Mit großer Aufmerksamkeit hörte ich am zweiten Konferenztag (29. Oktober) den von Prof. Stefan Schaltegger auf Englisch gehaltenen Vortrag zum Thema „Lösungen für die Nachhaltigkeit – 10 begeisternde Lösungsansätze“ - nach meiner Zählung waren’s dann doch nur fünf Beispiele, die er aber trotzdem sehr anschaulich darstellte. Mir erscheinen einige grundsätzliche Aussagen seines Vortrags und seiner Antworten in der anschließenden „Q&A“-Session notierenswert (meine eigenen Anmerkungen sind kursiv hervorgehoben):

1. Ein grundsätzliches Denken in Lösungen statt in Problemen sei sehr wichtig, denn die Fixierung ausschließlich auf „Probleme“ blockiere unsere Sicht auf mögliche „Lösungen“.

Es reicht nicht, gegen etwas zu sein. Für eine Alternative zu sein, die das Problem lösen kann, bzw. den Versuch zu unternehmen, eine solche überhaupt erst einmal zu benennen, ist fast noch wichtiger. Also: Gegen Atomkraft zu sein, muss auch heißen, für die – heute technisch machbare – möglichst schnelle Umstellung auf 100 % Erneuerbare Energien einzutreten.

2. Wenn Unternehmen wegen zu wenig „radikaler“ Lösungen sofort mit dem Vorwurf des Greenwashing konfrontiert werden, könne das erst recht zu einer Blockadehaltung führen. Besser seien die ständige (durchaus kritisch-konstruktive) Begleitung unternommener kleiner(er) Schritte und das „Nachhaken“ bei der weiteren Umsetzung. In einem einzigen Schritt umsetzbare Radikallösungen gebe es in den allermeisten Fällen nicht.

Die Balance zwischen kritischem, aber konstruktivem Nachfragen und Begleiten von Unternehmen, die sich auf den Weg der Nachhaltigkeit begeben haben (positiv zu erwähnen ist hier die Deutsche Telekom, deren Vorstandsvorsitzender René Obermann sich den Fragen der Utopisten auf recht überzeugende Weise stellte) und Greenwashing-Vorwürfen ist sicher schwer zu halten. Ebenso ist es aber notwendig, echtes Greenwashing auch eindeutig als solches zu benennen, wenn man ihm begegnet.

3. Mut zu halbfertigen/"zweitbesten“ Lösungen (Teilschritten)! Diese setzen Impulse und könnten dann weiterentwickelt und ausgeweitet werden. Prof. Schaltegger sprach das Beispiel des Wechsels zu einer ethisch-ökologisch orientierten Bank an, der einen Schritt in die richtige Richtung darstelle, welcher – wenn sich ausreichend viele Menschen beteiligen - andere Banken dazu bewegen könne, sich auch in diese Richtung zu entwickeln.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass ein an sich kleiner Schritt nahezu unweigerlich den nächsten nach sich zieht und daraus eine ganze Kette entsteht – in den unterschiedlichsten Ebenen und Zusammenhängen.
Beispiel Energie/Strom und Wärme: Bau eines Holzhauses mit ökologischen Materialien und Solarthermie – Stromanbieterwechsel zu EWS Schönau – Installation einer eigenen Photovoltaikanlage – finanzielles und ideelles Engagement für die Initiative Energie in Bürgerhand und den Film „Die 4. Revolution“ – „Fahndung“ nach Einsparpotentialen im Haushalt – Umleitung von Geldern u. a. in den Erneuerbare-Energien-Sektor durch Wechsel zur GLS-Bank und Beteiligung an [Energie]genossenschaften – Mitarbeit in der Lokalen Agenda (Energie/Bürgersolar) – Beratung von Freunden und Bekannten zum Wechsel zu „echtem“ Ökostrom. Worauf es aus meiner Sicht ankommt, ist die „Selbstermächtigung“ und die damit verbundene Überwindung der anfänglich vorhandenen Trägheit.


4. Prof. Schaltegger betonte, dass der „Spaß an der Sache“, an Lösungsprozessen und am weiteren Durchdenken auch sehr wichtig sei (statt immer alles „bierernst“ zu nehmen). Flexibilität und ständige Reflexion seien vonnöten, um über Vor- und Nachteile nachzudenken und Lösungen bei neu auftretenden Problemen zu überarbeiten (wenn nötig, auch das komplette Infragestellen bereits
umgesetzter Lösungen).

Auch die für die Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen eingesetzten technischen Anlagen – Windräder, PV-Module usw. – verursachen Emissionen, wenn auch nicht im Betrieb, so doch in den vorgelagerten Schritten Rohstoffgewinnung, Fertigung und Transport. Auch hier sind also Lösungen zur Emissionsminderung gefragt: möglichst vollständiges Recycling, materialsparende Bauweise, Verlängerung der Nutzungsdauer, höhere Leistung bei identischem oder geringerem Materialeinsatz, „intelligente“ Logistik usw.


5. Wenn die scheinbare Lösung eines Nachhaltigkeitsproblems aber zu mehr Nach- als Vorteilen führe oder das Problem nur auf eine andere Ebene verlagere, dann sollte man sie nicht weiter verfolgen (Beispiel Energiesparlampe: Stromspareffekt wird konterkariert durch Quecksilbergehalt und Entsorgung als Sondermüll – Ablösung durch neue Technologien wie LED).

