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Leerstehende Geschäftslokale, verklebte Fensterscheiben und ein verwaister Ortskern…, ein Bild, das sich bei einer Fahrt durch ländliche Gemeinden oder städtische Randgebiete mittlerweile sehr häufig bietet. Gründe für diese Entwicklungen gibt es viele und allen betroffenen Einwohnern ist wohl klar, dass die fehlende Versorgung mit Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs auch den Wegfall eines Stücks Lebensqualität und eines wichtigen Standortfaktors Ihrer Gemeinde bedeutet. Also machtlos zusehen und sich dem Schicksal ergeben oder handeln und selbst die Verantwortung übernehmen?
Diese Frage beantwortete sich vor fünf Jahren die Gemeinde Jülich-Barmen (NRW) selbst und schrieb mit der Eröffnung ihres eigenen und unabhängigen „High-Tech-Tante-Emma-Ladens“ die erste Erfolgsgeschichte in Sachen DORV-Konzept (Dienstleistung und Ortsnahe RundumVersorgung). Nachdem mehrere Lebensmittelläden, die Sparkasse und zwei Gaststätten nach und nach ihre Pforten schlossen, wurde es den Einwohnern zu bunt. Mit Bürgeraktien für je 250 Euro und Privatkrediten sowie in kompletter Eigenarbeit finanzierten und erschufen sie sich ein kleines Nahversorgungszentrum, das Bäcker, Obstladen, Getränkemarkt, Reinigung, Bank, Post, Apotheke, Reisebüro und Kfz-Zulassungsstelle in einem ist und zwei Vollzeitkräften und sechs 400-Euro-Kräften einen Arbeitsplatz sichert. Hinzu kommt noch, dass das angebotene Sortiment kein Zufall ist, denn die Barmener bestimmen selbst, was in den Regalen „ihres“ Ladens steht.
Das Konzept beruht auf einem 5-Säulen-Modell. Dabei bilden die Sicherung der Grundversorgung, die Bereitstellung von (halb-)öffentlichen und privaten Dienstleistungen sowie eines sozialen Leistungsangebots mit medizinischer Versorgung die wichtigsten Pfeiler. Darüber hinaus soll DORV Kommunikationspunkt und Veranstaltungsort kultureller Aktivitäten sein.
Mittlerweile ist das Prinzip so ein Renner, dass die Idee nicht nur im eigenen DORV-Zentrum sondern auch in anderen interessierten Gemeinden ständig ausgeweitet wird. Über zehn Kommunen profitieren bereits von den Erfahrungen aus NRW und arbeiten an konkreten Planungen und Vorbereitungen für eigene Läden.
Dieses Konzept ist Regionalmanagement vom Feinsten, erhält und stärkt die ländlichen Strukturen, erspart unnötige (Auto-)Wege und zeigt den „Großen“ in der nahe gelegenen Stadt oder dem benachbarten Gewerbegebiet, dass die Kunden einfach verstärkt Wert auf Service, Nähe und persönlichen Kontakt legen. Und die Dorfläden haben noch einen weiteren Vorteil gegenüber den wirtschaftlich orientierten Supermarktketten: sie sind nicht auf Gewinn ausgerichtet. Im DORV-Protoyp in Barmen ist man jedenfalls glücklich über das Schreiben einer schwarzen Null und würde die gewonnene Unabhängigkeit und Eigenregie niemals mehr missen wollen.
Wird die Bedeutung solcher regionalen Konzepte in den kommenden Jahren zunehmen? Geht der Trend wieder hin zu kleinformatigen Geschäften und weg von den großen Ketten? Was meint Ihr?


Kommentare (14)
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acte
schrieb am 29.01.2010 um 23:21 ¶Stephan Rieping
schrieb am 29.01.2010 um 23:29 ¶Ich glaube nur die Politik könnte etwas dagegen tun, indem sie die Flächenverkaufsmärkte, die ja im Verhältnis zum Umsatz kaum Arbeitsplätze bereithalten, heftig steuerlich zur Ader läßt. Aber da sehe ich leider keine Initiativen.
Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag!!
Unplugged
schrieb am 29.01.2010 um 23:33 ¶das ist ein guter und wichtiger Beitrag. Ich kenn einige "Dorfläden" die auf diesem Prinzip arbeiten aber es sehr schwer haben bei all den Lidl, Aldis und Co.
Um auf deine letzte Frage einzugehen - ja die regionalen Konzepte müssen zunehmen. Es gibt in meinen Augen keine andere Change. Wir müssen die Region stark machen - hier liegt unglaubliches Potenzial.
