Heute morgen beim frühstücken, erzählte ich meiner Tochter, weiß der Geier wie wir auf das Thema gekommen sind, von meiner Freundin, die Psychologin ist. Es ging darum, daß immer mehr Menschen sich stationär behandeln lassen, die eigentlich keine Probleme haben, sondern sich einfach nicht zusammenreißen können. Menschen, die nicht in der Lage sind, Post zu öffnen, ab zu heften, Termine zu machen und ein zu halten oder Rechnungen zu bezahlen. Die halt so ihre Herausforderungen haben, die ganz gewöhnlichen und alltäglichen Unannehmlichkeiten auf die Reihe zu bekommen und denken, daß sie ein Problem haben wenn sie einen Termin beim Zahnarzt machen müssen, oder wenn jemand kommen möchte um die Wasseruhr ab zu lesen.
„Kein Job für mich“ sag ich. „Ich würde die packen und schütteln und sagen sie sollen mal die Zähne zusammen beißen und in die Hufe kommen. Zwanzigjährige die ins betreute Wohnen wollen, sich freiwillig entmündigen lassen wollen, nur weil wahrscheinlich Mutti vorher alles gemacht hat. Die haben wohl den Schuß nicht gehört. Ich hab auch kein Bock auf Rechnungen oder Arzttermine und muß das trotzdem durch ziehen. Die Arschgeigen!“
Kind hatte solche Panik Attacken mit 12. Wo sie mal wieder ein „Erwachsene haben es so gut, die können machen was sie wollen.“ vom Stapel gelassen hat und ich dachte ich müsse ihr jetzt aber mal erklären was es heißt Erwachsen zu sein. Das tun was man will. Ja klar. Aber meistens sind es auch Dinge tun die man nicht will und Dinge bleiben lassen obwohl man sie ganz dringend will. „Das krieg ich nie hin!“ schrie sie damals. „Da wächst du rein.“ beruhigte ich sie.
Das hat sie inzwischen, aber trotzdem hatte sie noch Mitleid mit den „Psychos“.
„Na vielleicht haben die ja so was wie Burn Out?“
„Burn Out? Wenn ich das schon höre! Hör mir bloß auf mit Burn Out! Meine Großeltern hatten einen großen Bauernhof und mein Opa ist noch Milchwagen gefahren. Oma konnte nicht Abends aus den Stall kommen und sagen – Mist, kein Brot mehr da, kann mal jemand schnell los rennen und eins kaufen? Schon geschnitten bitte. 7 Tage die Woche, von 5 Uhr Morgens bis spät in den Abend. Und zur Tagesschau wurden nebenher Strümpfe gestrickt.
Hatten die Burn Out. Ne. Die waren immer fröhlich und gut drauf. Meine Oma hat Kraft getankt in der Kirche. 1 Stunde in der Woche und danach schnell heim Essen machen. Richtiges Essen mit Vorsuppe und Braten und Soße, ohne Maggi Fix!“
Nachdenklich bemerkt Kind, daß wir ja eine Menge Menschen kennen, die vor lauter Arbeit eigentlich am Stock gehen müßten. Aber das es eigentlich dieselben Menschen sind, die immer bereit sind beim Umzug zu helfen, einen Kuchen für einen Geburtstag zu backen, fremde Kinder zu hüten, alte Menschen zu pflegen, die nie jammern, sondern unverschämt zufrieden sind.
Andere wohnen zu zweit in einer Dreiraumwohnung, beide gehen 8-9 Stunden am Tag arbeiten, haben jedes Wochenende frei und 30 Tage Urlaub, werden bezahlt wenn sie krank werden, verdienen ganz gut und lassen einen ständig sitzen weil sie zu erschöpft sind Abends noch mal aus dem Haus zu gehen, oder ihr Wochenende brauchen um sich zu erholen. Plötzlich sind sie für 3 Wochen in Kur wegen Burn Out.
Wir überlegen ein bißchen hin und her. Wie kommt das?
