"Sie sind mitten unter uns" - so beginnt Julia Seeliger ihre Kolumne über die furchtbaren Tierrechtler. Das klingt echt gefährlich, unerkannte Feinde, Stasi und Vampire schießen mir durch den Kopf, was meint sie bloß?

Julia Seeliger behauptet, die antispeziesistische Argumentation verweise (ohne Einschränkung) auf Auschwitz und ziehe Parallelen zu der Alltagsrealität auf Schlachthöfen. Das ist Quatsch. Warum schreibt sie das?

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(Schafherde auf dem Gelände des Zwangsarbeitslagers Sandbostel im Elbe-Weser-Dreieck)

Klar, es stimmt: Tiermissbrauch und Holocaust sind nicht in einen Topf zu schmeißen. Die Schafe, die auf dem Foto das Gras der Gedenkstätte Lager Sandbostel kurz halten, sind keine Allegorie. Die kläffende Hundemeute, die ununterbrochen im Hintergrund lärmte, machte die Szenerie gespenstisch, als wären da noch die Wachhunde der Lagerpolizei - aber sie gehörten zu einer Hundepension (siehe untereres Bild), die eine der ehemaligen KZ-Baracken nach Umwandlung in ein Gewerbegebiet bezogen hat. Also kein Tier-KZ.

Aber braucht denn eine antispiezistische Theorie diesen Vergleich? Nein. Er ist Ausdruck von Wut und Ratlosigkeit, wie eine Öffentlichkeit wachzurütteln sein könnte, die gern täglich Fleisch isst, aber nichts darüber wisen möchte, wo es herkommt. 40.000 Hühner, die sechs Wochen in einer Halle zusammengefercht werden, deren Fläche ein Viertel eines Fußballplatzes ausmacht, die wegen ihres Körpergewichts bald nicht mehr laufen können, die Beine sind zu dünn dafür, und bevor sie auf dem Schlachthof landen sind schon an die tausend von ihnen verreckt - das ist bundesdeutsche Realität, und das Produkt landet dann auf dem Tisch als "Ein Stück Lebenskraft". Das finde ich menschenverachtend. Faschismusdebatte ist in diesem Zusammenhang wirklich völlig uninteressant.

Die Autorin wirft den Tierrechtlern vor, durch die Gleichberechtigung von Mensch und Tier eine Ungleichheit der Menschen hinzunehmen. Behinderte und in irgendeiner Weise eingeschränkt lebende Menschen seien in Gefahr, wieder so entrechtet zu werden wie unter den Nazis. Daher sei die Theorie der Tierrechtler faschistoid.

Mit dieser Argumentation stellt Frau Seeliger die gesamte Tierrechtsszene außerhalb der demokratischen Gemeinschaft, und das ist infam. Sie begründet die folgenschwere Unterstellung mit der Rolle des Ethiker Singer in der Szene der Tierrechtler. Hier liegt der sachliche Kern ihrer Kolumne, um den herum sie ansonsten viel Verdächtigung, Unterstellung und Andeutung drapiert - dazu später.

Der Australier Singer ist seit Jahrzehnten in Kreisen der deutschen Behindertenbewegung, in Sozialpsychiatrie und Sozialpädagogik umstritten. Er hat in seiner Ethik die Rechte, die jedem Menschen zugestanden werden, auf Tiere ausgeweitet und damit einen Schritt getan, der für Tierechtler natürlich erhebliche Attrasktion aufweist. Weiterhin hat sich dann aber Singer viel mit der Frage befasst, wie denn die Rechte von "Wesen" (schwer, ein nicht diskriminierendes Wort zu finden) behandelt werden sollen, die sich nicht äußern können. Da kommen Behinderteninteressen ins Spiel. Und da hat sich Singer dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, mit seinen Vorschlägen liefere er Euthanasiebefürwortern eine scheinwissenschaftliche Rechtfertigung. Dieser Streit ist nicht erledigt, er ist weiter zu führen. Weder Singers Ethik noch sonst irgendwer hat darüber zu urteilen, welches Leben erhaltenswert ist. Es ist gut, dass es in Deutschland Gruppen gibt, die sehr aufmerksam darauf achten, dass es hier keine Grenzverwischung gibt und Nazi-Selektionen nie auch nur andeutungsweise wieder legitimiert werden.

