Ihre Kritik des geschlossenen Systems scheint auf sämtliche gesellschaftliche Bereiche übertragbar. Politik, Ökonomie, Kunstbetrieb, soziale Milieus – all diese Felder unterliegen internen Denk- und Sprechweisen, Regeln und Wahrnehmungsmustern und bringen sie gleichsam hervor.

Mir scheint, die Karriereleiter einer Evelin R. wächst nicht in die Höhe, sondern in die Breite, in die verschiedenen Welten hinein. Sie bricht die Prüfungen ab und geht in den Osten, in die Nähe von Oschatz, das sei kurz nach der Wende gewesen. Ihr damaliger Partner ist ein begnadeter Bauer, unter seinen Händen wächst und gedeiht einfach alles. Unter ihren Händen befrieden sich die Konflikte im Landkreis, mit 52 Interessensparteien haben sie es zu tun, als sie 1000 Hektar Land pachten. Da sind Alteigentümer, die im Rückeignungsprozess Ansprüche auf Flächen geltend machen, Kleinbauern, die nach Auflösung der LPGs eigene Betriebe gründen wollen und schließlich kommt noch die Treuhand hinzu. Wissen Sie, wie viel 1000 Hektar Land sind? Ich weiß es nicht. Um 1000 Hektar zu bewirtschaften, brauche man rund eine Million. Sie haben damals 8000 DM. Ihr gelingt es, Banken zu überzeugen. Sie sucht den Kontakt zu den Dorfbewohnern - Stunden haben wir uns von den Familien und dem Land erzählen lassen, sagt sie und nennt es Integration. Später kamen Investoren, denen die Geschichte und Sichtweisen der Bewohner egal waren. Da brannte schon mal die Ernte eines Zugezogenen. Ich vermag mir nur schwer die damals 23jährige vorzustellen. Jugendlicher Leichtsinn war es auch, meint sie heute. Zur Aussaat gibt es noch keine Rechtssicherheit, sie wissen nicht, ob sie jemals ernten dürfen.

Das Risiko zahlt sich aus, ihr damaliger Partner ist inzwischen ein wohlhabender Mann. Und Sie? In der Beziehung kriselt es. Die Mutter stirbt, eine Freundin verschwindet in Amerika. Auch dem Vater geht es schlecht, sie kümmert sie sich um ihn. Ich frage nicht, wie sie das zwischen 1000 Hektar Land und 52 Interessensparteien auch noch geschafft hat. Ich war völlig überarbeitet, meint sie, als könne sie meine Gedanken lesen, fast schon depressiv. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Freundin und findet sie in einer kleinen Gemeinschaft in den Bergen von Massachusetts, die nach der makrobiotischen Ernährungslehre lebt. Dort hört sie auch einen Vortrag von Michio Kushi. Im Internet finde ich später Texte und Bilder von ihm, er sei ein wichtiger Vertreter der Makrobiotik, heißt es. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften betreibt er einen der ersten Naturkost-Vertriebe in den USA, begründet mehrere Stiftungen, schreibt zahlreiche Bücher. Das Wort Ernährung wird in einem Atemzug mit Gesundheit und Weltfrieden genannt. Evelin R. schüttelt anfangs den Kopf darüber, zeigt sich skeptisch, ja belustigt und schließlich doch beeindruckt von Kushis Vorstellungen.

Sie wird seine Assistentin, begleitet ihn auf Vorträgen. Das war die bewusste Aktivierung meiner spirituellen Ebene, sagt sie und ich merke, dass es meinem Kopf Mühe bereitet, den Blick der kritischen Naturwissenschaftlerin mit der spirituellen Weltsicht zusammen zu denken. Sie habe sehr viel in sehr kurzer Zeit gelernt, meint sie - Philosophie, Diagnostik und verschiedene Heilverfahren der chinesischen Medizin, es sei wie ein Erinnern gewesen. Dabei unterscheide sich die fernöstliche Logik sehr vom westlichen Denken. Nach einem dreiviertel Jahr kehrt sie nach Deutschland zurück, will mit dem Gelernten etwas anfangen, etwas Eigenes aufbauen.

Sie sei von Natur aus keine Anhängerin. Dann schon eher eine Kauffrau. Eine sehr freudvolle und dynamische Kauffrau, sagt sie und lacht. Und weil es sich gezeigt hat, dass sie eher größere Projekte interessieren, absolviert sie zunächst noch ein BWL-Studium und eignet sich die Prämissen und Regeln des Wirtschaftens an. Eine nächste Welt im Kopf der Evelin R. Neben dem Studium arbeitet sie bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse - das sind die grauen Männer in den grauen Anzügen – sagt sie, in den nächsten Jahren trägt sie selbst solche Anzüge. Sie liebt Zahlen und Finanzrechnungen. Ihre Diplomarbeit schreibt sie über Unternehmensbewertungen. Das herkömmliche Analysemodell, das sich primär auf die Börsenwerte eines Unternehmens bezieht, erweitert sie um die Kategorie der instinktiven Entscheidungen. Ihr Vater habe immer den Kopf geschüttelt, wenn sie von ihren wissenschaftlichen Modellen schwärmte. Da wollte sie es wissen: Bauchentscheidungen versus wissenschaftliches Supermodell, das habe ziemliches Aufsehen erregt. Sie bekommt lukrative Angebote: als Analystin für die WestLB, als Wirtschaftsprüferin bei Price Waterhouse. Sie schlägt die Angebote aus und landet bei einer Unternehmensberatung. Nein, korrigiert sie sich. Vorher bin ich erst mal gescheitert.

Da war ja noch der Traum, einen makrobiotischen Handel in Deutschland aufzubauen, sagt sie und verwendet nun doch dieses Wort träumen. Das Konzept, das sie am Neujahrsmorgen 1998 schreibt, nennt sich Natural Food Concept und beinhaltet eine Cateringküche, den Handel mit chinesischen Heiltees und Seminare. Sie bekommt eine halbe Million von zwei Banken. Sie eröffnet drei Läden: in Berlin, in Hamburg und in Frankfurt. Sie arbeitet mit zwei Partnern zusammen und diese stellen sich binnen kürzester Zeit als ungeeignet für die jeweiligen Verantwortungsbereiche heraus. Sie formuliert die Probleme vorsichtig, bedachtsam. Sie sagt: Ich war in Schwierigkeiten.

Das war ein Tief, eine Lebenskrise, sie sagt auch: Ich habe wirklich Angst gehabt. Bis dahin habe sie nichts bremsen können. Plötzlich sieht sie das Risiko, die Möglichkeit der Verschuldung – und fällt vom Pferd. Der Sturz ist schmerzhaft. Es gelingt ihr, das gerade erst gesattelte Pferd zu verkaufen und den Kredit auszulösen – von der Eröffnung der Läden bis zum Verkauf vergeht nicht mal ein ganzes Jahr. Ein unglaubliches Tempo, sage ich überrascht. Ein Wunder, sagt sie. Ich würde heute noch abbezahlen, wenn es anders gelaufen wäre. Wenn man vom Pferd fällt, muss man gleich wieder rauf, heißt es. Sonst wird die Scheu, die Angst immer größer. Der Sturz prägt sich ein, im Grunde hindert mich das bis heute, sagt sie.

Ich sehe Evelin R. beim Schreiben dieser Zeilen vor mir, wie sie mit angezogenen Beinen auf der Couch sitzt, sich ab und an das braune, leicht gelockte Haar zurückstreicht. Sie wirkt elegant und unbefangen zugleich. Zum schwarzen Rock trägt sie einen hellblauen Wollpullover, an den Ohren kleine, dezente Perlenstecker.