Wir waren und ziemlich schnell einig. Ein Bauer säht, erntet (oder füttert und schlachtet), verkauft, bekleidet sein Produkt von Anfang bis Ende. Ein Tischler hat Bretter und danach ein Möbelstück oder Fensterrahmen, ein Maurer hat sein Haus mit Richtfest und ein Maler eine fertige Wohnung, eine Krankenschwester einen gesunden Patienten und eine Frisöse eine Frisur. Theoretisch sehr befriedigend. Die können nach Feierabend machen und sagen was sie getan haben, die haben ihr Tagewerk vollbracht.
Was kann ich tun? Ich schieb ein paar Zettel hin und her, befülle ein paar Dateien mit langen Zahlen, rede ganz viel mit Menschen und am Ende des Tages, weiß ich manchmal nicht so genau was ich getan haben soll. Und das, pisst mich manchmal ganz dolle an! Man bekommt das Gefühl, nichts getan zu haben, Zeit vertrödelt zu haben. Ein sinnloser Meeting nach dem anderen, am Ende des Tages mehr auf die PC Sanduhr geschaut wie in das Gesicht meiner Tochter und für was? Für Zahlen und Pläne.
„Du bist eigentlich voll das Opfer“ sagt mein Kind. „Häh?“ sag ich.
„Ist dir das aufgefallen? Menschen mit sinnvoller Arbeit, die eigentlich alle brauchen, bekommen scheinbar weniger oft Burn Out als Menschen mit eigentlich nicht notwendiger Arbeit, wie Beamte oder so.“
„ Ja aber, Menschen mit sinnvoller Arbeit, die jeder braucht, bekommen viel weniger Geld als Menschen deren Arbeit keiner zum Leben braucht.“ kontere ich.
„Macht dich das nicht fertig? Warum bekommst du Geld und Bauern die früh im Stall ihre Kühe melken bekommen viel weniger? Wer verteilt denn das? Das ist ja wohl unglaublich!
Wenn irgendwelche produktiven, sinnvollen Menschen Burm Out bekommen, dann wahrscheinlich auch nur wegen dir.“
Ertappt.
Und nun?
Das System auf den Kopf stellen?
Keine Ahnung.
Fühl mich gerade ausgebrannt.


Kommentare (31)
Beitrag abonnieren
Ich kann auch ein Lied davon singen oder ein Gedicht aufsagen, kommt alles vor in meinem Leben.
Seit drei Jahren arbeite ich wie deine Oma, mehr Stunden als früher kein Sonntag, kein Luxusurlaub und bin in der Zeit nie wirklich krank gewesen, keine Depressionen einfach putz munter und lustvoll bei der Tätigkeit. Im Winter sitze ich vor dem Ofen und lese...ist das keine Arbeit? Wenn meine Enkelkinder da sind spiele ich mit ihnen in der Sandkiste ist das keine Arbeit? Was ich sonst mache steht in meinem Blog.
Früher war keine Zeit für die eigenen Kinder, viel zu müde zu gestresst, Urlaub war Stress pur In 2 Wochen die ganze Kohle verplempern weil man ja so hart gearbeitet hat. Und dann Burnout (echtes Burnout), drei Monate die weiße Wand anstarren, Körperzustand wie ein 80zig Jähriger, (betrieb davor Extremsport).
Und dann eigener Bauernhof, in der Erde wühlen, das erste Mal den Tagesablauf in all seinen Faceteten selbst bestimmen, sinnvolle Tätigkeiten machen, das Ergebnis seiner Arbeit am Tagesende selbst bestaunen, den Rhythmus der Jahreszeiten mit dem ganzen Körper aufsaugen kurz gesagt einfach LEBEN.
Ja, mir kommt es auch so vor, als ob es eine "Ungleichbehandlung" wäre, Menschen in "bessere" oder "wichtigere" Arbeit einzuteilen.
Heute hat mein Mann einen Tobsuchtsanfall bekommen,w eil er sagte, wie bescheuert wir sein müssen, um unseren Kindern in Deutschland Obst, Gemüse oder was weiß ich alles aus China zu importieren um es ihnen im Hort zum Essen vorzusetzen (ich krieg ja nur immer Bruchteile aus den Medien mit, ich konsumiere seit ein paar Jahren weder Zeitung, noch TV ganz wenig Frühstücksradio - und lebe trotzdem)....
