Ich habe das Buch von der Utopia Redaktion bekommen und mich gefreut, dass ich die Buchempfehlung weitergeben könnte. Ich beschäftige mich beruflich schon seit langem mit dem Thema Ernährung, Vitaminen und Krankheiten.

Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht darin, die Menschen zu einer für sie angepaßten und gesunderhaltenden Ernährung zu führen. Das schließt die Empfehlung einer Nahrungszubereitung aus frischen Zutaten ein. Auch muß ich erklären, dass eine Ursache der Erkrankungen in den immer mehr werdenden Nahrungsmittelzusätzen zu suchen ist. Diese tun nicht gut und immer mehr Menschen reagieren darauf sensibel.
Auf den ersten Blick - also auch für viele Ärzte - haben die Beschwerden der Menschen nichts mit den Zusatzstoffen zu tun. Wie wunderbar aber, wenn man die Ernährung anpaßt und aus naturbelassenen Zutaten selbst zubereitet, verschwinden viele Beschwerden. Hier möchte ich jedoch vor dem Trugschluß warnen, dass allein die Umstellung auf Naturbelassenes von heut auf morgen zu einer Heilung von Leiden führen kann. Aber es ist ein guter Ansatz, vor allem um gesund zu bleiben.

Hätte ich mir das Buch gekauft, dann wäre es währscheinlich schnell in einer Ecke gelandet. Denn wahrlich neues schreibt der Autor nicht. Der Schreibstil ist mir auch zu negativ und Angst verbreitend. Das hat mit sachlicher Aufarbeitung nichts zu tun.

Auf Seite 50 wird Taurin als "maskuliner Bestandteil" deklariert. Taurin ist eine Aminosäure, die Männer wie Frauen benötigen. Sie hat in unserem Körper verschiedene Aufgaben auf intrazellulärer Ebene. Außerdem schützt Taurin Nevengewebe. Bei Mann und Frau. Daran ist nichts Maskulines und Taurin führt auch nicht zu einer Vermännlichung von Frauen.
Normwerte für Blutwerte weden grundweg pauschal abgelehnt, die Wichtigkeit der Darmflora für den Menschen ebenso. (Seite 52 des Buches).
Auf Seite 62 werden alle Bakterien über einen Kamm geschoren. Bakterien werden in der industriellen Mast eingesetzt. Probiotika können deshalb nur schlecht sein. Der Autor setzt sich jedoch inhaltlich und fachlich in keinster Weise mit den Probiotika auseinander. Korrekt müßte man meiner Meinung nach sagen: Joghurts sind keine Probiotika, das sind Nahrungsmittel. In der Apotheke gibt es Probiotika. Es gibt davon recht verschiedene, die verschiedene Anwendungszwecke haben. Probiotika müssen individuell ausgewählt werden - passend zur Darmflora. Nur so funktioniert es. Fakt ist, dass Clostridien im Darm (und hier meine ich nicht die meldepflichtigen) Toxine produzieren, die demMenschen schaden. Auch Darmpilze, so sie denn Überhand nehmen, können Alkohole produzieren und schaden so beispielsweise der Leber. Über Probiotika kann man die Darmflora dahingehend korrigieren, dass diese Schadstoffbildung eingeschränkt oder verhindert wird. Das ist jedoch Aufgabe von Fachleuten. Ein Joghurt kann das natürlich nicht leisten.

Herr Grimm meint auf S. 65, dass Vitamin C schädlich ist, weil 3 - 4 Gramm täglich zu Magenbeschwerden führen können. Das ist eine derart hohe Dosierung, die man gar nicht problemlos hinbekommt. Ausgehend von einer durchschnittlichen Dosierung eines Supermarktpräprates von 250 bis 300 Milligramm müssen hier bis zu 16 Kapseln!!! täglich eingeworfen worden sein. Kein Therapeut würde das empfehlen. Außerdem wurde nicht geklärt, ob die oft in den Kapseln vorhandenen Beistoffe zu den Magenbeschwerden beigetragen haben.
Wer sich mit Vitamin C befaßt, weiß, dass die Bildung von Nierensteinen eine rein theoretische Möglichkeit ist, an die bei Infusionen im Bereich von über 50 Gramm gedacht werden muß. Eine solche Dosierung ist jedoch in der Eigenmedikation nicht machbar, da es bis zu 200 Kapseln bedeuten würde.
Weiter schreibt Herr Grimm an dieser Stelle zu Vitamin C: "Wissenschaftler .... haben .. Frauen mit Diabetes 15 Jahre lang beobachtet. Diejenigen, die mehr als 300 mg Vitamin C am Tag einnahmen, hatten ein fast doppelt so hohens Risiko, an Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben, als die anderen." Diese Studienwertung ist völlig unklar. Es wird nicht gesagt, wieviel Vitamin C diese Patientinnen tatsächlich zu sich genommen hatten - es kann eine beliebig hohe Menge gewesen sein, die deutlich über dem Bedarf lag. Was war das für eine Kontrollgruppe? Frauen ohne Diabetes? Diabetiker haben statistisch ein viel höheres Risiko an Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben. Oder vergleicht man hier mit Frauen, die etwas anderes eingenommen oder getan haben? Ist der Lebensstil beider Gruppen identisch? Machten beide Gruppen gleichsam Sport? Die Studie wird auch nicht benannt - also es gibt keine Möglichkeit der Auflösung der Fragen. Auf Seite 180 beschreibt Herr Grimm, wie Studien manipuliert wurden durch Unterschlagung von Infomationen über die Probanden der Kontrollgruppe und dass man sie komplett lesen und kennen muß, um sich ein Urteil zu bilden. Diesen Informationsprinzipien sollte sich auch Herr Grimm unterwerfen.
Dass Vitamin C nicht notwendig sei, begründet Herr Grimm mit einer These aus dem Jahre 1933, als das Herstellungsverfahren gerade entdeckt wurde. Forschung darüber gab es zu diesem Zeitpunkt fast gar nicht. Sieht man sich die Vielzahl an wissenschaftlichen Publikationen an, die es seit dem gegeben hat, so hat sich der Kenntnisstand seit 1933 doch erheblich verändert.

