Vor 2 Jahren habe ich einen Leserbrief zum Thema Castor geschrieben, denn das ist die Gegend, wo ich wohne und mit meinem Mann ein Hotel betreibe :
Es ist doch seltsam, dass die CastorgegnerInnen immer militanter werden. ( Aussage Herr Niehörster in der EJZ vom 14.11.06. Wo es uns doch so gut geht.
Ich persönlich leite mit meinem Mann zusammen ein Hotel, dass unglücklicherweise 3 km von der Bahnstrecke entfernt steht. Gekauft haben wir in einem Moment, als die Transporte ausgesetzt waren. Ob ich das heute noch einmal tun würde – ich weiß es nicht. Die ersten Jahre Transporte waren einfach grauenhaft. Ich bin Castorgegnerin und ja, an unserer Tür ist ein Schild mit der Aufschrift BIO-Hotel und ÖkoPension. Sehr verdächtig. Immer wenn die Einsatzkräfte neu waren konnte man es richtig sehen – „Aha, Öko – da müssen wir besonders gut aufpassen.“ Im ersten Jahr waren auf einmal am Freitag vor dem Transport an Ortseingang und an Ortsausgang je eine Hundertschaft, die sich fertig machte zum Einsatz, Helme, Schilde, Schlagstöcke hervorholte,... Ich rief die Einsatzleitung an und fragte, was das wohl solle; und bekam zur Antwort, sie wollten das illegale Camp räumen. Meine Nachbarn haben übrigens ebenfalls Beherbergungsbetriebe und so reisen des öfteren am Freitag nachmittag ca. 100 Personen im 9 – Seelen Dorf an. So auch an besagtem Wochenende. Auf meine Anfrage hin zogen sich die Einsatzkräfte zurück. Dann kam der Hubschrauber auf der Wiese und schaute in Tagungsraum und Essraum hinein, die leider beide wunderschön verglast sind, mit normalerweise ungestörtem Blick über unser Wiesental. Polizeistreifen alle 15 Minuten mit ca 6-8 Mannschaftwagen, die entweder im Schritttempo an unseren Essräumen vorbeifuhren oder mit 80 durch das Dorf heizten. Ich bekam das erste Mal Kontakt mit Konfliktmanagern, war eher wenig begeistert von der Aufforderung, doch auch mal Verständnis für die Gegenseite zu entwickeln. Gut fand ich den Tipp, näxtes Mal im Vorfeld mich zu melden und zu sagen, das wir wieder Anreise haben. Im Nachhinein erfuhr ich übrigens von unserer Nachbarin, dass sie ihre Schwitzhütte, die ein halbes Jahr im voraus geplant und veröffentlicht worden war, sogar schriftlich angemeldet hatten und eine Bestätigung seitens der Polizei erhalten hatte. Die dann im Nachhinein kommentierte – „Ja halten Sie uns für blöde, dass wir Ihnen das glauben ?“
Unnötig zu sagen, dass keiner der Gäste, die in dem Jahr zu Besuch waren je wieder gekommen ist.
Also, das Jahr darauf meldete ich mich im Vorherein an, Freitag nachmittag - Anreise der Gäste. Das war das Jahr, in dem meine Tochter im Kindergarten vom Waldtag nach Hause kommend von einem Trupp Polizisten, die aus drei um die Kinder herum geparkten Mannschaftswagen stürmten, auf die Strasse getrieben wurden. Die Polizisten trugen übrigens wiederum Helme, Schilde und Schlagstöcke – die Kinder und die KindergärtnerInnen nicht. Im Zuge dieser Aktion lernte ich einen wunderbaren Konfliktmanager kennen. Er kam in den Kindergarten und hat sich so gut und ernsthaft bei den Kindern entschuldigt, hat Ihnen Zeit gegeben, ihn als Menschen unter der Uniform zu entdecken, hat uns Eltern Platz gegeben unsere Wut zu äussern und hat die für mich wichtigsten Sätze der Gegenseite gesagt : „Es tut mir sehr leid. So etwas sollte nicht passieren und keine Kind sollte so etwas erleben. Ich kann mich dafür nur entschuldigen.“ Er hat nicht gesagt, „Sie müssen uns auch verstehen,...“ und ehrlich gesagt, bei mir wird das Verständnis auch immer kleiner – ich wohne hier, das ist mein Zuhause und die die mich belästigen sind die, die mich doch schützen sollten. Zuhause, das selbe Spiel wie immer, alle 15 Minuten Streife, entsetzte und genervte Gäste, Streifenwagen, die gegen Mitternacht auf unserem Parkplatz stehen und laut funken, abgesperrte Straßen zu Zeiten, wenn der Castor noch Tage entfernt war, Angestellte, die nicht mehr zur Arbeit oder nach Hause durften,...