6. Die Umsetzung kleiner, überschaubarer Schritte sei für uns sehr wichtig, da wir auf diesem Weg die Bestätigung und die Erfolgserlebnisse bekämen, die wir brauchen. Eine Steigerung der Energieeffizienz im Unternehmen um fünf Prozent wäre solch ein Schritt, der dann weitere nach sich ziehen könnte.

Wir sind alle „Gewohnheitstiere“. Insofern fällt es uns leichter, kleine Schritte zu gehen, die zunächst nur wenig in unsere gewohnten Routinen eingreifen, also konsistent mit unserem bisherigen Lebensstil sind. Wenn ein solcher kleiner Schritt einmal umgesetzt ist, ist nach meiner Erfahrung oft der Bann gebrochen.

7. Kritisch merkte Prof. Schaltegger an, dass Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen häufig zunächst nicht vom übergreifenden/allgemeinen Problem ausgingen (Beispiel: CO2-Emissionen), um dann den konkreten Beitrag des Unternehmens zu seiner Lösung zu nennen.

8. Im an der Leuphana-Universität Lüneburg angebotenen Studiengang Nachhaltigkeitsmanagement werde ein ganzheitlicher Ansatz vermittelt: welches sind zentrale Nachhaltigkeitsprobleme, wie kann man ein Denken in Entwicklungs- und Lösungsprozessen erlernen und umsetzen (sozial – d. h. gemeinsam im Team – und auf kognitiver Ebene; „Anstoßen“ von Diskussionen)…

Ein Ansatz, der dringend notwendig ist, um die bisher in Unternehmen dominierenden, rein betriebswirtschaftlichen Denkstrukturen und -modelle aufzubrechen.

9. Bei der nachhaltigen Entwicklung seien zugrundeliegende wissenschaftliche Fakten, aber auch die Einstellung der Menschen und die ablaufenden sozialen Prozesse zu berücksichtigen.

Wichtig ist, die Menschen „mitzunehmen“. Was nützt eine abgehobene wissenschaftliche Problemdiskussion, wenn der einzelne Mensch daraus keine Verbindung zu seiner persönlichen Lebenssituation herstellen kann?


Anschließend stand Prof. Schaltegger für ein kurzes Interview zur Verfügung:

Herr Prof. Schaltegger, wie hat eigentlich Ihr Engagement für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen angefangen?

Ich komme aus der Schweiz und bin in Basel aufgewachsen. Als Jugendlicher betrieb ich ziemlich intensiv Leichtathletik, vor allem Langstreckenlauf. Da ist mir die Natur ans Herz gewachsen, als ich morgens beim Waldlauf ihre Schönheit hautnah erlebte. Die andere Seite war der Sommersmog, dessen Wirkung ich spürte – dadurch kam ich schon ins Nachdenken.

Das eigentlich prägende Ereignis – praktisch ein „Weckruf“ – war die Dioxin-Katastrophe in Seveso im Jahr 1976. Das dort ansässige italienische Unternehmen gehörte zum Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche mit Hauptsitz in Basel. Dadurch bestanden Kontakte zu Menschen, die dort
arbeiteten, und man kam ins Nachdenken und Hinterfragen, was da eigentlich vor sich ging.

Wann sind Sie dann nach Lüneburg gekommen, und können Sie mir etwas mehr zur Uni Lüneburg und Ihrer Professur für Nachhaltigkeitsmanagement erzählen?

Ich lebe dort mit meiner Familie seit elf Jahren. An der Leuphana-Universität baute ich den Lehrstuhl für Nachhaltigkeitsmanagement (Centre for Sustainability Management) praktisch von der „Stunde Null“ an auf. Finanziert wird das Institut projektbezogen durch Stiftungen, teilweise über staatliche Forschungsförderung und je nach Vorhaben auch durch (Gruppen von) Unternehmen – wir achten aber sorgfältig darauf, in unserer Arbeit unabhängig zu bleiben. Das Thema des Nachhaltigkeitsmanagements bedingt ja auch den internationalen Kontakt mit Unternehmen. Dabei beschränken wir uns auf konkrete Projekte und führen keine allgemeine Beratung von Unternehmen durch.

Und auf der persönlichen Ebene: Welche Schritte haben Sie da schon in Richtung größerer Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit unternommen?

Zum Beispiel beziehen wir Ökostrom und haben unseren Gasanbieter gewechselt (leider habe ich hier nicht mehr genauer nachgefragt, welche Anbieter ausgewählt wurden – diese Info versuche ich hier noch
nachzutragen)
. Auch kaufen wir den allergrößten Anteil unserer Lebensmittel in Bio-Qualität, nicht 100 Prozent, aber fast. Ich habe selbst kein Auto, sondern mich sozusagen „verpflichtet“, meine Wege zur Uni mit dem Fahrrad zurückzulegen (einschränkend muss ich aber sagen, dass meine Frau ein Auto fährt :-)). Bei größeren Reisen werden die Emissionen kompensiert. Ich bin auch Mitglied in
vielen Umweltschutzorganisationen/NGOs. Auf unserem Dach haben wir eine Solaranlage installiert.

Worauf es ankommt, ist, einen solchen Prozess der kleinen Schritte erst einmal in Gang zu setzen – der „Prozessstart“ ist wichtig. Konkrete (auch kleine) Handlungen bringen Erfolgserlebnisse. Die gefundenen Alternativen und Lösungen sollte man dann kontinuierlich reflektieren. Radikale Zielsetzungen sind gut, aber nur erreichbar durch viele kleine Schritte – „Radikalität muss reifen“.

Herr Prof. Schaltegger, vielen Dank für dieses Gespräch.