Durch eine Freundin, die bereits seit Jahren im Wendland lebte und Besuche der alljährlichen Kulturellen Landpartie wurden wir in den Bann von Land und Leuten gezogen. Eine hohe Dichte von Künstlern und Kunsthandwerkern, Biobauern und nicht zuletzt vielen Menschen und Gruppen, die neue soziale Lebenskonzepte ausprobierten, vermittelte das Gefühl, in einem bunten, quirligen Mikrokosmos gelandet zu sein, in dem jederzeit neue kreative Strukturen wachsen und in dem Leben ein großer, spannender Spielraum ist.

Die dünne Besiedelung, die kleinen Dörfchen, oft in der für das Wendland so typischen Rundlingsstruktur, das Fehlen von entseelten Neubaugebieten und die vielgestaltige, wunderschöne Landschaft zwischen dem Höhenzug Drawehn (bis immerhin 142 m) und der Elbe – all das zog uns magisch an und so fiel der Entschluss: Hier lassen wir uns nieder.

Damit würden wir uns eingemeinden in die Fraktion der zugereisten "Luftschnapper", die von manchen Einheimischen, die hier als Bauern oder Beschäftigte in den krisengeschüttelten Betrieben des strukturschwachen Landkreises ums Überleben kämpfen, mißliebig beäugt werden (Podiumsdiskussion zur Zukunft des Wendlandes am 5.5.2009).

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Dagegen machen jedoch auch viele Alteingesessene mit den "Zugereisten" gemeinsame Sache. Die Sorge um das Land durch das geplante Atomendlager in Gorleben brachte viele Einheimische im Widerstand zusammen mit denen, die als Aktivisten anreisten. Und viele blieben da. Etliche leben seit Jahrzehnten im Wendland und haben hier ihre Existenz aufgebaut. Für Neuankömmlinge ist es leicht, in Kontakt zu kommen. Die Offenheit der Menschen und die kulturelle Vielfalt und deren Qualität ist für einen so dünn besiedelten Landstrich einzigartig.

Trotz der Zuzüge von Menschen, die sich hier ihren Traum von Leben auf dem Lande verwirklichen, schrumpft jedoch die Bevölkerung. Höfe werden aufgegeben, viele Bauern finden keinen Nachfolger. Engagierte Menschen im Landkreis bemühen sich, dem Trend entgegenzuwirken und mehr Menschen mit Ideen und Tatkraft anzuziehen. So hat Michael Seelig, der vor 30 Jahren den Werkhof Kukate aufbaute, ein Büchlein herausgegeben, "Landleben im Wendland". Hier wird beispielhaft ein Kaleidoskop von Zugereisten ausgebreitet, die sich hier ihr Leben aufgebaut haben und den Landstrich mit ihrer Kreativität, ihrem kulturellen, ökologischen und politischen Engagement bereichern.

Schließlich war ein Faktor für uns auch nicht unwesentlich: Die geringen Preise für Grundstücke und Immobilien. Wenn man ortsunabhängig ist, kann man hier für einen Bruchteil des Investitionsbedarfs gegenüber dem Hamburger Speckgürtel (zu dem auch noch die Nordheide gehört, in der wir derzeit leben) seinen Traum vom Landeigentum realisieren. Der Preis dafür ist die gering entwickelte Infrastruktur. Ohne Auto ist man festgenagelt und 1-2 Stunden ist man nach Hamburg unterwegs. Auch die Orte, an denen man mit arbeitsfähigem DSL ins Internet kommt, sind noch verstreute Sprengsel auf einer Karte mit großen weißen Flecken. An Abhilfe, so hört man, wird gearbeitet.