Ja. Ich denk das auch so, dass es bescheuert ist.
Ich lese meinen Kindern häufig die Geschichten von Petterson und Findus. Da baut der alte Findus (älterer Mann in Schweden, ländliche Gegend) auf seinem kleinen Hof sein Gemüse an, hat einen kleinen Werkstatt Schuppen mit allerlei Krimskrams, repariert alles selber, erfindet, ein NAchbar kommt gelegentlich, der Kater Findus leistet ihm Gesellschaft. Will damit sagen: meine Kinder kapiern das. Der Mann isst seine Kartoffeln, seine Karotten, den Salat aus dem Garten. Die Eier für die Pfannkuchen bekommt er von den Hühnern, die in seinem Stall wohnen. Alles überschaubar. Da gibts kein Junkfood, da gibts keine Importe... ach, angeln geht er noch. Also gelegentlich isst er noch Fisch.
Wie wir heute leben, mit Essen, dass nicht "zu der Zeit, wo es in unseren Breiten wächst" konsumiert wird, das ist mega bescheuert...(gestern nacht die Frage, Mama, warum ist es abends so schnell dunkel im Herbst...gut, dass ich in dem Kinderbuch über Jahreszeiten, Planeten usw. noch was kindgerechtes parat hatte - ich bin da nicht immer so gebildet wenns um welcher Planet sich wann um wen dreht und so - )
Keiner blickt mehr durch, wann was irgendwie "gerade in die Zeit passt". Die Lebkuchen im September. Die gehören in den Dezember. Im Februar wirds sicher schon Osterhasen geben...das alles ist verrückt.
ich bin ein bissl vom Thema abgewichen...Du hattest über die Arbeit geschrieben...
Ich habe auch vielfach gelesen (hab die Quellen nicht im Kopf) dass es krank machen kann, wenn Menschen nicht direkt erkennen können, welchen SINN ihre Arbeit macht. Wenn sie quasi "wie am Fließband" arbeiten. Das Band hält nicht an, links iist der Papierstapel, in der Mitte der zu bearbeitende, rechts die Ablage so ungefähr...und da gehört es dann noch mehr dazu, dass man "menschlicher" miteinander umgeht. Je abstrakter auch etwas wird, desto "menschlicher" muss die Firma die Arbeit aber auch gestalten.
Das sind lange Prozesse, die da losgetreten werden müssen. Die Firmen müssen erkennen, wenn Menschen unproduktiver, depressiver, kranker werden. Sie müssen erkennen, dass Menschen nihct nur human resources sind, resources sind bekanntlich auch nicht unendlich verfügbar (Stichwort demografischer Wandel, hab ich heut erst auf ner Schulung gehört; unsere Firma greift gerade eine ähnliche Thematik auf - um uns mitarbeiter zB zu beflügeln - aber da gehört auch ne Portion Mut dazu)
Es gehört auch einiges dazu, aufzustehen und zu sagen: unter diesen bedingungen will ich nicht arbeiten. Bitte lassen Sie mich so...oder so arbeiten. Man muss sich auch mitteilen (das ist manchmal auch nicht einfach)...
Sinn liegt im Auge des Betrachters. Also ich denke schon, dass mein Chef, meine Arbeit für Sinnvoll hält, aber es ist verwaltende Arbeit. ich passe auf, dass die, die wirklich produktiv sind, auch wirklich alles geben. Aber im großen und Ganzen - bin ich nicht verantwortlich für das Geld das rein kommt. Zahlen schieben. Und das ist nicht befriedigend. Ich habe vorher jahrelang im Garten und Landschaftsbau gearbeitet und dort kam mir meine Arbeit sinnvoller vor. Obwohl im kalten und schlechter bezahlt. Als alleinerziehend ist es manchmal schwer genug Mut auf zu bringen, weil die Konsequenzen "ungünstig" wären. :o)
Im Ansatz, dass Arbeit erfüllend sein sollte, um zufrieden zu machen, gebe ich Dir recht....aber Burnout und psychische Erkrankungen sind schon nicht in einen Topf zu werfen, geschweige denn, dass Handwerker wie der von Dir genannte Tischler, Maurer oder die Friseurin davor gefeit wären, an einem Überlastungsproblem zu Leiden oder psychisch zu erkranken. Das ist wahrlich Sozial-Kitsch....
