Vor einigen Jahren wollte ich einer Freundin, die in einer anderen Stadt wohnte, einen Besuch abzustatten und stand eines Mittags an einer Raststätte, an der mich meine Mitfahrgelegenheit aufgreifen sollte. Ich erblickte ein parkendes Auto mit Rosenheimer Kennzeichen und schaute mich nach dem Besitzer um. In dem Moment verließ ein stämmig gebauter Mann das Toilettenhäuschen, rückte seinen eng anliegenden Gürtel unter dem gewölbten Bauch zurecht, steckte sein Karohemd in die Hose und zündete eine Zigarette an. Als ich mit meinem großen Rucksack auf ihn zu kam, musterte er mich mit der Kippe im Mund von oben nach unten und nickte mir zu. „Servus! Ralf!“, stellte er sich vor. „Mach ma dei Sach nei. I wui erscht a mo was ess!"meinte er.

Also saßen wir zwei Minuten später in einem Raststättenbistro mit müffeligem Ambiente. Der Geruch nach Frittierfett und altem Rauch lag in der Luft. Ich bestellte eine kleine Apfelschorle, während Ralf sich über eine große Cola, einen Burger, Pommes und eine Portion Hähnchen Nuggets freute. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, riss ein Tütchen Majonäse und Ketchup auf und verteilte sie auf den Fritten, den restlichen Inhalt quetschte er sorgfältig über die Scheibe saure Gurke in seinem Burger aus. Hastig stopfte er seine Mahlzeit in den Mund, wobei er leise grunzende Geräusche machte, während ich versuchte unauffällig in eine andere Richtung zu gucken. „Da, nimm hoid, wennsd wuisd!“ meinte er und deutete auf die Packung Hähnchen-Nuggets, über die er gerade süß-sauer Soße verteilte. Mit einem verlegenen Lächeln nuschelte ich „Nein, danke.“, und schlürfte an meiner Apfelschorle. „Do!“ sagte er und schob die Packung in meine Richtung. Ich schüttelte dankend den Kopf. „Moagst net?“, meinte er. „Na, I bin Vegetarierin.“ gestand ich und schob die Packung wieder in seine Richtung. Ich ahnte schon, was ich mir jetzt vorstand, als seine Augenbrauen erst überrascht in die Höhe und sich dann fragend zusammen zogen.

Ich bereute in dem Moment mein Geständnis und mir wurde bewusst welches Gespräch ich jetzt zwangsläufig entfachen ließ und welche Tausend mal gehörten Fragen und Argumente ich jetzt wieder anhören müsste. Ich wusste, ich würde wieder mit eine langen Liste von Vorurteilen und Halbwahrheiten konfrontiert werden und müsste mich quasi wieder verteidigen, war aber zu müde und zu genervt und wieder meine Argumente auszupacken und meine Lebenseinsichten zu erläutern, den Zusammenhang zwischen Ernährung und Umweltschutz zu erklären, Tierrechte zu erwähnen, auf die gesundheitlichen Aspekte hinzuweisen und dabei wieder gegen eine Wand aus Unverständnis zu prallen. Ich wusste, einen älteren dicken Herrn nicht von meiner Idee begeistern zu können und ihn nicht dazu bewegen zu können seinen Fleischkonsum kritisch zu überdenken, wieso sollte ich dann meine Nerven mit dem Gespräch strapazieren?

Wieso ich denn kein Fleisch esse? Aber Fleisch sei doch so lecker! Wie lange schon? Und ob das denn nicht ungesund sei!? Fleisch, das sei doch so gesund!! Hat man da denn keine Mangelerscheinungen? Und ob ich Fisch esse? Aber Fisch sei ja kein Fleisch!? Ob das nicht anstrengend sei immer so zu verzichten? Ja, und was isst du denn überhaupt so?????

