheiden von CO2. Der amerikanische Handelsriese Wal-Mart plant, auf jedes Produkt CO2-Plaketten zu drucken. Und der österreichische Aldi-Ableger Hofer experimentiert bereits mit CO2-Etiketten auf ausgesuchten Produkten und CO2-Rechnern auf der Internetseite.
Vorbei die Zeit, als in den Nachhaltigkeitsabteilungen das Hohelied der ökologischen Wirtschaft besungen wurde – und keiner zuhörte. CO2-Management ist zur Chefsache geworden, Topmanager trimmen ganze Konzerne auf Öko. Die einen, weil sie – wie etwa Siemens – Milliarden verdienen können. Die anderen, weil sie – wie etwa die Energieerzeuger – Millionen investieren müssen, um ihr Geschäftsmodell zukunftsfest zu machen. Aus grünem Blabla wird Carbon Risk Management, das BWL-Studenten bereits in Seminaren büffeln.
Wie schnell sich das Bild gewandelt hat: Erst brachte die Politik über Reduktionsziele den Prozess ins Rollen, und die Unternehmen schickten Armeen von Lobbyisten nach Brüssel und Berlin, um ihn wieder zu bremsen. Jetzt ist es die Wirtschaft, die Tempo macht.
Im Capital-Elite-Panel, einer Umfrage unter deutschen Spitzenkräften, halten drei Viertel der deutschen Topmanager die Reduktionsziele der Bundesregierung für angemessen, selbst wenn die Durchsetzung dieser Ziele dem Wachstum der Wirtschaft schadet. Insgesamt wollen 78 Prozent der Entscheider aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft nicht an den Klimazielen rütteln.
Und im Kopenhagen-Kommuniqué fordern Unternehmen aus aller Welt die Politik auf, ambitionierte Klimaziele zu verabschieden. Etwa 750 Unternehmen haben sich der Initiative angeschlossen, darunter auch deutsche Dickschiffe wie die Allianz oder die Deutsche Telekom.
Wie sehr der Kampf gegen das CO2 die Prozesse verändert, zeigt das Beispiel Deutsche Post/DHL. Der Logistikriese hat vor wenigen Wochen ein neues umfangreiches CO2-Reporting-System gestartet. Bei jeder Kraftstoffrechnung verbucht die Post jetzt nicht nur Preis und Menge von Kerosin oder Diesel, sondern auch den CO2-Ausstoß. Das Ganze ist in die Finanzbuchhaltung integriert, damit bei 360 Flugzeugen und 120.000 Autos der Post kein Tönnchen CO2 entgeht.
Der Kohlendioxid-Kampf hält alle Abteilungen vom Einkauf bis zum Controlling auf Trab. Die Beschaffer kaufen Güter mit niedrigem CO2-Wert. Die Gebäudemanager bekämpfen jede Kilowattstunde unnützen Stromverbrauchs. Die Marketingexperten kreieren neue Produkte wie CO2-neutrale Briefe. Die Investor-Relations-Abteilung geht mit der Ökobilanz auf Roadshow. Und in Konzernen, die noch nicht so weit sind wie die Post, schauen sich Personaler nach CO2-Managern um. Die sind so begehrt, dass bereits CO2-Boni gezahlt werden.
"Als wir vor Jahren mit dem Carbon-Accounting experimentierten, wurden wir noch belächelt", sagt Michael Lohmeier, CO2-Manager bei der Deutschen Post. Heute lacht keiner mehr. "Dank des umfangreichen Zahlenwerks wissen wir jetzt sehr genau, wo wir CO2 und damit Geld sparen können."
Das große Problem bei der CO2-Bilanzierung: Die Post kann nur 20 Prozent ihrer Emissionen erfassen und beeinflussen. Der große Rest stammt von den Zulieferern, die nun ihrerseits den CO2-Verbrauch bilanzieren müssten, damit die Post aussagekräftige Zahlen bereitstellen kann. "Wir beginnen gerade damit, unsere Geschäftspartner nach ihrem CO2-Ausstoß zu befragen", sagt Lohmeier.
Das Miteinbeziehen von CO2-Emissionen der Vorprodukte und Zulieferketten gewinnt immens an Bedeutung. Handelsriese Wal-Mart etwa verlangt künftig von seinen 100.000 Zulieferern CO2-Daten. Die Auswahl von Lieferanten wird zu einer Frage der CO2-Emissionen.
"Da werden jetzt Fragebögen kreuz und quer durch die Welt geschickt", sagt Michael Spielmann. Er leitet den Bereich Carbon-Management bei PE International, eine auf Nachhaltigkeit spezialisierte Unternehmensberatung bei Stuttgart. "Es dauert nicht mehr lange", sagt Spielmann, "dann wird auch die Zehn-Mann-Bude um die Ecke CO2-Emissionen offenlegen müssen."