Leider sind all die psychischen und seelischen Deformationen, an denen heute so viele bewusst oder unbewusst leiden, nicht ganz so einfach zu erklären und zu lösen.... Das dürfte komplexer sein - und ich bin ziemlich sicher, dass die meisten Friseurinnen sehr gerne mit Deinem Schreibtisch-Job tauschen würden, weil sie dann nach Ihrem "Tagwerk" nämlich nicht nur wahrscheinlich angemessener entlohnt worden wären, sondern auch keine schmerzenden Beine vom Stehen und keinen kaputten Rücken hätten.
Ansonsten solltest Du Dich wirklich mal schlau machen, was Burnout ist.... Die von Dir bzw. Deiner Psychologin-Bekannten beschriebenen Verhaltensweisen oder Defizite haben damit eher nichts zu tun.
Ebenso, was es angeht, daß ich die meisten Blogs von Dir -Tanja- super finde, als auch, daß dieser hier mich ärgerlich macht.
In dem Moment, wo sich ein Burnout in Form von psychosomatischen Erkrankungen andeutet, ist der Spaß vorbei.
So ging es mir in dem letzten Jahr meiner Festanstellung.
Ein Infekt nach dem anderen und jeder so heftig (Halsentzündungen mit Total-Ausfall der Stimme), daß nicht mal mein Chef auf die Idee gekommen wäre, daß ich mich nur drücken will.
Ich habe gekündigt und mache nun mehr oder weniger den gleichen Job selbständig.
Und obwohl ich locker leicht 1/3 mehr arbeite als vorher und so eine Selbständigkeit wahrlich nicht konflikt- und sorgenfrei abläuft, gehts mir gesundheitlich super.
Kein einziger Infekt mehr in den letzten fünf Jahren.
Das Zauberwort heißt Selbstbestimmtes Arbeiten.
Was das Ärgernis angeht, daß die sinnvollen Berufe so schlecht bezahlt werden, bin ich wieder voll dabei.
Ich kenne ja beide Seiten.
Unterstes Lohn-Niveau als Gärtnerin und gute Bezahlung in der Festanstellung nach der EDV-Fortbildung.
Jeder Job hat seine Schwierigkeiten und kann durch Einseitigkeit eine große Belastung werden.
Wenn ich Gärtnerin geblieben wäre, hätte ich inzwischen vermutlich einen kaputten Rücken ect.
Am Computer ist die Belastung aber auch nicht ohne.
Ich erlebe es als großes Glück, daß ich meinen großen Teil-Selbstversorgergarten haben als Ausgleich zum Computer (auch wenn der Computer mich in letzter Zeit mit Haut und Haaren frisst und der Garten momentan benachteiligt ist.).
So sollte es eigentlich sein, daß man sitzende und körperliche Arbeit abwechseln kann.
Das wäre wahre Gerechtigkeit und für die geistige und körperliche Gesundheit optimal.
wobei es sicherlich auch (verweichlichte?)Menschen geben mag, denen viele Dinge schwerfallen..
Ich glaube auch nicht, dass die Frauen "von früher", die oftmals nur Plackerei erlebt haben (ich sage nicht, dass unsere Büroarbeit nicht auch Plackerei ist, sie ist körperlich zunächst nicht so anstrengend, wie Wäsche am Waschbrett waschen bei 5 Grad Außentemperatur o.ä. oder Teppich klopfen - hat jemand von euch in der Wohnanlage überhaupt noch Teppich Stangen???) es als so angenehm empfunden haben oder sich TOUGH vorkamen.
Sie hatten gar keine andere Wahl.
Wahlmöglichkeiten ergeben immer positive Effekte, können aber auch negative nach sich ziehen.
Ich finde es gut, dass ich nicht das Leben führen muss, dass meine Mutter führte.
(viel von der harten Arbeit, die du oben beschreibst). Auf der anderen Seite sehe ich, dass meine Mutter aufgrund ihrer Lebenserfahrung Kompetenzen entwickeln konnte (musste), die sie stark gemacht haben.