Zwei Jahre später bin ich übrigens in eine Personalienkontrolle mit meiner Tochter geraten, die sich beim Anblick des Polizeibeamten in Uniform wimmernd unter dem Sitz verkriechen wollte. Und sie ist eigentlich ein mutiges Kind.
Im Jahr darauf wechselte die Einsatzleitung – und damit wurde das Klima deutlich angenehmer. Nicht gut – ich glaube, wenn einer Region so etwas gegen ihren erklärten Willen aufgedrückt wird, gibt es keinen Frieden – aber wenigstens war auf Seiten der Polizei ein deutlicherer Wille zu Koexistenz zu erkennen. Und auch die Konfliktmanager waren zugegen, wie jedes Jahr und mit diesmal deutlich erhöhter Bereitschaft zuzuhören. Wir hatten abends sogar mal den Fall, dass die Streifen vermindert wurden, um die Belästigung für unsere Gäste zu vermindern. Letztes Jahr gab es die sehr schwierige Schülerdemo in Lüchow. Und mir fiel auf, dass die Kinder hier in einer sehr problematischen Situation aufwachsen. Sie sehen Polizisten selten im Kindergarten oder der Schule bei Verkehrserziehung und Präventionsaufklärung, aber jedes Jahr wieder in der Castorzeit als diejenigen, die sie in vieler Weise behindern, statt Ihnen zu helfen.
Missverstehen Sie mich nicht – ich halte die Polizei und sehr auch die deutsche Polizei für ein wichtiges Element unseres Staates – ich habe Freunde in Weissrussland und kann mir vorstellen, wie es ist, wenn das Gesetz des Stärkeren herrscht. Und ich respektiere Menschen, die die Entscheidung getroffen haben, mich vor Verbrechern – notfalls auch mit dem eigenen Leben - zu schützen. Ich weiss, dass ich ohne die Polizei nicht so ruhig leben könnte, wie ich es tue und ich weiss auch, dass viel getan wird zur Kontaktverbesserung zwischen Polizei und Bürgern.
In der Castorzeit scheint all dies ausgehebelt. Ich fühle mich wie die Feindin schlechthin – dementsprechend mit wenig Rechten ausgestattet, wenn mein Kind schlecht behandelt wird, muss ich das hinnehmen, wenn meine Gäste schlecht behandelt werden, soll ich das akzeptieren, mein Zuhause ist jedes Jahr einmal im Ausnahmezustand. Und das zum Schutz des Atommülls, des schlimmsten Mülls, den unsere Zivilisation zu bieten hat.
Letztes Jahr, als ich doch schockiert war über das schlechte Verhältnis unserer Kinder zur Polizei habe ich mit einigen Konfliktmanagern – die ich mittlerweile schätzen gelernt hatte - darüber gesprochen, und darüber, was wir tun könnten – denn ich will, dass sich mein Kind in einem Notfall vertrauensvoll an die Polizei wendet. Und als ich vorschlug im Nachfeld der Castorzeit an unserer Grundschule einen Aussprachenachmittag anzubieten, wurde die Idee begeistert aufgenommen, meine Adresse aufgenommen und mir versprochen, dass sich jemand melden würde. Passiert ist nichts.
Und als ich dann endlich – spät zugegebenermaßen, nämlich am Freitag vor dem Transport – noch einmal Kontakt deswegen aufnahm, hatte ich das Gefühl, nicht ganz für voll genommen zu werden. Ich werde es nicht mehr organisieren. Ich handle mir damit nicht nur freudige Zustimmung ein, auch nicht von Seiten meiner Mitstreiter/innen gegen diese unseligen Transporte. Ich hätte es getan, damit unsere Kinder es besser haben, und hätte mich dem Ärger auch gestellt. Aber dafür brauche ich Menschen, die mit mir zusammen so etwas planen, die über Barrieren hinwegsehen können und die im Gegenüber trotz unterschiedlicher Ziele nicht zuerst den Feind sondern den Menschen sehen. Mit unserer neuen Einsatzleitung sieht es ja wohl wieder altvertraut aus – nur dem „Feind“ nicht zu nahe kommen und schön die Schreckensbilder der gemeingefährlichen Demonstranten hochhalten – vielen Dank.
Mit meiner eigenen Tochter habe ich es jetzt so gehandhabt, ich habe Sie zu Ihrer Tante gebracht – ich will nicht, dass sie sieht, wie ich zittere vor Wut, weil wieder so ein schnöseliger Beamter in unserem Dorf nachts schön laut das Anfahren mit dem Auto übt. Und ich bin mit ihr des öfteren zur Wache gegangen – die ersten Male musste ich sie fast hineinzerren, jetzt sieht sie das anders – „Die Polizei ist eigentlich ganz nett – nur in der Castorzeit sind sie anders.“
barbara kenner, BIO - Hotel Kenners LandLust
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