Von Peggy Mädler
Das Gespräch lässt mich seltsam euphorisch und zugleich etwas verwirrt zurück. Ich stehe auf der Straße, zünde mir eine Zigarette an und schüttle kurz den Kopf. Auf dem Weg zur S-Bahn kaufe ich Blumen, drei blassrosa Gerberas, dann setze ich mich in ein Café, um den ersten Eindruck aufzuschreiben. Das Erstaunen aufzuschreiben, bevor es die Zeit oder der Kopf in eine gewohnte Ordnung bringen.
Sie sagt zu Beginn des Interviews: Wir haben Zeit bis Fünf, reicht das?
Ich antworte lachend, das könne ich nicht beurteilen, ob ihr Leben in zwei Stunden passe. Später werde ich feststellen, dass es nicht ein, sondern mehrere Leben sind, die sie mir erzählt.
Was sich ändere, sei nicht der Inhalt, sondern die Form, die jeweiligen Mäntel, die sie sich überziehe, sagt Evelin R.
Geboren ist sie in Weingarten am Bodensee, aufgewachsen immer dort, wo der Beruf des Vaters die Familie gerade hinführte. Er habe Maschinenbau studiert und dann eine Managerkarriere in höchsten Positionen verfolgt. Die Mutter ist zunächst das, was Evelin R. eine typische Haus- und Ehefrau nennt. Doch dann, mit Anfang 40, legt sie ebenfalls noch eine erstaunliche Karriere hin, arbeitet erst als Assistentin in einem Verlag, um kurz darauf zur Chefredakteurin einer Zeitschrift aufzusteigen. Da war sie so alt, wie ich heute, sagt Evelin R. Sie erinnert sich an die Beziehungsprobleme der Eltern, an ihre eigenen Konflikte mit dem Vater.
Mit 13 Jahren wird sie in ein Mädcheninternat gegeben, Schwerpunkt Ballett. Und tatsächlich tanzen ihre Hände beim Reden, immer wieder schaue ich auf die feingliedrigen und zugleich kräftig wirkenden Finger mit den gepflegten Nägeln. Sie spricht weder laut noch leise, sondern klar. Die klare und pragmatische Stimme einer Naturwissenschaftlerin, denke ich mir. Und ich denke auch, dass das Mädchen Evelin, das man sehen kann, wenn sie lacht, wahrscheinlich schnell erwachsen geworden ist.
Mit 16 war sie vorbei – die Kindheit. Sie bricht mit dem Elternhaus, versorgt sich von da an selbst. Das war der Deal, meint sie. Der Vater hält sich raus und sie steht für ihr Leben selber ein. Sie macht das Abitur mit Bravour. Nebenbei arbeitet sie – bis vier Uhr nachts in einer Bar, um acht Uhr morgens geht es zur Schule, am Nachmittag kellnert sie wieder. In der kleinen Wohnung, die sie von dem selbst verdienten Geld bezahlt, stehen Zuchtgläser. Biochemie, Biotechnologie und Genetik – das sind die Fächer und Themen, die sie faszinieren.
Sie ist die idealtypische Studentin, wird von einem bekannten Professor der Biochemie betreut und gefördert. Sie ist begabt und ehrgeizig zugleich, träumt davon, für Erbkrankheiten prophylaktisch genetische Interventionen zu entwickeln. Das war die Idee, meint sie und diese knappe Bemerkung umschreibt Evelin R. besser als das Wort träumen.
Später wird sie über Werte, die ich Ideale nenne, in einer Weise sprechen, als seien sie das Ergebnis einer mathematischen Gleichung. Eins plus eins ergibt zwei. Sie träumt nicht, sie hat Ideen, die sie umsetzen will. Und sie hat Maßstäbe, sie führen zum ersten größeren Bruch in ihrer Biografie, wenn man den Bruch mit dem Elternhaus außer Acht lässt. Die Bezeichnung Bruch sei eine Bezeichnung, die aus der Beobachterperspektive komme. Der Begriff verweise auf eine von außen zunächst nicht nachvollziehbare Veränderung einer angenommenen Entwicklung.
Ich mag ihren analytischen Umgang mit Worten. Von innen betrachtet, kann ein Bruch zum roten Faden gehören, kann der Abbruch eines Studiums als Kontinuität empfunden werden. Sie wird doch nicht Biochemikerin, obwohl sie in ihrem Denken und Sprechen nach wie vor auch eine Naturwissenschaftlerin zu sein scheint. Unter anderem, unter vielem anderen wird sie in den nächsten Jahren einen Hof in Ostdeutschland aufbauen, sich mit chinesischen Heilmethoden und der makrobiotischen Ernährungslehre beschäftigen, ein BWL-Studium abschließen, drei Läden eröffnen und wieder verkaufen, die Privatisierungsmöglichkeiten der hessischen Verwaltung prüfen, das Überleben im Führungsstab eines Energiekonzerns als auch im thailändischen Dschungel erlernen, zwei Bücher schreiben und vieles anderes.
Es sind nicht nur verschiedene Leben, sondern vor allem verschiedene Denkweisen, die sie in ihrer Biografie vereint, die sie erkundet und auslotet, wie andere ihre unmittelbare Umgebung. Sie sagt, ich hätte doch sicherlich eine Struktur für das Interview. Ich nicke und lasse sie erzählen. Sie strukturiert sich selbst. Auch das ist präzise, an keiner Stelle wird sie ausschweifend.
Warum bricht eine erfolgreiche Studentin mitten in den Diplomprüfungen ihr Studium ab? Sie wird an einem Forschungsprojekt beteiligt und mit zunehmender Verantwortung kommen ihr Zweifel. Je mehr ich über das Projekt wusste, sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee, desto klarer wurde mir, dass wir in ein System eingreifen, dessen Zusammenhänge wir gar nicht begriffen haben. Da war diese Haltung - typisch für die Naturwissenschaften - extrem induktiv. Vom Kleinen aufs Große schließen, vom Besonderen aufs Allgemeine, ein geschlossenes System, das sich selbst begrenzt, meint Evelin R., irgendwann kommt man beim Elektronenmikroskop an, da ist der Blick für andere Ebenen oder Zusammenhänge schon verloren. However, das sei das Ende einer strahlenden Karriere gewesen.
Vielleicht ist es auch der Anfang einer ganz anderen Art von Karriere...
Teil 2 folgt!
Ein Lebenslauf - Evelin Rosenfeld als Pionierin des Wandels


Kommentare (0)
Beitrag abonnieren
Kommentar schreiben
Bitte neu registrieren oder anmelden um einen Kommentar zu schreiben. Neu: auch über