Resilienzforschung ist, glaub das eine Stichwort.
Nun heißt das sicher nicht, dass alle ein hartes Leben führen müssen, damit sie "es schaffen" ihr Leben zu meistern. Aber eine gewisse Anstrengung iM leben, kann letztlich nur zu Erfolg und zu Zufriedemheit führen.
Der Mensch braucht Erfolge, er benötigt aber auch Arbeit, oder nennen wir es, eine Aufgabe.
Mir wäre es auch lieb, wenn wir nicht "nutzlos wie Beamte.." schreiben. Ich denke manchmal auch über den Beamtenstatus an und für sich nach -und äußere mich in der Weise, wie Du es geschrieben hast (outing), aber im Grunde genommen spiegelt doch so eine Äußerung nur Ungleichgewichte in der Wertschätzung der Aufgaben, die Menschen erfüllen und im Ungleichgewicht des Erwerbs von Rentenansprüchen / Versorgungsansprüchen, meine ich.
Tanja,
mir ist klar, dass Du keine Stammtisch Type bist, deswegen betrachte ich Deinen blog auch nicht so und ich finde es okay, auch mal zu polarisieren, ich betrachte das als rhetorisches (bzw. schriftliches) Stilmittel ;-))
Zum Burnout: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das früher auch schon gab. Ein Ergebnis der Alternativlosigkeit war wohl, das viele dieser Menschen sehr verhärtet duchs Leben gingen und ungerecht mit den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung umgingen. So war das bei meinen Großeltern und das wiederum hatte große Auswirkungen auf meine Eltern, die darunter gelitten haben, und letztlich auch auf mich.
Andere haben keinen anderen Weg mehr als den Ausstieg aus dem Leben durch Selbsttötung gesehen. Ich kenne da einige Fälle vor allem in Bauernfamilien, in denen der Betrieb über Generationen weitergeben wurde. Toll, dass es deiner Oma nicht so ging. Dann war das alles im allem vielleicht auch einfach das richtge Leben für sie. Sicher spielt die Grundhaltung eine wichtige Rolle. Aber von wem lernen wir mit großen Herausforderungen oder Leid im Leben umzugehen? Wie sind schließlich auch geprägt von sozialen und erzieherischen Einflüssen. Der Grad der Selbstbestimmung ist aber eben auch noch abhängig von weiteren äußeren Rahmenbedingungen (Arbeitsmarktlage, Krieg?).
Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit hatte meine Fähigkeiten und Interessen selbst entdecken und fördern zu können. Und trotzdem kenne auch ich die Mechanismen, die dazu führen können, dass auf einmal nichts mehr geht, dein Köper sich einfach verweigert. Dann muss mensch schon etwas tiefer schauen woher das kommt und wie es anders geht, sich ggf. Hilfe holen. Nichts wäre schmerzhafter in so einem Moment, als wenn dir dann jemand nahestehendes sagt, du sollst dich nicht so anstellen.
Aber deine Tochter scheint dich ja immer wieder auf den richtigen Kurs zu bringen;-) Ich mag den ehrlichen Umgang den ihr miteinander zu haben scheint.
Ohja.
In dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, habe ich schlimme Beispiele gesehen.
Da war der Ausdruck totschuften nicht nur so ein Ausdruck.
Gerade die Bauersfrauen waren mit Mitte 30 total verhärmt und mit Mitte 50 mehr oder weniger zu nix mehr zu brauchen oder tot.
Und einige Kilometer im Odenwald gab es ein Schloss mitten im Wald.
Das war eine Klinik für die Patienten, die unter Krankheiten litten, die man heute unter Burnout zusammen fassen würde.
Damals hieß das noch "Managerkrankheit", weil es fast nur Führungskräfte betraf.
Das ist eine Folge der vielgerühmten flachen Hierarchien, daß die unteren Ränge heute - wenn schon nicht das selbe Geld - dann wenigstens ähnliche Krankheitsbilder bekommen.
Früher mußten nur die Führungskräfte allzeit verfügbar sein, heute betrifft das viele Menschen und ist ja auch technisch möglich durch Handy und Co. und ein riesiger Stressfaktor.