In dieser Art geht es durch das ganze Buch. Schwangere sollen keine Folsäure und Kinder kein Vitamin D. Begründet wird das beispielsweise beim Vitamin D mit einem Zwillingspärchen von Jungs, die einen Gendefekt im Kalziumstoffwechsel hatten.
Mit solchen Argumenten den Menschen Angst zu machen finde ich unverantwortlich!
Das Auseinandernehmen der einzelnen Textstellen erlasse ich mir und den Lesern, kann bei Interesse aber nachgeholt werden.

In meiner Arbeit teste ich bei Verdacht Vitamine und deren Marker im Blut. Gerade bei Kranken lassen sich hier oft hohe Defizite finden. Es gibt Erkrankungen, die durch Vitaminmangel begünstigt oder verursacht werden! Hier spreche ich nicht von der Rachitis, die heute nur noch selten ist oder der Skorbut oder Beri-Beri.
Aus welchem Grunde sollte man diese Defizize nicht ausgleichen und das Befinden des Betroffenen damit deutlich bessern? Was spricht dagegen? Nichts.

Ich möchte nicht sagen, dass ich die Anreicherung von Lebensmitteln mit irgendwelchen Stoffen für gut heiße. Da bin ich selbst auch sehr kritisch und kaufe beispielsweise keine Sojamilch plus Kalzium sondern die ohne Zusätze. ACE-Säfte gibt es bei uns grundsätzlich nicht, da ich diese Stoffe nicht unkontrolliert einnehmen möchte. Für mich haben Vitamine, Mineralien und Pflanzenstoffe jedoch eine medizinische Berechtigung, auch wenn sie keine Medikamente sind. Auch sehe ich die Verwendung von Präparaten aus dem Supermarkt kritisch. Sie sind oft unausgewogen zusammengestellt, enthalten unnötige Beistoffe und Allergene. Auch ist es für den Laien schwer erkennbar, was ihm nutzt und was er besser lassen sollte.
Das heißt aber nicht, dass die Anwendung generell schlecht ist.

Wenn man die Vitaminproduzenten der Pharmalobby unterordnen möchte, dann denke ich, dass man da nicht richtig liegt. Ich denke eher, dass die Pharmaindustrie nichts von den Vitaminen hat. Ansonsten würde sie darauf achten, dass bei Statinen gleich das Q10 mit verabreicht werden muß (es gibt Länder wo das Pflicht ist) und bei den Magensäureblockern ein vernünftiges Vitamin B12, welches vom Intrinsic-Faktor unabhängig aufgenommen werden kann. Es gibt Medikamente, die aufgrund der Stoffwechselwirkugnen zu Vitaminmangel führen können. Wer sich dafür interessiert, sollte sich in Sachen Medikamentennebenwirkungen weiterbilden.

Für Laien gibt es auch sehr interessante Bücher über Homocystein, die über die Notwendigkeit von VItaminen aufklären.

Auf Seite 51 spricht sich Herr Grimm gegen übertriebene Pränataldiagnostik und den Druck auf die werdenden Mütter aus. In diesem Punkt untestütze ich Herrn Grimm. Auch ungeborenes Leben, das nicht unseren Gesellschaftsnormen entspricht, ist Leben! Mütter, die ein behindertes Kind nicht töten lassen, werden in der heutigen Gesellschaft stigmatisiert. Die Kinder ebenso.

Ich stimme zu, dass gesunde Menschen bei einer gesunden Ernährung bleiben sollen. Dabei darf die natürliche Bewegung an frischer Luft in ausreichendem Maß nicht vergessen werden. Was dem Biobauern vielleicht noch gelingt, schafft die Sekretärin, die nach Arbeit Ihr Kind holt, Wäsche wäscht und die Familie versorgt, nicht mehr. Unser industrieller Lebensstil, der nicht allein über den Einkaufswagen festgemacht werden kann, hat seine Folgen.
Ist jedoch jemand krank oder fühlt sich schön länger als zwei Wochen nicht optimal, dann sollte man daran denken, dass hier vielleicht etwas nicht stimmt. Sollte streßbedingt oder durch Antibiotika die Darmflora aus dem Gleichgewicht sein, dann darf man ohne schlechtes Gewissen korrigieren. Sollte, wie bei den meisten Menschen, Vitamin D fehlen, darf man auch hier korrigieren. Das hilft dem Immunsystem - das ist mittlerweile bewiesen.

Fazit: Buch bringt nichts Neues, ist mir zu reißerisch und verkauft sich über die Angst. Journalismus sollte neutral sein. Für mich ist das keine Aufklärung. Viele gute Ansätze, die letztlich meinem Gefühl nach in Missionarismus enden. Ich werde es nicht weiterempfehlen.