Heute morgen beim frühstücken, erzählte ich meiner Tochter, weiß der Geier wie wir auf das Thema gekommen sind, von meiner Freundin, die Psychologin ist. Es ging darum, daß immer mehr Menschen sich stationär behandeln lassen, die eigentlich keine Probleme haben, sondern sich einfach nicht zusammenreißen können. Menschen, die nicht in der Lage sind, Post zu öffnen, ab zu heften, Termine zu machen und ein zu halten oder Rechnungen zu bezahlen. Die halt so ihre Herausforderungen haben, die ganz gewöhnlichen und alltäglichen Unannehmlichkeiten auf die Reihe zu bekommen und denken, daß sie ein Problem haben wenn sie einen Termin beim Zahnarzt machen müssen, oder wenn jemand kommen möchte um die Wasseruhr ab zu lesen.

„Kein Job für mich“ sag ich. „Ich würde die packen und schütteln und sagen sie sollen mal die Zähne zusammen beißen und in die Hufe kommen. Zwanzigjährige die ins betreute Wohnen wollen, sich freiwillig entmündigen lassen wollen, nur weil wahrscheinlich Mutti vorher alles gemacht hat. Die haben wohl den Schuß nicht gehört. Ich hab auch kein Bock auf Rechnungen oder Arzttermine und muß das trotzdem durch ziehen. Die Arschgeigen!“



Kind hatte solche Panik Attacken mit 12. Wo sie mal wieder ein „Erwachsene haben es so gut, die können machen was sie wollen.“ vom Stapel gelassen hat und ich dachte ich müsse ihr jetzt aber mal erklären was es heißt Erwachsen zu sein. Das tun was man will. Ja klar. Aber meistens sind es auch Dinge tun die man nicht will und Dinge bleiben lassen obwohl man sie ganz dringend will. „Das krieg ich nie hin!“ schrie sie damals. „Da wächst du rein.“ beruhigte ich sie.



Das hat sie inzwischen, aber trotzdem hatte sie noch Mitleid mit den „Psychos“.

„Na vielleicht haben die ja so was wie Burn Out?“



„Burn Out? Wenn ich das schon höre! Hör mir bloß auf mit Burn Out! Meine Großeltern hatten einen großen Bauernhof und mein Opa ist noch Milchwagen gefahren. Oma konnte nicht Abends aus den Stall kommen und sagen – Mist, kein Brot mehr da, kann mal jemand schnell los rennen und eins kaufen? Schon geschnitten bitte. 7 Tage die Woche, von 5 Uhr Morgens bis spät in den Abend. Und zur Tagesschau wurden nebenher Strümpfe gestrickt.

Hatten die Burn Out. Ne. Die waren immer fröhlich und gut drauf. Meine Oma hat Kraft getankt in der Kirche. 1 Stunde in der Woche und danach schnell heim Essen machen. Richtiges Essen mit Vorsuppe und Braten und Soße, ohne Maggi Fix!“



Nachdenklich bemerkt Kind, daß wir ja eine Menge Menschen kennen, die vor lauter Arbeit eigentlich am Stock gehen müßten. Aber das es eigentlich dieselben Menschen sind, die immer bereit sind beim Umzug zu helfen, einen Kuchen für einen Geburtstag zu backen, fremde Kinder zu hüten, alte Menschen zu pflegen, die nie jammern, sondern unverschämt zufrieden sind.

Andere wohnen zu zweit in einer Dreiraumwohnung, beide gehen 8-9 Stunden am Tag arbeiten, haben jedes Wochenende frei und 30 Tage Urlaub, werden bezahlt wenn sie krank werden, verdienen ganz gut und lassen einen ständig sitzen weil sie zu erschöpft sind Abends noch mal aus dem Haus zu gehen, oder ihr Wochenende brauchen um sich zu erholen. Plötzlich sind sie für 3 Wochen in Kur wegen Burn Out.



Wir überlegen ein bißchen hin und her. Wie kommt das?



Wir waren und ziemlich schnell einig. Ein Bauer säht, erntet (oder füttert und schlachtet), verkauft, bekleidet sein Produkt von Anfang bis Ende. Ein Tischler hat Bretter und danach ein Möbelstück oder Fensterrahmen, ein Maurer hat sein Haus mit Richtfest und ein Maler eine fertige Wohnung, eine Krankenschwester einen gesunden Patienten und eine Frisöse eine Frisur. Theoretisch sehr befriedigend. Die können nach Feierabend machen und sagen was sie getan haben, die haben ihr Tagewerk vollbracht.

Was kann ich tun? Ich schieb ein paar Zettel hin und her, befülle ein paar Dateien mit langen Zahlen, rede ganz viel mit Menschen und am Ende des Tages, weiß ich manchmal nicht so genau was ich getan haben soll. Und das, pisst mich manchmal ganz dolle an! Man bekommt das Gefühl, nichts getan zu haben, Zeit vertrödelt zu haben. Ein sinnloser Meeting nach dem anderen, am Ende des Tages mehr auf die PC Sanduhr geschaut wie in das Gesicht meiner Tochter und für was? Für Zahlen und Pläne.



„Du bist eigentlich voll das Opfer“ sagt mein Kind. „Häh?“ sag ich.

„Ist dir das aufgefallen? Menschen mit sinnvoller Arbeit, die eigentlich alle brauchen, bekommen scheinbar weniger oft Burn Out als Menschen mit eigentlich nicht notwendiger Arbeit, wie Beamte oder so.“

„ Ja aber, Menschen mit sinnvoller Arbeit, die jeder braucht, bekommen viel weniger Geld als Menschen deren Arbeit keiner zum Leben braucht.“ kontere ich.

„Macht dich das nicht fertig? Warum bekommst du Geld und Bauern die früh im Stall ihre Kühe melken bekommen viel weniger? Wer verteilt denn das? Das ist ja wohl unglaublich!

Wenn irgendwelche produktiven, sinnvollen Menschen Burm Out bekommen, dann wahrscheinlich auch nur wegen dir.“

Ertappt.

Und nun?

Das System auf den Kopf stellen?

Keine Ahnung.

Fühl mich gerade ausgebrannt.