" von meiner Freundin, die Psychologin ist. Es ging darum, daß immer mehr Menschen sich stationär behandeln lassen, die eigentlich keine Probleme haben, sondern sich einfach nicht zusammenreißen können."
Die Psychologin ist wahrscheinlich auch von früher oder eher von gestern, sie sollte meines Erachtens den Beruf wechseln, den einen Tischler ,der keinen Hammer halten kann, kann man auch nicht gebrauchen. Blos beim Tischler merkt man wenn er pfuscht bei einer Psychologin spielt das keine Rolle.
Diese Aussagen oder vieleicht sind es Therapiempfehlungen finde ich einfach nur zum kotzen, weil sie zeigen das derjenige absolut keine Ahnung von der Psyche eines Menschen hat, auch wenn er/sie es studiert hat und als Beruf ausübt.
Das Wort muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen:
"Ich reiße mich zusammen."
Und dann wundere ich mich, wenn ich plötzlich in Stücken bin und nicht mehr funktioniere. ;-)
Diesen Satze kenne ich sehr gut von der Generation, die noch den Krieg erlebt hat.
Leute, die als Kind die Flucht aus dem Osten erlebt haben oder Bombadierungen.
Die neigen dazu, unsere heutigen Zipperleins und Klagen nicht sonderlich ernst zu nehmen und sind schnell mal mit der Aussage beisammen, sie hätten sich ja damals auch zusammenreißen müssen und man solle doch bitte klaglos hinnehmen, was das Leben so bietet.
Deren Eltern waren auch ganz toll im Zusammenreißen und haben deswegen Hitlers Regime mit allen Folgen klaglos hingenommen.
Und unsere Politiker, Vorgesetzten ect. sind natürlich auch sehr daran interessiert, daß wir uns zusammenreißen und klaglos hinnehmen.
Die Fähigkeit zum Zusammenreißen mag gut sein bei Themen, die ich definitiv nicht ändern kann. Z.B. bestimmte unheilbare Krankheiten, Verlust eines geliebten Menschens ect.
Aber es ist natürlich eine gute Sache, wenn man sein Mäntelchen nach dem Wind hängen kann.
Mal wieder konkret auf den Punkt gebracht!
Im Job macht man nicht, was man am besten kann, sondern was verlangt wird.
Das Allerschlimmste ist aber der Unsinn, als, wie auch immer ausgebildete Kraft, irgendwelche blöden Office-Dokumente zu füllen.
80% der Bürozeit geht für so einen Mist drauf: Tabellen, Powerpoint, Mails. Besprechungen ohne Sinn und Maß. Vor 20 Jahren gab es eine sauber vorbereitete Besprechung in der Woche, da hast Du 5x überlegt, ob Du das machst, wegen der Rennerei, um alle zusammen zu bekommen.
Heute hab ich teils fünf Besprechungen am Tag, alles leere Hülsen, die mir die Zeit stehlen von dem, was ich am besten kann. Dazu ist dann aber keine Zeit mehr und am Ende hast Du Besprechungen, weil´s nicht klappt.
*Das* macht unzufrieden. Wir leben ein unechtes Leben. Ist es Midlife-Crisis? Ich bin 46. ;-)
Tja. Schönes neues Jahr, nicht wahr?
Molzen
Hinweis: Ich würde es gern anders machen, aber ich traue mich nicht mit vier Kindern...
Danke Molzen, und nen guten Rutsch.
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/psychische-erkrankungen-am-arbeitsplatz-burn-out-fruehverrentungen-erreichen-rekordwerte-1.1561445
Nochmal: Tut mir leid. Aber ich habe diese Handwerksromantik in letzter Zeit einfach zu oft gehört. Es mag Leute wie den Richard geben, die mit so einem (wohlgemerkt freiwillig gewählten !!) Leben glücklich werden. Aber "früher" war alles nicht besser, sondern oft einfach herzloser. Kinder waren kein geliebter Nachwuchs sondern einfach nur die Arbeitskraft, die den Lebensabend sichern würde und den Hof oder den Betrieb weiter führen würde. "Burnout" hat nicht existiert, weil so etwas nicht existieren durfte.