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(Tierpension in einer Baracke des ehemaligen KZ Sandbostel)

Die Tierrechtsszene hat sich mit diesem (für Antispeziesismus nicht zentralen) Aspekt der Singerschen Theorie auseinandergesetzt oder tut das auch noch. Sie gründet im Übrigen nicht unbedingt auf Singer, der taucht in entsprechenden Literaturverzeichnissen wenig auf, sondern eher auf Horkheimer/Adorno. Die Wurzeln der Bewegung liegen vielfach in Antifa und anarchistischem Spektrum. Warum diffamiert Frau Seeliger diese Gruppierungen?

Aus der Kolumne wird es nicht wirklich klar. Es gibt einige Anhaltspunkte, was Frau Seeliger so ärgert und was die taz für abdruckenswert hält:

- Von "Tierrechts-Intifada" schreibt die Autorin. Im Text gibt es keinen Zusammenhang, der den Begriff irgendwie sinnvoll werdenm lässt, er ist wohl einfach irgendwie schick-schnoddrig. Was transportiert er? Ich denke an junge Palästinenser, die israelische Truppen mit Steinen bewerfen. Junge Hitzköpfe und anti-israelische Kämpfe, das sind Assoziationen, die auf den Weg gebracht werden.

- "Bauchreligion" nennt die Autorin das Weltbild veganer Tierrechtler. Es bleibt offen, ob eine Kopf-Religion ihr lieber wäre, oder ob für sie Religion grundsätzlich des Teufels ist. Jedenfalls scheint sie das schlecht zu finden. Hier steht zwar keine Rechtfertigung der rationalistischen Aufklärung unserer Neuzeit mit all den gesellschaftlichen Implikationen, die die scheinbare "Sachlogik" heutzutage überall erzwingt. Aber es scheint mir ein Gegenpol für die angegriffene "Bauchreligion" zu sein, und mir graust davor ebenso.

- Am Schluss der Kolumne geht Frau Seeliger die Puste völlig aus und sie wird in den Formulierungen immer wirrer. Die Rechte der Tiere, so argumentiert sie, könne ja keiner umsetzen, weil man mit denen nicht reden kann. Das deben kann man mit Wachkoma-Patienten auch nicht, und ein sinnerschließendes Gespräch ist mit vielen Menschen kaum möglich - seien sie nun krank oder komisch, wer will das immer entscheiden. Das ist auch egal. "Wer soll denn mit den Tieren sprechen und erfahren, was sie sich wünschen?" fragt Frau Seeliger. Wenn die Zuerkennung von Rechten davon abhängt, dass einer sagen kann, was er sich wünscht, dann gibt es hierzulande aber ein ziemliches Durcheinander.

Früher fingen Märchen an mit dem Satz: "Es geschah aber zu der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat...". Frau Seeliger wäre zu wünschen, dass sie nicht derart ungenießbare Eintöpfe herstellt, die nicht nur schlecht schmecken, sondern auch noch vergiftet sind. Vielleicht sollte sie mal ein paar vegane Rezepte ausprobieren. Da gibt es wirklich leckere Alternativen.

Was der taz zu raten wäre... schwer zu sagen. Die Kolumne stellt eine üble Entgleisung journalistischer Ethik dar. Eine Entschuldigung wäre nicht schlecht. Aber wie das so ist - ob Wünsche da helfen...



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(Was mag sich dieses Kamel im Pferch eines Kleinzirkusses gerade wünschen?)


Der Text der Kolumne steht unter

http://www.taz.de/Kolumne-Bio/!76310/