Die Auseinandersetzung um die richtige Ernährung (und wie sie hergestellt werden sollte) ist ein zähes Ringen. Die Verbraucher kaufen das industriell und tierquälerisch produzierte Fleisch immer noch in großen Mengen.

Aber:

Die Industrie wird nervös. Die Bosse reagieren irrational und skurril. Sie fangen an zu merken, dass ihnen diese Bewegung der Tierrechtler, Veganer, Humanisten und Gutmenschen nicht egal sein kann. Man merkt das an Kleinigkeiten.

Die erste Kleinigkeit: Sprötze

Die seit anderthalb Jahren arbeitende Tierfabrik mit 40.000 Hühnern gehört einem örtlichen Bauern, der sich dem Ober-Hahn Rothkötter ausgeliefert hat. Als der „Runde Tisch Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz“ mit einer Fahrraddemo gegen die Verdoppelung der Kapazitäten durch eine neue Masthalle protestieren wollte, strafte die Geflügelindustrie die Tierschützer schon im Vorwege ab. Dazu schreibt der Runde Tisch in seiner Presseerklärung:

„Die Mitgliederversammlung des Runden Tisches für Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz reagiert mit Verwunderung auf die Mitteilung des Lobbyverbandes „Niedersächsische Geflügelwirtschaft“ (NGW), dass Besichtigungen durch Kritiker der Sprötzer Mastanlage künftig nicht mehr zugelassen werden. Der Runde Tisch hatte kürzlich mit einer Fahrrad-Demonstration durch Sprötze und Buchholz sowie einer Abschlusskundgebung am Buchholzer Rathaus gegen die geplante Erhöhung der Mastkapazitäten in Sprötze auf 80.000 Hühner protestiert. Außer der Verdoppelung in Sprötze sind auch große Mastanlagen in Heidenau und Fintel geplant. NGW-Geschäftsführer Oltmann drohte einem als Massentierhaltungs-Kritiker bekannten Mitglied des Runden Tisches, ihn „persönlich für entstandene Schäden“ haftbar machen zu wollen. Der Runde Tisch fordert die NGW auf, zum konstruktiven Dialog zurückzukehren und endlich auch einen Beitrag zur Minderung des Tierleids zu liefern. Bisher stehe der Nachweis aus, dass die Geflügelwirtschaft wirklich zur Transparenz bereit sei.“

Das bedrohte Mitglied hatte mit der Organisation der (im Übrigen natürlich völlig friedlich verlaufenen) Demo nichts zu tun. Aber er ist einer der Lieblingsfeinde der Geflügelwirtschaft, und um sachlicher Argumente ging es ja gar nicht. Aussperrung der Kritiker: das ist als wolle man die den Sonnenschein trübenden Wolken mit der Plattschaufel wegschieben. Nützt nichts, und man verliert mit Chance selbst das Gleichgewicht.

Die zweite Kleinigkeit: Wietze

Auch in Wietze passt Rothkötter gut auf, wer dem Hühnerbaron genehm ist und wer nicht. Zwei grüne Ratsherrn der Gemeinde, die den größten europäischen Geflügelhof beheimatet, waren unvorsichtig. Aus ihrer Darstellung des Ablaufs:

„Auf Initiative von Bürgermeister Klußmann hatte die Celler Frischgeflügel GmbH Wietzer Kommunalpolitiker für den 23. Mai zu einer Besichtigung der neuen Geflügelschlachterei eingeladen.
Außer den Gemeinderats- und Ortsratsmitgliedern hatten sich außerhalb des Betriebsgeländes auch ein halbes Dutzend Tierschützer zu einer Mini-Demonstration eingefunden. Sie trugen ihre Standpunkte den versammelnden Ratsmitgliedern unter Zuhilfenahme eines Megafons vor. Die beiden Grünen Gemeinderats/Ortsratmitglieder Claus F. Schrader und Harald Kieckbusch nahmen den vorgetragenen Gesprächswunsch an, gingen auf die jungen Leute zu und unterhielten sich kurz mit ihnen.
Bei ihrer Rückkehr zur Besuchergruppe eröffnete ihnen Herr Bürgermeister Klußmann folgendes:
„Ich habe Ihnen eine Nachricht zu übermitteln. Sie werden an der Besichtigung nicht teilnehmen. Da Sie sich mit diesen Herrschaften unterhalten haben, hat Herr Rothkötter entschieden, Sie von der Einladungsliste zu streichen.“