Seit Jahren unterstützen wir die bundesweiten Aktion "Tag-der-Regionen" und arbeiten daran, das der Gedanke auch beim Verbraucher ankommt.
http://www.tag-der-regionen.de/
Schau dir auch einmal an was Bene Müller bei solarcomplex aufgebaut hat und schon umgesetzt hat.
Visionär.
http://www.solarcomplex.de/
Durch regionale Energieversorgung bleiben hunderte Milliarden EURO in der Region und landen nicht bei den Ölscheichs die idiotische 800m hohe Wolkenkratzer oder Skihallen in Wüsten bauen.
Beste Grüße
Helmut
Vegandhi
schrieb am 29.01.2010 um 23:54 ¶Und Dir, Gita, ganz vielen Dank für diesen Beitrag! Das wäre hier im fränkischen Raum auch mal nötig. Denn es gibt laut aktuellem Versorgungsbericht eklatante Mängel in der ländlichen Peripherie. Diverse Gemeinden haben keinen Supermarkt, und das nächste Krankenhaus ist auch ewig weit weg.
Tolle Idee!!
Marc
SusanneT
schrieb am 29.01.2010 um 23:57 ¶diese Initiative finde ich natürlich toll, aus den von dir o.g. Gründen.
Der Bedarf ist mit Sicherheit da, umso schöner wenn es finanziell machbar ist!
Hoffentlich findet dieses Projekt noch viele Nachahmer.
Ich glaube nicht daß dadurch die großen Ketten Kunden verlieren (leider), da zu viele immer noch nach dem Motto "geiz ist geil" vor allem nach den Preisen schauen und den Spritpreis dorthin gar nicht mit einkalkulieren... Außerdem lockt da wahrscheinlich auch noch das riesige Warenangebot.
Aber für manche Menschen wäre es vielleicht doch eine Verbesserung der Lebensqualität, gerade in sehr ländlichen Regionen. Ich glaube daran daß diese Idee Zukunft hat!
guido-m
schrieb am 30.01.2010 um 02:32 ¶dazu ein beispiel: ein großer filialist im buchhandel zieht ein in eine 48.000 einwohner stadt. angst macht sich breit, dass die zwei alteingesessenen familienbetriebe darunter leiden - am ende gar sterben werden. ich selber war der meinung, man müsse den filialisten möglicherweise boykottieren, motiviert von einer allgemeinen schließungswelle in unserer innenstadt. im rahmen einer spannenden diskussion brachte mich jemand zu der einsicht, dass die lokalmatadoren den angriff tatenlos hingenommen hätten und der "mächtige große" schliesslich den besseren service böte.
ja, dem argument hatte ich wenig entgegen zu setzen. zu wenig eigeninitiative und kreativität lassen mich letztlich mein mitleid vergessen; es gibt da unbestreitbare vorteile der heimischen händler, die neu interpretiert und kommuniziert werden müssten um der "geiz ist geil"-mentalität wirksam zu begegnen...
ich freue mich auf ein erstarken des handels vor ort. vielerorts noch eine utopie...
Maria_L
schrieb am 30.01.2010 um 14:47 ¶http://www.vorarlberg.at/vorarlberg/wirtschaft_verkehr/wirtschaft/wirtschaft/foerderungen/wirtschaftsfoerderungen/wirtschaftsfoerderungspro/nahversorgung-foerderung.htm
Ebenfalls von Vorarlberg aus initiiert, aber länderübergreifend gibt es diese Initiative:
http://www.laendle.at/main_fr.php4?m1id=4&m2id=114
Ländle fördert auch sehr stark die regionalen Direktvermarkter, auch viele Biobauern.
Ich glaube und hoffe (letzteres noch mehr ;-)) sehr stark, daß der Trend zu den kleinformatigen Geschäften geht.
inaktiver User 45096
schrieb am 30.01.2010 um 22:32 ¶danke für Deinen Beitrag! Ein sehr interessantes und nachahmungswürdiges Projekt! Ich hoffe sehr, dass es sich weiter verbreitet...
Liebe Grüße
Anke
brainshirt
schrieb am 04.02.2010 um 20:53 ¶wieder ein toll geschriebener Blog von Dir. Mich erinnert die Initiative ein wenig auch an den Bioladen in Marburg, der nach einem ähnlichen Konzept (Mitgliederaktien und Mitgliederbeiträge reduzieren die Produktkosten).
Ich selbst muss sagen, dass ich in der glücklichen Lage bin, bei tegut einzukaufen. Wolfgang Gutberlets Kette ist für mich ein absolut nachhaltiges Unternehmen und er ist auch, was den bio Aspekt angeht, ein echter Pionier. Vor zwanzig Jahren wurde er deswegen noch müde belächelt - heute ist er "Unternehmer des Jahres".
