Die Kirchenglocken um 18 Uhr waren das deutliche Zeichen, daß sich jetzt gesputet werden sollte. Man hat das Rad, oder den Schlitten gepackt und sich schleunigst auf den Weg gemacht um pünktlich mit gewaschenen Händen am Abendbrottisch zu sitzen. Vor 18:15 Uhr, hat sich keiner Gedanken gemacht, wo man den abgeblieben sein könnte. Mal schnell eine sms schreiben „Bin nicht mehr im Hüttchen, sondern bei Judith auf dem Heuboden.“ War nicht und hat auch keinen interessiert, solange man pünktlich wieder an der Homebase war.

Im nachhinein wird mir schlecht wenn ich daran denke, wie oft wir in lebensbedrohlichen Situationen waren. Im Eis eingebrochen, mit Ach und Krach ans Ufer gezogen und der einzige Gedanke war „Wie komm ich jetzt nach Hause, ohne daß Mutti meine nasse, schmutzige Hose sieht“. Also alles recht FREI. Allerdings waren andere Freiheiten stark beschränkt, auf jeden Fall bei uns. Paß auf was die Leute sagen. Deine Meinung zählt nicht weil Kinder keine Meinung haben, wie läufts du rum, was sollen denn die Nachbarn denken … ich fand das immer beengt, deswegen hab ich genau zu meinem 18. Geburtstag meinem Dorf die kalte Schulter gezeigt, hab mir einen Ring durch die Nase stechen lassen und hab mein eigenes Ding durch gezogen.

Jetzt wo meine Mutter, dank RTL und Pro7 weiß, was uns alles hätte passieren können, hat sie nachträglich schlaflose Nächte. Der alte Mann vom Siedlerhof, der immer im Wald rum geschlichen ist und allen Kindern seinen Pimmel gezeigt hat, war früher nur ein Idiot, dem man aus dem Weg gehen sollte – fertig. Wenn ers übertrieben hat, kam ein Vater, angestachelt vom Mutter, und hat ihm am Schlaffitchen gepackt, geschüttelt und wir hatten wieder ein paar Wochen Ruhe.

Wenn meine Schwestern und ich gespielt haben, bei uns zu Hause, was haben wir denn da gespielt? Wir hatten unsere Babypuppen, unsere Küchen, ich hatte sogar ein kleines blaues Waschbrett, meine kleine Schwester schon eine richtige Waschmaschine, einen Wäscheständer und ein kleines Bügeleisen, das richtig warm geworden ist. Wir haben eigentlich nur die ganze Zeit „Erwachsen“ gespielt.

Das war mir nie richtig bewußt, bis meine Tochter in den Kindergarten kam. An ihrem ersten Tag, sie war zwei Jahre alt, nahm sie ein kleines Bügeleisen, hielt es sich ans Ohr und rief „Hallo, Hallo“. Das war ein bißchen peinlich, aber natürlich, sie sieht mich nie bügeln. Ich bin keine Haushaltsperle und wenn meine Tochter „Erwachsen“ gespielt hat, dann hat sie telefoniert, gelesen und sich aus einem Schuhkarton einen PC gebastelt. Kochen spielen, muß sie nicht, denn wenn ich koche, kocht sie mit. Wäsche machen, warum sollte sie das spielen, weil sie hilft mir dabei, seit sie stehen kann. (Falsch – sie hat. Seit sie es nämlich kann, hat sie schlagartig das Interesse verloren.) Dafür darf sie eine eigene Meinung haben, weil uns nämlich egal ist, was Leute sagen. Das macht die Sache aber nicht einfacher.

Durch meine Tagebücher, weiß ich noch, daß ich damals der einzige Mensch auf der Welt war, der Logisch gedacht hat und über alles Bescheid wußte. Ich war quasi mit 12 schon voll erwachsen, eigentlich sogar erwachsener als die Erwachsenen. Nur hats keiner von den Arschgeigen gerafft. Aber ich hab mich nicht so getraut meine Meinung kund zu tun, denn ungezogenen Kinder sind ein Greuel vor dem Herrn. Allerdings, wenn ich heute meine Meinung, mit Lachtränen in den Augen lese, bin ich im nachhinein froh, daß ich aus Respekt oder aus Angst meine Meinung zurückgehalten habe. So konnte ich wenigstens mein Gesicht wahren. Denn das hatte ich mit meiner Tochter gemeinsam (seufz), einmal laut ausgesprochen, geht’s keinen Schritt mehr zurück und es wird zwanghaft und aus Prinzip alles ausdiskutiert.

Der Mensch der ich heute bin (und ich find mich ziemlich gelungen) wurde auch dadurch entwickelt, daß ich in einer Blase des „einfach mal Klappe halten“ die Chance hatte meine Gedanken reifen zu lassen und daß ich genug Kraft aufbauen durfte zu rebellieren.

Ich brauchte diese starren Grenzen um genug Unzufriedenheit auf zu bauen, etwas verändern zu wollen.



Hier mal ein bescheuerter Vergleich. Ich habe mal unsere Schweinestalltüren auf gelassen bevor ich zum Mittagessen gegangen bin. Ein Teil der Schweine verkroch sich am entferntesten Fleck, so weit weg von der offenen Türe wie möglich. Ein anderer Teil rannte raus, quer übern Hof, rein in den Garten, machten alles kaputt und zerwühlten alles was unter den Rüssel gekommen ist. Eine kleine Hand voll Schweine ging raus, blinzelte in die Sonne und schuffelte sich an den Obstbäumen. Diese genossen die Freiheit. Aber es war eben nur der kleinste Teil. Die meisten sind mit der großen Freiheit nicht klar gekommen.

So – und was will ich jetzt damit sagen? Keine Ahnung – ich hab nämlich den Roten Faden verloren. Aber vielleicht sind es mal Denkanstöße – oder Aufreger.

Kinder sind manchmal arme Schweine, weil sie nämlich die falschen Freiheiten haben vielleicht?