Die Ausweitung der Bilanzzone ist im baden-württembergischen Walldorf zu besichtigen. In der SAP-Zentrale arbeiten Hunderte Programmierer daran, den CO2-Ausstoß in die Standardsoftware von SAP zu integrieren. Dass der weltweite Marktführer für Unternehmenssoftware in den Markt der Ökobilanzierung eintritt, demonstriert die Wucht der Entwicklung. Wenn SAP einen Trend in Software übersetzt, beschäftigt das die ganze Wirtschaft. Schließlich verursachen die 92.000 SAP-Kunden ein Sechstel des globalen CO2-Ausstoßes.
Mit sogenannten Dashboards, grafisch aufbereiteten Darstellungen des CO2-Ausstoßes, will SAP an der CO2-Erfassung mitverdienen. Anhand von Säulen- und Kuchendiagrammen können Manager ablesen, in welchen Regionen, Orten und sogar einzelnen Gebäuden wie viel CO2 produziert wird, welche Quellen wie viel ausstoßen. Und wie weit der Weg bis zum Reduktionsziel noch ist.
Auch für ein einzelnes Produkt lässt sich eine solche Bilanz erstellen. Damit jeder schnell versteht, was Einsparungen bedeuten, werden sie übersetzt in Autos, die man von der Straße nimmt. Oder in Wälder, die nicht abgeholzt werden.
SAP-Konzernchef Léo Apotheker glaubt, dass es "keine Alternative zu dem Wandel hin zu einer Niedrig-Kohlendioxid-Ökonomie gibt". Der Weg dahin führe über mehr Transparenz. "Wenn wir es ernst meinen, müsste die Umweltbilanz gleichwertig neben die finanzielle treten, gewissermaßen als ökologische Variante der doppelten Buchführung."
Unternehmen rechnen sich hemmungslos grün
Doch wie aussagekräftig ist das neue Zahlenmaterial? Wer prüft wie und nach welchen Vorgaben?
Für Wirtschaftsprüfer wie PricewaterhouseCoopers (PwC) ist das Geschäft mit der Ökobilanzierung ein höchst willkommener Markt. Mit der rasch steigenden Nachfrage "nehmen allerdings auch die Probleme zu", beobachtet PwC-Emissionsspezialist Moritz Nill. Etablierte Prüfstandards wie das Greenhouse Gas Protocol oder die ISO-Norm 14064 reißen noch Lücken. "Unternehmen, die freiwillig bilanzieren, können nicht sicher sein, ob die Angaben ihrer Zulieferer stimmen", kritisiert Nill. Er fordert "genauere Bilanzierungsregeln und härtere Prüfvorgaben, damit die Testate aussagekräftiger werden".
Das würde Christian Hochfeld gefallen. Der Vizechef des Öko-Instituts, einer umweltökonomischen Berliner Denkfabrik, bemängelt, dass Firmen bisweilen unsauber bilanzieren. So habe ein Unternehmen versucht, den firmeninternen CO2-Ausstoß mit den positiven Effekten seines Produkts, eines Dämmstoffs, aufzuhübschen. "Wer mit solchen Tricks arbeitet", sagt Hochfeld, "hat nicht verstanden, worum es geht."
Vielleicht ja doch. Dass Unternehmen sich hemmungslos grünrechnen, belegt den Ernst der Lage. Das hat auch mit dem Carbon Disclosure Project (CDP) zu tun. Die Londoner Initiative bittet einmal im Jahr börsennotierte Unternehmen um Ökobilanzen, Reduktionsziele und Einschätzungen zu Klimarisiken. Die Teilnahme ist freiwillig, der Andrang groß. Fast alle börsennotierten Konzerne geben inzwischen grüne Daten preis.
Der Grund für die freiwillige Offenbarung: Hinter dem CDP verbergen sich 475 institutionelle Investoren, die auf einem unvorstellbar großen Geldberg von 55 Billionen Dollar sitzen. Mit solchen Leuten möchte man es sich nicht verscherzen.
"Die Kapitalmärkte fordern heute von den Unternehmen ein gründliches CO2-Reporting", sagt CDP-Deutschland-Repräsentant Caspar von Blomberg. "Die Investoren wollen wissen, ob Unternehmen die Themen CO2 und Klimawandel auf der Rechnung haben und das Kapital zukunftssicher eingesetzt wird."
Auf der Website des Carbon Disclosure Project können auch Privatanleger nachlesen, wie es um die Klimaschutzbemühungen einzelner Firmen bestellt ist. Die weltgrößte öffentliche Klimadatenbank für Unternehmen ist entstanden, nur wettbewerbssensible Daten werden vor den Augen der Öffentlichkeit geschützt.