Andere Ketten meide ich - ebenso wie bei tegut... Produkte von Unternehmen wie Müller Milch denen rechte Parolen und Subventionsschwindel lieber sind als dauerhaft nachhaltiges Wirtschaften.
Freue mich auf Dein nächstes Thema
Liebe Grüße
Matthias
P.S.: Bei uns wollen Sie jetzt noch einen REWE Markt bauen - auch so ein überhaupt nicht nachhaltiges Unternehmen...
Jutsch
schrieb am 19.02.2010 um 10:04 ¶sehr inspirierend habe sowas ähnliches schon mal gehört und gelesen.
Und ich denke das es in die Richtung gehen wird und muß, denn die zentral verwalteten anonymen Institutionen kosten viel zu viel Geld und sind uneffektiv.
In diesem Sinne bin ich auch dafür die nächste Utopiakonferenz dezentral abzuhalten damit die Idee in die Provinz getragen wird und nicht nur in den großen Städten etwas stattfindet.
Ein schöner Beitrag zum Thema Sachen selbst in die Hand zu nehmen ist hier:
http://www.wirtemberg.de/hallenbad.htm
Ein Bericht über die Bürger von Untertürkheim die ihr Hallenbad das vor der Schließung stand in Eigeninitiative gerettet und renoviert haben.
Hier bei uns in Büdingen wird auch immer mal gedroht unser Hallenbad zu schließen, da hat man schon mal ein gutes Vorbild.
Jutta
Mario_Sedlak
schrieb am 19.02.2010 um 10:57 ¶Oliver Heizmann
schrieb am 08.07.2010 um 15:08 ¶Bei uns im mittleren Schwarzwald läuft gerade eine europäisches LEADER-Projekt zur Entwicklung des ländlichen Raumes. Oberharmersbach ist eine von 4 Modellgemeinden für das Projekt "Lebensqualität durch Nähe" www.spes-zukunftsmodelle.de/index.php?id=13
Wir hatten im März eine Auftaktveranstaltung für unsere Gemeinde geplant und dazu auch Herrn Frey, den Initiator von DORV eingeladen. Ich war sehr begeistert von dem Vortrag. Interessant war natürlich, dass in Barmen innerhalb kurzer Zeit plötzlich überhaupt kein Geschäft, Post oder Bank mehr vorhanden war... Es war also akut, und so konnten die Bürger überzeugt werden, dass ALLE sich an der Initiative beteiligen. Jeder Bürger ist auch Eigentümer und stimmt "mit den Füßen" ab, ob der Laden läuft oder nicht (indem er ihn nutzt oder nicht).
Neben der Sicherung der Nahversorgung steht nun auch der Aufbau einer Nachbarschaftshilfe (als Ergänzung zu den Angeboten von Kindergarten, Schule und Sozialstation) auf der Agenda in unserer Gemeinde. Auch dazu gibt es schon Beispielhafte Projekte:
www.spes-zukunftsmodelle.de/index.php?id=35
Bei uns stellt sich jedoch die Frage: wie geht man vor, wenn doch scheinbar noch alles funktioniert - wenn es noch ein paar Geschäfte gibt (die aber bei genauer Betrachtung am "kämpfen" sind)? Wie kann man eine entsprechende Bewusstseinsbildung vorantreiben, BEVOR es zu spät ist?
Neben den Konzepten von SPES-Zukunftsmodelle finde ich auch die Ansätze und Handlungsanleitungen der Energiewendebewegung sehr empfehlenswert.
http://energiewende.wordpress.com/grundlagen-kompakt
Für mich zeigt sich immer wieder, dass letzten Endes so vieles vom Öl abhängig ist. Da sind all die oben gebnannten Projekte die logische Konzequenz auf dem Weg ins post-fossile Zeitalter.
Das Energiewende-Handbuch von Rob Hopkins ist genial geschrieben - der gesamte Prozess orientiert sich an Permakultur-Design-Prinzipien: www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/862097
Viel Spaß mit den Links!
Beste Grüße
Oliver
Oliver Heizmann
schrieb am 08.07.2010 um 15:14 ¶Bevor jemand fragt "Wer hat das erfunden?"
Weder die Schweizer noch die Deutschen warns...
Das Projekt "Lebensqualität durch Nähe" stammt aus Österreich - die "Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen" (SPES = lat. Hoffnung) in Schlierbach hat es entwickelt. In ca. 150 Gemeinden in Österreich und Bayern wurde es erfolgreich durchgeführt.
www.spes.co.at
Maria_L
schrieb am 08.07.2010 um 17:53 ¶Kommentar schreiben
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