Pikant ist, dass der Bürgermeister sich als Sprachrohr für die Rothkötter-Sottisen missbrauchen lässt. Aber auch hier wird deutlich: einige wenige junge Leute (wahrscheinlich von der im Mai durchgeführten „Critical Mast Tour durch Niedersachsen) lassen das System Rothkötter Alarm schlagen. Zwei demokratisch gewählte Ratsherren dürfen mit Bürgern nicht sprechen, die Rothkötter nicht genehm sind, wenn sie denn ihre Informationsrechte über die in ihrer Gemeinde angesiedelte Industrie wahrnehmen wollen. Rothkötter hebelt demokratische Rechte aus. Wenn er sich da mal nicht übernimmt.

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"Und komm mir bloß nicht mit Schnabelkürzen!"



Noch ziert sich die Politik, Ernst zu machen mit der Durchsetzung von Transparenzregeln gegenüber der Agrarindustrie. Besonders in einem bäuerlich strukturierten Land wie Niedersachsen gibt es da viele Rücksichten zu nehmen. Aber erste Schritte hat Landwirtschaftsminister Lindemann getan: Moschusenten darf der Aschnabel nicht mehr gekürzt werden (was intensive Fabrikmästung unmöglich macht). Und Bauern müssen künftig Rechenschaft darüber ablegen, wo welche Gülle ausgebracht wird – bisher versickert alles mehr oder weniger unkontrolliert, auch wenn es tankwagenweise aus den Niederlanden importiert wird – denn die sind schon überdüngt. Niedersächsische Gewässer gehen aber auch bald in die Knie, wenn der unkontrollierten Überlastung kein Riegel vorgeschoben wird.

Jetzt hat sich ein Netzwerk gegründet, in dem sich die niedersächsischen Initiativen gegen Agrarfabriken und viele Umweltverbände zusammengeschlossen haben. Die Öffentlichkeit soll verstärkt informiert werden über die wirklichen Zustände in den Mastfabriken, über die Belastung der Umwelt und die Malträtierung der Tiere. Es geht nicht gegen den einzelnen Bauern, sondern die Großkonzerne (wie Rothkötter), die den Bauern knebeln und in ihre Strategien einspannen, so dass er gar keine Wahl mehr hat (zum Beispiel was er füttert, wen er in den Stall lässt usw.).

Der Vorsitzende des Landvolks in der Lüneburger Heide sieht nur Träumer am Werk: „Man träumt von einer kleinen schnuckeligen Kinderbuchlandwirtschaft, in der die Gefühlsduselei keine Grenzen kennt“. Er vergisst hinzuzufügen, dass es genau diese Kinderbuchlandwirtschaft ist, mit deren idyllischen Szenen sich die Werbung für Lebensmittel schmückt, täglich, millionenfach vierfarbige Lügen am laufenden Band. Wer spielt hier mit Träumen?

Und Meyer weist auch auf die „gefährliche“ andere Seite dieser gefühlsduseligen Spinner hin: „Wir wehren uns gegen die ständigen Diskriminierungen so genannter Fachverbände, Netzwerke und dergleichen, die unseren Rechtsstaat zur Bananenrepublik degradieren“ (Nordheide Wochenblatt, 2.6.2012). Wenn ich den krummen Gedanken recht verstehe, könnte er meinen, die Kritiker werfen dem deutschen Rechtsstaat vor, sich wie die schwachen Republiken Süd- und Mittelamerikas dem Diktat von mächtigen Konzernen zu unterwerfen. Da ist was dran, Herr Meyer. Der Hühnerbaron Rothkötter aus dem Emsland, der Eierglobalist Lohmann aus Cuxhaven, die einschlägig berüchtigte Billighuhnfirma Wiesenhof, das sind schon Konzerne, die ihren Einfluss geltend zu machen wissen. Es wird aber nicht immer so im Geheimen weitergehen wie in den letzten Jahrzehnten.

Der Widerstand formiert sich. Und da lässt Herr Rothkötter schon mal die Plattschaufel kreiseln. Sieht ganz possierlich aus. Könnte eine neue Disziplin bei der Ostfriesenolympiade werden.