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Hessnatur kämpft gegen Heuschrecke

Der im Rüstungsgeschäft tätige Finanzinvestor Carlyle will sich den Öko-Textilien-Versender einverleiben
Frank-Thomas Wenzel

BERLIN. Beim Öko-Textilien-Versender Hessnatur geht die Angst um - vor einem Verkauf an den US-Finanzinvestor Carlyle. Geschäftsführung und Betriebsrat sehen die Zukunft des Unternehmens in Gefahr. Die Befürchtung: Kunden könnten dann Hessnatur boykottieren, da Carlyle in der Rüstungsbranche engagiert ist.

Dabei schien die Sache längst vom Tisch zu sein. Hessnatur gehörte einst zur Spezialversand-Sparte (PSG) des untergegangenen Arcandor-Konzerns. Carlyle wurde damals schon Interesse an der Öko-Firma nachgesagt. Ende November wurden aber nur sechs Schwesterunternehmen um das Umstandsmode-Versandhaus Baby Walz für rund 500 Millionen Euro veräußert. Verkäufer war der Karstadt-Quelle-Mitarbeiter-Trust (KQMT), der an etwa 50000 frühere Beschäftigte von Karstadt und Quelle Betriebsrenten zahlt. Die Spezialversender waren in den Wirren um die Pleite der Konzernmutter Arcandor an den Pensionsfonds gefallen.

Unrühmlicher Präzedenzfall

Nach der Transaktion sah es zunächst so aus, als hätten die Amerikaner keinerlei Interesse mehr an Hessnatur. Doch nun sind sie wieder im Rennen. Allerdings sträubt sich das Management des Unternehmens aus dem hessischen Butzbach gegen den Verkauf. KQMT soll dem Vernehmen nach deshalb nun versuchen, die Hess-Geschäftsführung schon in den nächsten Tagen vor die Tür zu setzen, um eine neue Führungsmannschaft zu installieren, damit ein Verkauf an Carlyle doch noch unter Dach und Fach gebracht werden kann.

"Zu solchen Spekulationen äußern wir uns nicht", sagte KQMT-Vorstand Detlev Haselmann. Es gebe eine Reihe von Interessanten, dazu zählten nicht nur Finanz-, sondern auch strategische Investoren. "Auch Carlyle gehört dazu." Es werde aber keine "kurzfristige" Entscheidung über den künftigen Eigner geben. Eine Carlyle-Sprecherin sagte: "Solche Vorgänge kommentieren wird nicht."

Auch Hessnatur-Geschäftsführer Wolf Lüdge will sich zu Personalfragen nicht äußern. Aus seinen Bedenken gegen Carlyle macht er allerdings keinen Hehl: "Hessnatur, groß geworden mit der Friedens- und Umweltbewegung in Deutschland, kann nicht von einem Finanzinvestor übernommen werden, der gleichzeitig in der Rüstungsindustrie aktiv ist." Eine Eigentümerschaft von Carlyle würde "den Kern der Marke und die Community von Hessnatur zerstören."

Auch Betriebsratschef Walter Strasheim-Weitz warnt, da das Unternehmen "womöglich schon nach kurzer Zeit 30 Prozent weniger Mitarbeiter haben könnte. Er befürchtet, dass nach einer Übernahme durch Carlyle die Umsätze augenblicklich wegbrechen, weil sich viele Kunden abwenden. "Die beiden Unternehmen passen so gut zusammen wie der Teufel und das Weihwasser", sagt Strasheim-Weitz.

Er erinnert an den Fall Basic: Vor gut drei Jahren stieg bei dem Biomarktbetreiber der Discounter Lidl ein. Kunden und Lieferanten boykottierten daraufhin das Unternehmen. Basic kaufte schließlich die Anteile zurück. Strasheim-Weitz: "Basic hat lange gebraucht, um das Vertrauen der Kunden wieder zu gewinnen. Dasselbe würde Hessnatur passieren." Die Basic-Proteste wurden maßgeblich von den Globalisierungsgegnern Attac organisiert. Auch bei Hess will sich Attac einmischen. "Wir lehnen grundsätzlich die Praktiken von Finanzinvestoren ab", sagt Jutta Sundermann vom Attac-Koordinierungskreis. Im speziellen Fall komme hinzu, dass ein Investor, der auf Kriegsgerät setze, und ein Versandhaus mit starkem sozialen und ökologischen Engagement überhaupt nicht zusammenpassten. Attac will am Freitag vor dem Firmensitz demonstrieren.

Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/1215/wirtschaft/0036/index.html

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Da frage ich mich doch, ob es nicht bessere und vor allem nachhaltige Alternativen gibt, wie z. B. ein Management-Buy-Out oder eine breite Bürgerbeteiligung an der Finanzierung (z. B. nach dem Modell von Energie in Bürgerhand). Jedenfalls ist Hessnatur viel zu wertvoll, um an einen rein gier- und renditegetriebenen "Finanzhai" verscherbelt zu werden!