Von Blomberg glaubt, dass bald "jedes, aber wirklich jedes Unternehmen" vom Thema CO2 betroffen sein wird. "Kohlendioxid entwickelt sich faktisch zu einer Währung. Je früher sich Firmen darauf einstellen, desto besser."
Viele europäische Unternehmen rechnen längst in CO2-Einheiten, wenngleich nicht aus freien Stücken. Sie müssen am europäischen Emissionshandel teilnehmen und dort Zertifikate nachkaufen, wenn sie ihr CO2-Limit überschreiten. 11.000 industrielle Anlagen in Europa werden so reguliert. Ein gewaltiger Markt ist entstanden. Schon schieben Händler an den Börsen virtuell CO2-Tonnen hin und her wie Schweinebäuche, Weizenladungen oder Ölkontrakte.
Über den sogenannten Clean Development Mechanism des Kioto-Protokolls wächst der Markt für heiße Luft zu einem mächtigen Finanzinstrument der Entwicklungspolitik heran. Unternehmen können bei Bedarf Emissionsrechte kaufen, indem sie CO2-sparende Projekte in Entwicklungsländern finanzieren.
Sascha Lafeld ahnte früh, dass der Handel mit Verschmutzungsrechten Zukunft hat. Schon vier Jahre vor dem offiziellen Start im Jahr 2005 redete der damalige Umweltpolitikexperte der Dresdner Bank auf seine Händlerkollegen ein: "Jungs, glaubt mir, das wird eine große Sache." Emissionshandel? Groß? Lafeld sah in verständnislose Gesichter.
Nur der Derivatehändler Markus Hüwener erkannte das Potenzial. Die beiden legten in der Bank mit einer Miniabteilung los. Die Chefs nahmen sie anfangs nicht weiter ernst. Das Budget kam von der Kommunikationsabteilung. Die unterschwellige Botschaft: Was ihr da macht, ist vielleicht ganz hübsch fürs Image, mehr nicht.
Aus einer Nische ist ein Milliardenmarkt geworden
Eine Fehleinschätzung, wie sich gezeigt hat. Binnen vier Jahren ist aus der Nische ein Milliardenmarkt geworden. Laut Branchendienst Point Carbon wurden im ersten Halbjahr 2009 europäische Zertifikate im Wert von 39 Milliarden Euro gehandelt, ein Zuwachs gegenüber der Vorjahresperiode von 29 Prozent.
Nicht nur die von der Regulierung betroffenen Unternehmen, Energieversorger, Öl- oder Stahlfirmen, mischen beim Emissionshandel mit. Inzwischen trifft sich das Who is who der Finanzwelt auf dem virtuellen Parkett: Barclays, JP Morgan Chase, Morgan Stanley und Goldman Sachs, sie alle kaufen und verkaufen das Recht, CO2 in die Luft zu blasen. Zum Teil sind die Banken Dienstleister für Unternehmen, zum Teil handeln sie auf ihr eigenes Buch.
Auch Lafeld und Hüwener arbeiten mittlerweile auf eigene Rechnung. Sie haben Ende 2003 die Dresdner Bank verlassen, um First Climate zu gründen. Das vermutlich erste deutsche Karbon-Startup beschäftigt 130 Mitarbeiter in aller Welt und ist zu einem etablierten Unternehmen herangewachsen. Es berät Kunden in Sachen CO2 und handelt in ihrem Auftrag mit Zertifikaten und entwickelt selbst Klimaschutzprojekte.
First Climate könnte noch größer werden. Lafeld blickt wie die gesamte Branche gespannt auf die andere Seite des Atlantiks. Dort versucht die Regierung Obama, ein Gesetz durch den Senat zu bringen, das den Grundstein für einen Einstieg der USA in den Zertifikatehandel legen würde. Der neue Markt wäre zwei- bis dreimal so groß wie alle jetzigen Emissionshandelssysteme zusammen.
Bis zum Jahr 2020 könnte der Handel mit CO2-Rechten ein Volumen von drei Billionen Dollar erreichen und zum größten Rohstoffmarkt der Welt avancieren, schreibt die New Yorker Senatorin Kirsten Gillibrand im "Wall Street Journal". Und fügt schnell hinzu, dass der kriselnde Finanzplatz New York doch ideal wäre, um mit CO2-Rechten zu handeln.