Die Maria_L nimmt oben ein Wort her, das für mich den Nagel auf den Kopf trifft: "verhärmt". Ganz genau das ist es. Man kommt auch durch den härtesten Burnout ohne Behandlung, aber danach ist man eben genau das: verhärmt. Wer vorher auf sich selbst hört und seine Schwäche eingesteht, der darf sich dann anhören, er würde sich nicht zusammenreißen. Aber wenigstens bleibt er Mensch.
Ich weiß, dass ich jetzt viele deiner Aussagen übergehe und mich nur auf die ersten paar Absätze eingeschossen habe, aber ich wollte einfach mal eine Lanze brechen gegen diese komische Romantisierung der Handwerksgesellschaft. Die war und ist nämlich einfach nicht so toll wie sie heute viele Leute machen. (Habe übrigens einen Bekannten, der seinen eigenen Schreinerbetrieb leitet und vor zwei Monaten auf unbestimmte Zeit in Kur gegangen ist weil er mit seiner Überarbeitung drauf und dran war, seine Familie und sein Leben komplett zu zerstören.)
Diese Geschichten, Verbotene Liebe (hatte nix mit Soap zu tun;-)), harte Arbeit mit Tuberkulose bis zum Todschuften ect. waren auch in dem Dorf an der Tagesordnung, wo ich als privilegiertes Stadtkind mit sechs Jahren aufgeklatscht bin.
Das Landleben, Selbstversorgung, Häuser renovieren ect, ist solange romantisch, wo man nicht auschließlich davon leben muß.
Die andere Seite: Auch in einem tollen Bürojob kann man sich krank schuften.
Es hilft also nicht, vergangene Zeiten herzuwünschen, sondern erst hilft nur die (eigene) Zukunft entsprechend gesund zu gestalten, egal wo man steht.
Also ich steh schon auf Strom und Innenklo und warmes Wasser aus der Leitung.
Und ich glaube in dieser "Geschichte" ring es im Grunde genommen um eine allgemeine "Zufriedenheit" und darum, dass man mehr Zeit hatte, als man noch nicht so viele Hilfsmittel zum Zeitsparen hatte.
ich kann es nicht mehr hören.
sind die vielen verbitterten und existenzverbeutelten menschen, die es sicherlich auch damals gab, verdrängt, in die versenkung geschmissen, verstaubt....?
ich merke nur, dass dieser begriff der wolkenverklärtheit immer dann an grösse zunimmt,
wenn es im getriebe der gesellschaft wieder mal mächtig hakt.
also..so wie die jugend schon zu aristoteles die angeblich schlimmste denn je war...und es nicht war, so ist auch die vergangenheit mit bescheidenen abschnitten und menschen vor der wand gepflastert.
es ist sicherlich nicht förderlich die zeit nur negativ zu sehen, aber es hilft garantiert auch nicht etwas aufzuplustern, was es nicht wirklich wert ist.
realitätssinn kann da sehr förderlich und hilfreich sein.
Ich bin ja selbst nicht ganz frei von der Verklärung.
Bzw. ich würde es mit Sicherheit noch viel verklärter sehen, wenn ich die Realität nicht - z.Glück mit etwas Distanz - erlebt hätte.
war das
... - 1914 ? - so völlig ohne technik vermutlich nicht
1914-1918 - während des kriegs, glaub ich nicht
1918-1933 - inflation, arbeitslosigkeit, armut ... wohl auch nicht
oder gar 1933-1945 - das wäre hier wohl die falsche internetseite dafür
vielleicht auch von 1945-1968 - verkrustete strukturen und fress-wohlstand, ob das gut war.
das was seit den 68igern daher kommt ist ja wohl nicht mehr wirklich alt .. rein historisch betrachtet?
ist es nicht ein bißchen so, dass das gras auf der anderen seite des zaunes immer am grünsten ist?
die idylle am land - hat ihre schattenseiten
die möglichkeiten des städtischen lebens - kommen auch nicht ohne defizite daher
das, was man nicht hat, will man haben, weil kaum jemand mit dem zufrieden ist was er hat.
oder sehe ich da was falsch?
