Sebastian Pflugbeil, der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, ist gerade von einem Besuch in Japan zurückgekehrt. Seiner Ansicht nach müssten die ersten Auswirkungen der Verstrahlung in der Region um Fukushima bereits sichtbar sein. Alles andere ist für den Physiker Augenwischerei.

Es gebe Indikatoren, die viele Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Deutschland und Westeuropa überraschend festgestellt wurden, sagt er n-tv.de.

Zu diesen Indikatoren gehören eine erhöhte Totgeburtenrate, Säuglingssterblichkeit und Fehlbildungsrate bei Neugeborenen.

Ein empfindlicher Punkt sei auch die mögliche Veränderung des Verhältnisses von geborenen Jungen zu geborenen Mädchen.

Strahlen schädigen vor allem die weiblichen Embryonen, es werden vorwiegend weniger Mädchen geboren. Wenn man all dies berücksichtige, sei die Zahl der Opfer bereits sehr hoch.



Veränderte Erbinformation

Auch der Strahlenschutzexperte Bernd Ramm verweist bei n-tv.de auf die epigenetischen Folgen der Strahlung. Dabei werde die Erbinformation verändert, ohne dass sich die Sequenz der DNA ändert. Ramm erläutert, dass pro aufgenommenem Sievert Strahlung das Risiko einer Krebserkrankung um etwa zehn Prozent steigt. Das genetische Risiko nehme aber bereits bei sehr viel niedrigerer Strahlungsaufnahme zu. "Genau neun Monate nach Tschernobyl gab es in Berlin eine Spitze von Down-Syndrom-Kindern, die gleiche Spitze gab es in Weißrussland im Januar 1987", sagt Ramm.

Pflugbeil betont: "Wenn das in Deutschland nach Tschernobyl, Tausend Kilometer entfernt, bei sehr moderat erhöhten Strahlenwerten passiert ist, dann ist das in der Fukushima-Region mit Sicherheit auch so." Allerdings seien das Effekte, die man nicht auf der Straße sehe. "Danach müsste man gezielt suchen", weiß er.



Unstillbares Nasenbluten

Andere Symptome für die Folgen der Strahlungen seien hingegen augenfällig, so Pflugbeil. "Was wir schon sehen, ist ein verstärktes Auftreten von Nasenbluten. Das mag banal klingen, aber das ist das erste, was ich in der Tschernobyl-Region gesehen habe.


Da stand ein Arztwagen vor einer Schule in Weißrussland und ich habe gefragt, ob es einen Unfall gegeben habe.

Die Antwort war: Nein, der müsse jetzt jeden Tag da stehen, weil die Kinder so starkes Nasenbluten hätten, dass es kaum gestillt werden könne und die Kinder sogar ohnmächtig werden."

[/b]

Das schwere Nasenbluten ist Pflugbeil schon aus Geheimberichten aus den 1950er Jahren aus dem kasachischen Atomwaffentestgebiet von Semipalatinsk vertraut. Die Experten dort hatten die Einwohner der umliegenden Orte beobachtet. Sie stellten fast, dass die Menschen starkes Nasenbluten hatten, dass sie häufig sehr schwer an Angina erkrankten. So schwer, dass sie ins Krankenhaus mussten und auch die Behandlung dort kaum anschlug. Hinzu kamen schwere Kopfschmerzen, Erkrankungen der Nerven- und Sinnesorgane. Es sind die gleichen Symptome wie nach Tschernobyl, wie nun in Japan. "Deshalb verstehe ich nicht, dass die Fachleute das jetzt in Japan nicht ernst nehmen."

Die noch harmlos wirkenden Anzeichen seien lediglich die Vorboten späterer Erkrankungen. Die Strahlung schädige offenbar zum Beispiel die kleinen Blutgefäße.[b] "Bei Kindern kommt es dann zu Nasenbluten, bei den Liquidatoren in Tschernobyl führte das dann später verstärkt zu Schlaganfällen."