Renommierte Volkswirte wie Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam- Institut für Klimafolgenforschung, halten den globalen Emissionshandel für den einzig richtigen Weg, um den Kohlendioxidausstoß effizient zu senken. Das Kaufen und Verkaufen von Zertifikaten, das Spekulieren und Wetten über Termin- und Arbitragegeschäfte sollen dann nationale Klimazentralbanken organisieren und überwachen, schlägt Edenhofer vor: "Analog zu einer klassischen Zentralbank wären die Klimabanken die Hüter der Kohlenstoffwährung" (siehe Interview Seite 78).
Auch der europäische Handel wird wachsen, so der erklärte politische Wille. In drei Jahren kommen Luftfahrtunternehmen unter die Zertifikatefuchtel. Im Gespräch ist, ebenfalls die energieintensive Schifffahrtsbranche in die Pflicht zu nehmen. Der Bremer Reeder Niels Stolberg kämpft deshalb schon jetzt mit allen Mitteln darum, die Emissionen seines Unternehmens zu reduzieren. Seine CO2-Strategie geht ungefähr so: Forschung, Forschung, Forschung.
Der Chef und Gründer der Bremer Schwergutreederei Beluga Shipping investiert Millionen in wissenschaftliche Kooperationen, damit seine 66 Schiffe möglichst treibstoffarm durchs Wasser pflügen. Die Segel auf Schwergutfrachtern, sein prominentestes Projekt, sind bereits hochseetauglich. Mit Stolbergs Unterstützung experimentieren Forscher an Haihaut-Schiffswänden, die den Reibungswiderstand senken sollen. Oder entwickeln CO2-optimierte Schifffahrtsrouten, die Windrichtungen und Unterwasserströmungen ausnutzen. "Wir dürfen einfach nichts unversucht lassen, um das Unternehmen so gut wie möglich auf eine karbonarme Wirtschaft vorzubereiten", sagt Reeder Stolberg.
Was in großen Unternehmen gang und gäbe ist, könnte nach dem Willen einiger Volkswirte und Politiker selbst in der kleinsten wirtschaftlichen Einheit, den privaten Haushalten, funktionieren. Sie rücken den Verbraucher als Emittenten in den Fokus der Klimadebatte. Denn er repräsentiert die Macht der Masse.
Auf CO2-Kreditkarten, so lautet ein Vorschlag der Aachener Stiftung Kathy Beys, führen wir vielleicht alle schon bald unser persönliches Klimakonto. Wird dieses Konto überzogen, müssen wir an Geldautomaten Verschmutzungsrechte nachkaufen. Der ganz private Emissionshandel soll Anreiz sein, CO2-reduzierte Produkte zu kaufen. Oder etwa bei Flügen mit CO2-Kompensationszahlungen Regenwälder wieder aufzuforsten.
So manche Erkenntnis von Forschern ist skurril
Im Aufmerksamkeitsschatten der Weltwirtschaftskrise ist ein regelrechtes Paralleluniversum entstanden, in dem alles auf die CO2-Waage gelegt wird. Täglich kommen Wissenschaftler mit immer skurrileren Erkenntnissen aus ihren Studierstuben. Sie weisen die katastrophale CO2-Bilanz von Ehescheidungen oder Schäferhunden nach. Und raten von der Zeugung ab, weil jeder neue Erdenbürger (besonders in Industrieländern) schlecht fürs Klima sei.
Tief ins Privatleben greift auch das Experiment der Londoner Unternehmensberatung WSP ein. Der Ingenieurdienstleister protokolliert die Emissionen seiner Mitarbeiter – vor und nach Dienstschluss. Urlaubsflüge, Benzinverbrauch, Stromrechnung: Alles sollen WSP-Angestellte ihrem Arbeitgeber melden. Die Teilnahme ist freiwillig. Aber wer sich darauf einlässt und mehr CO2 ausstößt als erlaubt, dem werden bis zu 100 Pfund vom Gehalt abgezogen. Wer dagegen Kohlendioxid einspart, bekommt zusätzliches Geld.
Um zehn Prozent, behauptet das Unternehmen, habe sich der CO2-Ausstoß der Teilnehmer innerhalb eines Jahres verringert. Jetzt soll die Idee an börsennotierte Konzerne verkauft werden. Das Interesse, heißt es bei WSP, sei groß.
Der Klimawandel – für einige Unternehmen ist er buchstäblich ein Geschenk des Himmels.
30.11.2009
von Andreas Große Halbuer, Tobias Bayer, Joachim Zepelin
© 1999 - 2009 capital
http://www.capital.de/politik/100026641.html?eid=100026645&p=1
http://www.wwf.de/themen/klima-energie/unternehmen/carbon-disclosure-project-cdp/
http://www.co2-handel.de/article58_5119.html
http://www.pe-international.com/deutsch/pe-international/firma/produkte-leistungsuebersicht/


















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