Dass die deutsche Atomindustrie ihre Anlagen noch nicht einmal beim Abschalten im Griff hat, demonstrierte E.On beim Herunterfahren des bayerischen Atomkraftwerks Isar-1. Am vergangenen Donnerstag (17. März) kam es offenbar gegen 16 Uhr beim Abschalten des Atommeilers zu einem Absinken des Kühlwasserpegels im Reaktordruckbehälter. Das löste ein Reaktorschutzsignal aus, infolge dessen kam es zu einer Reaktorschnellabschaltung."Obwohl das Vorkommnis schon mehrere Tage zurückliegt, beschränkt sich E.On auf eine dürre Pressemitteilung. Die Ursache für den Füllstandsabfall im Kern
wird bislang verschwiegen", kritisiert Henrik Paulitz von der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW. "Dabei hat die Öffentlichkeit einen Anspruch darauf, umgehend zu erfahren, warum Atomkraftwerksbetreiber in Deutschland noch nicht einmal dazu in der Lage sind, ein Atomkraftwerk stillzulegen, ohne den Reaktorschutz auszulösen und ein Sicherheitssystem in Anspruch zu nehmen."
Unabhängig davon, dass die Anlage auslegungsgemäß reagiert haben soll, ist dieses Vorkommnis für die IPPNW ein weiterer Beleg dafür, dass man diese Risikotechnologie nicht vollständig in den Griff bekommt. Isar-1 muss allein deswegen dauerhaft stillgelegt werden, weil sich das Brennelement-Lagerbecken außerhalb des Sicherheitsbehälters befindet.
Hintergrund:
Isar-1 gehört neben den Anlagen Philippsburg-1, Brunsbüttel und Krümmel zu den Siedewasserreaktoren der Baulinie 69.
Die Kernnotkühlung im Hochdruckbereich besteht bei diesen Anlagen aus nur zwei einsträngigen Systemen. Bei Kühlmittelverluststörfällen (Leck-Störfällen) kann aufgrund der unterschiedlichen Förderleistung beider Systeme offenbar nur das eine der beiden Systeme den Reaktorkern ausreichend kühlen.
Der Reaktordruckbehälter dieser Atommeiler ist eine gefährliche Fehlkonstruktion. In Österreich wurde bei einem baugleichen Atomkraftwerk moniert, dass noch nicht einmal den Vorschriften der "Dampfkesselverordnung" entsprochen wurde. Ein "Schwachstellenbericht"
vom Oktober 2010 im Auftrag dreier österreichischer Landesregierungen bestätigt, dass an der kritischen Bodenschweißnaht des
Reaktordruckbehälters Spannungen auftreten können, die mit 326
Newton/mm2 den genehmigten und zulässigen Wert von 177 N/mm2 weit
überschreiten. Schon im Normalbetrieb können gefährliche Ermüdungsrisse
entstehen, ohne dass dies durch Prüfungen vorhersehbar wäre.
Käme es in Isar-1, Philippsburg-1, Brunsbüttel oder Krümmel auf diese Weise zu einem Leck direkt am Reaktordruckbehälter, dann stünde die Kühlfähigkeit des Reaktorkerns grundsätzlich in Frage.
Eine Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) von 2006 kam zum Ergebnis, dass die Kernschmelzfestigkeit von Isar-1, Philippsburg-1 und Brunsbüttel katastrophal schlecht ist. In mehr als 50 Prozent der Kernschmelz-Fälle ist mit einer sehr großen und frühzeitigen Freisetzung von Radioaktivität zu rechnen, weil es bei einem Versagen des Reaktordruckbehälters auch zum Versagen des Stahl-Containments im Bereich der Steuerstabantriebe kommt.
Die Folgen eines schweren Atomunfalls in Deutschland wären wegen der größeren Bevölkerungsdichte weitaus schlimmer als nach Tschernobyl.
Quelle: IPPNW


Kommentare (13)
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Viel zu viele Menschen wissen viel zu wenig über Atomkraft, wie sie funktioniert und dessen Risiken. Wie auch? Es ist alles sehr komplex und "normale" Störfälle werden doch erst gar nicht gemeldet und gelangen nie bis zu uns Bürgern. Das vom Störfall bei Isar 1 lese ich hier zum ersten mal und das obwohl ich aus verschiedenen Quellen Neuigkeiten bekomme. Aber selbst in den Tagesnachrichten hat man davon doch nichts gehört.
Unabhängige Wissenschafler aber, die nichts mit der Atomlobby am Hut haben, warnen schon immer vor den Gefahren der Atomkraft. Leider werden die oft nicht ernst genommen. Die Polititiker glauben lieber den Atomlobbiisten den da steckt ja ein großes Geschäft dahinter, genau wie beim Erdöl übrigens.
Also müssen wir in der Bevölkerung aufklären wo und wie es nur geht. Damit immer mehr Menschen solche Informationen wie diese bekommen.
Ich danke dir für diesen Beitrag, hab es gleich auf Facebook gepostet, das auch Nichtutopisten aufgeklärtet werden.
Ich dachte immer Atomkraftwerke sind sicher und geben keine Strahlung nach Aussen ab.
Welches Atomkraftwerk in Österreich ist gemeint, .... Zwentendorf, dass nie in Betrieb ging oder gibt es noch weitere???
Aber zurück zum Konstruktivismus
Das Problem ist meine Erachtens die Trägheit der Menschen. Viele reden vom Ausstieg aus der Atomkraft, nur wenige sind auch bereit den Preis dafür zu bezahlen.( Es gibt noch immer mehr Atomkraftgegner ,wie es Ökostrombezieher gibt) das heißt nur vom Reden wird sich nichts ändern.