Meine moralischen, umweltpolitischen und gesundheitlichen Argumente, die einen halbstündigen Vortrag füllen würde schossen mir leise durch den Kopf. Ich nahm einen tiefen Atemzug. „Hast als Kind zu fui Bambi geguckt?“, scherzte er und lachte lauthals. Sein dicker Bauch wippte. „Baaaam, wurde Bambis Mama erschossen.“, spaßte er, wischte dabei seine fettigen Hände an seinem Hemd ab, während sich sein Kopf vor Lachen rot färbte. „Schmeckt mir einfach nicht.“, nuschelte ich genervt. „Oder kennst den: Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg!“, rief er, und schmiss sich vor Lachen weg, währen ein undefinierbares Essensstückchen aus seinem Mund durch die Luft flog und auf dem Tisch neben meinem Trinkbecher landete. Ich verdrehe die Augen und überlege mir zu sarkastisch zu kontern, dass ich mir gerade erst überlegt habe zur Abwechslung statt frischen Gras heute wieder mal leckeres trockenes Sojafuttermittel zu essen, versetzt mit Pharmazeutika, Hormonen und Tiermehl. In dem Moment fing Ralf an zu schnaufen, sein Kopf nahm eine gefährlich rote Farbe an, er fasste sich an die Brust und verkrampfte schmerzerfüllt sein Gesicht. Und ich brauchten einen Augenblick des Schreckens, bis ich begriff.

Innerhalb von fünf Minuten war ein Krankenwagen da. Herzinfarkt. Während ich draußen wartete, dachte ich nach über die Ironie des Schicksals, die mich heimgesucht hatte.

Meine Reise musste ich mit dem Zug beenden musste. Währen der Zugfahrt machte ich mir lange Gedanken darüber, was ich antworten soll, wenn mich jemand fragt, wieso ich Vegetarierin bin. Ob ich das Gespräch meiden sollte, um Nerven zu sparen, wenn ich weiß, dass ich bei gewissen Personen eh auf Unverständnis stosse oder ob ich dazu verpflichtet bin die Menschen über meine Lebensweise aufzuklären und jedes mal zu hoffen etwas für die Akzeptanz des Vegetarismus in der Gesellschaft getan zu haben.

Ich bin seit über der Hälfte meines Lebens Vegetarierin. Dennoch war ich noch nie eine Missionierende, die in Anwesenheit eines Stücks Fleisch am Tisch die Nase rümpft und über die Qualen der Tiere sinniert um sie zum Vegetarismus zu bekehren. Einerseits denke ich, dass jeder Mensch selber entscheiden sollte, wie er lebt und sich ernährt und man nicht zwangsläufig Veganer sein muss, um zum Klimaschutz beizutragen. Ich behaupte auch nicht, jede Art von jeglichen Fleischkonsum sei ungesund. Andererseits würde mir sehr wünschen, die Menschen würden ihre Augen aufmachen und sich Gedanken machen, woher das Fleisch kommt, mit was die Tiere gefüttert werden, unter welchen Lebensbedingungen sie gehalten werden und welchen Einfluss ein überhöhter (also bereits ungesunder) Fleischkonsum hat, und zwar nicht nur was die Gesundheit anbelangt (erhöhtes Risiko an Herzinfarkt, Krebs, Bluthochdruck, Cholesterinwerte etc. ), sondern auch was die Umwelt anbelangt (Klimawandel, Methanausstoß, Wasserverbrauch etc.) Und es liegt mir am Herzen, dass den Menschen bewusst wird, dass Vegetarier keine eigensinnigen Umweltaktivisten sind, die kränklich ausschauen und nur Salat essen und dass die Bevölkerung versteht, welche Lebenseinstellung dahinter steckt. So denke ich, dass nach jedem Gespräch über das Thema ich eventuell die Akzeptanz in der Gesellschaft ein kleines Stückchen anheben kann und sich manche Menschen vielleicht dazu veranlasst fühlen sich über die Zusammenhänge Gedanken zu machen und es ein Denkanstoß sein könnte.

Ich persönlich werde weiterhin mein Leben als Vegetarierin bestreiten, die generell auf tierische Produkte zu verzichten versucht und ich werde generell versuchen so umweltbewusst wie möglich zu leben.

Die Frage ist jedoch: Ist es klüger andere Menschen auf diese Art von Themen aufmerksam zu machen? Oder ist es besser manchmal einfach aus Bequemlichkeit einfach zu schweigen um lästige typische Diskussionen zu vermeiden?