Gesellschaftliche Gleichheit ist in den vergangenen Jahrzehnten gehörig aus der Mode gekommen. Mainstream-Ökonomen haben uns erklärt, man habe Ungleichheiten in Kauf zu nehmen. Mögen sie auch unser ethisches Empfinden verstören - sie seien nun einmal funktional für eine prosperierende Ökonomie, von der letztlich alle etwas hätten, auch die Armen. Gesellschaftsanalytiker haben darauf hingewiesen, dass die Welt nun einmal bunt und das doch schön sei und Gleichmacherei doch niemand wünsche. Wer sich für mehr materielle Egalität eingesetzt hat, und sei es nur eine kleine Prise mehr Egalität, wurde mindestens als naiver Träumer, wenn nicht gar als gefährlicher Kommunist abgekanzelt.



Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat daran nichts Fundamentales geändert. Wer sich also für progressive Reformen einsetzen will, der muss zweierlei klarmachen. Erstens: dass egalitärere Gesellschaften auch ökonomisch funktionstüchtiger sind als die mit groben Ungleichheiten. Zweitens: dass egalitärere Gesellschaften im Allgemeinen besser funktionieren.



Linke Wirtschaftskompetenz



In beiderlei Hinsicht haben Linke einiges gutzumachen. Noch immer hält sich hartnäckig das Vorurteil, es wären die Wirtschaftsliberalen und Konservativen, die "etwas von der Wirtschaft verstehen", während die Linken immer nur Schulden machen und das Wachstum abwürgen wollen. Die linken Parteien haben das Feld der "Wirtschaftskompetenz", wie man das so schön nennt, in den vergangenen dreißig Jahren auf sträfliche Weise den Konservativen überlassen.



Denn Gerechtigkeit - oder in anderen Worten: die faire Beteiligung von möglichst vielen Bürgern am Wohlstand - ist kein langweiliges moralisches Gebot, das im Spannungsverhältnis zu den Geboten der Marktwirtschaft stünde. Gerechtigkeit ist wirtschaftlich nützlich - und chronische Ungerechtigkeit schadet. Weil eine egalitärere Wohlstandsverteilung die Nachfrage hebt, weil mehr Menschen dann ihre Talente entwickeln können und damit zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen. Umgekehrt gilt: Grobe Ungleichheiten in Kauf zu nehmen heißt, dass das Potenzial vieler Menschen ungenutzt bleibt. Gesellschaften mit einem breiten Segment von Unterprivilegierten, Unterbeschäftigten oder Niedrigverdienern verschwenden nicht nur Ressourcen. Sie subventionieren in einem gewissen Sinne sogar unproduktive Unternehmen, die sich nur am Markt behaupten können, weil sie ihren Beschäftigten niedrige Löhne bezahlen. Wenn man das nur lange genug zulässt, dann schadet das dem Produktivitätsniveau einer Volkswirtschaft. All das ist also nicht nur ungerecht, sondern auch ökonomisch unsinnig und ineffizient.



Ein gutes Leben für alle!



Darüber hinaus lässt es sich in egalitäreren Gesellschaften schlicht und einfach auch besser leben. Das wissen wir heute dank verschiedener sozial- und naturwissenschaftlichen Studien sehr gut. Sozusagen: Was man früher schon ahnte, kann man heute empirisch beweisen. Zunächst haben die "Happiness Studies", die mit Langzeitdaten in Hinblick auf die allgemeine Lebenszufriedenheit arbeiten, herausgefunden, dass die Menschen heute keineswegs glücklicher sind als vor fünfzig Jahren und dass die wachsende Lebenszufriedenheit in entwickelten Ökonomien kaum vom Wohlstandszuwachs abhängt, aber sehr vom Grad der Egalität eines Gemeinwesens. Soll heißen: Einkommenszuwächse können sogar unglücklich machen, wenn sie mit wachsender Ungleichheit einhergehen.



Zuletzt ist die Studie "Gleichheit ist Glück - Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind" der britischen Sozialwissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett geradezu eingeschlagen. In Schweden und Großbritannien erklomm ihr Buch Spitzenplätze auf den Bestsellerlisten, der Economist feierte die Studie ebenso wie hierzulande die FAZ. Seit achtzehn Monaten touren die beiden Autoren schon durch alle Welt - vierhundert Lectures haben sie abgehalten, beinahe jeden Tag eine.



Anhand von über zweihundert Datensätzen aus mehreren Dutzend Nationen haben sie so nahezu jeden Lebensqualitätsparameter verglichen und ins Verhältnis zum Grad der materiellen Ungleichheit gesetzt. Das Ergebnis ist eindeutig: Welchen Parameter man auch unter die Lupe nimmt, sei es Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, den Gesundheitszustand der Bürger, die Zahl der Teenagerschwangerschaften, Alkoholismus, das allgemeine Bildungsniveau oder sanfte Faktoren wie die subjektive Lebenszufriedenheit oder das Niveau wechselseitigen Vertrauens der Bürger zueinander - praktisch in jeder Hinsicht schneiden egalitäre Gesellschaften besser ab als weniger egalitäre.



Ausweg aus der Klientelpolitik



Und vielleicht noch wichtiger: Nicht nur den Unterprivilegierten auf den unteren Sprossen der sozialen Leiter geht es besser - auch die auf den oberen Sprossen leben in egalitären Gesellschaften besser als ihre "Kollegen" in ungleicheren Gesellschaften. Aus einer Reihe von Gründen, die wohl damit zusammenhängen, dass der soziale Stress in antiegalitären Gesellschaften für alle negative Folgen hat und dass in diesen wichtige gesellschaftliche Institutionen schlechter funktionieren, was wiederum für alle nachteilige Konsequenzen hat.



Um zu verstehen, warum diese Studie so eingeschlagen hat, muss man begreifen, was uns die Autoren mit ihrer Datenmenge hier vorgelegt haben. Sie liefern eine Argumentationsbasis für so etwas wie die next big idea. Sie liefern für die progressiven Parteien einen Ausweg aus der "Klientelpolitik", weil sie zeigen, dass Umverteilung nicht nur den Ärmeren, also den Profiteuren der Umverteilung hilft, sondern allen - eben deshalb, weil sie ein Gemeinwesen als Ganzes lebenswerter und funktionstüchtiger macht.



Sie zeigen das anhand von Datensätzen real existierender Gesellschaften und beweisen damit, dass es möglich ist, bessere Gesellschaften zu schaffen. Und sie zeigen zudem, dass es nicht um schwer veränderbare kulturelle und sonstige sanfte Faktoren geht, sondern im Wesentlichen um zwei Dinge: die Einkommens- und die Vermögensverteilung. Wenn ich die egalitärer gestalte, werde ich besser funktionierende Gemeinwesen haben. It's that simple. ROBERT MISIK