[/b]

[b]Eingelullt und desinformiert


In Japan werde die Bevölkerung über diese Gefahren jedoch nicht aufgeklärt, sondern "regelrecht eingelullt". Schon die Beteuerungen, es habe bisher keine Strahlentoten gegeben, hält Pflugbeil für wenig glaubhaft. Allerdings gebe es auch keine Daten, um diese Angaben zu widerlegen. "Alle Leute, die in Fukushima arbeiten, haben Schweigeverpflichtungen unterschrieben. Manchmal gibt es zufällige Berichte mit einigen Details, aber es gibt kein geschlossenes Bild."

Pflugbeil sieht darin die Mechanismen "gezielter Desinformation", wie er sie schon nach dem Super-Gau in Tschernobyl erlebt hat. Japans Regierung und einheimische Experten haben niedrige Strahlen-Dosen für unbedenklich erklärt. Das Gesundheitsrisiko durch eine Strahlenbelastung von 20 Millisievert im Jahr – erst darüber fängt man an, über Evakuierung nachzudenken – sei "niedriger als durch andere Krebsursachen" wie etwa Rauchen, sagen sie. Der Grenzwert für die Strahlenbelastung der Bevölkerung in Japan lag vor dem Unglück bei einem Millisievert im Jahr. Dabei ist die besondere Strahlenempfindlichkeit von Kindern noch gar nicht berücksichtigt.

Die Befürchtungen der Menschen nennt die Regierung "Strahlenphobie", unbegründete Ängstlichkeit vor der Radioaktivität. Alle sollen nur schön fröhlich sein, dann würden sie auch nicht krank. Nur traurige Leute bekämen die Strahlenkrankheit.

Pflugbeil machen solche Ausführungen sprachlos: "Ich dachte nicht, dass man sich das nochmal traut. Das sagen Medizinprofessoren, und das ist alles erstunken und erlogen."

Insbesondere die Anwendung eines Grenzwertes von 20 Millisievert pro Jahr für Kinder hält Pflugbeil für einen Skandal. In Deutschland gelte der gleiche Wert als Höchstgrenze für beruflich strahlenexponierte Erwachsene. Die Menschen seien aber auch gar nicht informiert, wie hoch die Strahlenbelastung in ihrer Umgebung tatsächlich ist. Es gebe immer wieder Beispiele, dass die Menschen "noch in einem belasteten Gebiet leben oder dass sie gar aus einem weniger belasteten Gebiet in ein stärker belastetes umgezogen sind." Die Regierung verfolge jedoch die Linie, dass die Menschen nach Möglichkeit nicht wegziehen sollen. Pflugbeil sieht aber keine wirkliche Alternative zur Aufgabe der verstrahlten Gebiete. Noch immer kämen neue Belastungen hinzu.......

Pflugbeil fürchtet, dass es nicht bei den bisherigen Belastungen bleiben könnte.


Block Nummer vier des Atomkraftwerks Fukushima war zum Zeitpunkt des Unglücks nicht in Betrieb.

Die hochaktiven Brennstäbe befanden sich zusammen mit etwa 1500 älteren im Abklingbecken. Dort sind sie immer noch. Doch die Konstruktion, die das Becken trägt, ist schwer beschädigt.

Bräche sie zusammen, lägen die Brennstäbe ungekühlt frei.

Innerhalb kürzester Zeit käme es zum Bersten der Brennelementehüllen, zur Freisetzung gigantischer Mengen hochgiftiger Radionuklide und zur Kernschmelze.

Dann müsste die Evakuierungszone nach Einschätzung japanischer Fachleute auf bis zu 250 Kilometer ausgedehnt werden.

In dieser Zone läge auch Tokio.




Quelle und der gesamte Text unter:

http://www.n-tv.de/politik/Fukushima-ist-nicht-ueberstanden-article5731966.html[b]