Ich denke das muss man differenziert betrachten.
Wenn die Unzufriedenheit gepaart ist mit Neugierde, dann kann sie durchaus produktiv sein.
Wenn sie dagegen gepaart ist mit NEID und Missgunst, dann schaut es schlecht aus.
Ich bin ein extrem unzufriedener Mensch, wenn ich mich nach dem was ich habe beurteilen müsste.
Was ich habe oder besitze interessiert mich meist nicht sonderlich, vielmehr ist für mich die Neugierde den Besitz in etwas sinnvolles zu verwandeln, dass vielleicht nicht nur mir zugutekommt, entscheidend.
Ich denke eine gesunde Unzufriedenheit in Bezug auf das was noch zu lernen ist, ist sehr wertvoll, dagegen ein Unzufriedenheit gegenüber den angehäuften Gütern finde ich sinnlos.
allerdings zufriedenheit ist etwas, daran kann jeder bei sich selbst arbeiten.
und wo innerer friede ist, ist auch die gute zeit im jetzt vorhanden.
Ich bin mir ja nicht sicher ob ich mit dem Richard gemeint bin?
Jedenfalls hat unser "Projekt" Selbstversorgerbauernhof wenig mit rosaroteBrillenromantik aus früheren Tagen zu tun.
Es ist nicht allzu romantisch am Morgen bei 12° aufzustehen und einmal eine Stunde lang die Öfen zu heizen bis endlich der Kaffee fertig ist. Aber ich kann euch sagen es ist so was von geil. Kein Stress dafür kalt, weil ich ja nicht ins blöde Büro muss um 80% meiner Zeit dort mit sinnentleerter Arbeit zu verplempern (lt. Molzen).
Ein Gespräch mit den Hühnern, ein Plauscherl mit den Katzen etwas Holz tragen für die Öfen, genug Bewegung am Morgen um ein herzhaftes Frühstück zu genießen. Ja im Winter kann das schon mal bis 9 oder halb 10 gehen. Was soll man auch bei -10° im Freien?
Romantisch wird es wenn der Ofen in der Stube seine Strahlungswärme im Raum verteilt, ein gutes Buch dazu und fertig ist der Tag.
Die letzten Tage hatte ich echt Arbeit. Durfte im Dorf eine etwa 100 Jährige Scheune abtragen. War auch nicht sehr romantisch bei Minus Graden am Dach spazieren. Das Holz vom Dachstuhl 1. Klasse, gehackte Sparren ohne Wurm (wer weiß was das bedeutet). So liegen jetzt sicher 5-6 m² 100 Jahre altes trockenes unverzogenes Bauholz bei mir herum für einen Schafunterstand? oder doch ein Kompostklo ? oder was weiß ich. Wer es NEU braucht, solls sich's kaufen, dafür darf er auch vorher ins Büro :-(
Kurz gesagt, Romantik hin oder her, es geht darum SEIN Leben zu Leben und wie das jeder macht muss er selbst entscheiden.
Ich verrate noch kurz was wir anstelle von Böllerschießen und Besäufnis an Silvester seit wir auf dem Hof sind machen:
Jeder der Anwesenden (heuer sind wir nur 2, schluchts :-( ) schreibt auf was das heurige Jahr an Veränderungen gebracht hat, dann schreibt man auf was das nächste Jahr bringen wird.
Das zweite Blatt kommt in ein Kuvert für das nächste Jahr. Das erste Blatt (was geschehen ist) wir mit dem Blatt vom Vorjahr verglichen.
Und ich sage euch es ist echt ein Gewinn, wenn man das vergangene Jahr so an sich vorüberziehen lässt, vielleicht noch darum streitet wann jetzt das genau war, dann holt man schnell einige Fotos aufs Laptop mit Datum usw. usw. Und da merkt man erst wie lange so ein Jahr ist und was alles geschehen kann.
diese idee ist klasse.
ich mach es ähnlich.
nur schreib ich es nicht auf.
doch es ist schon irre, was sich so alles ergeben hat....
und die spannung auf das was kommen kann oder wird ist so doppelt gross.