Es wird ja gerade immer populärer, die Abkehr vom zinsbasierten Finanzsystem zu fordern. Dabei frage ich mich, wissen die, die dies fordern, was das bedeutet? Und sind sie selbst bereit dafür, ganz zu schweigen von unserer Gesellschaft?

Bis gestern war die ganze Thematik für mich selbst ein eher verwirrender Wust in meinem Kopf, fast eine Blackbox. Menschen, die sich mit dem Zins- und Finanzsystem näher beschäftigen, ergehen sich in finanzfachlicher Terminologie bis ich nur noch Knoten im Kopf habe und mich frage – Ja und? Was bedeutet das für mein Leben? Für die Gesellschaft? Für unsere (gemeinsame) Zukunft?

Fragen, die immer offen bleiben und mich bisher resignierend zurückließen in dem Gefühl, das ist eben zu komplex für mich. Bin halt nicht dafür strukturiert, die Materie zu durchschauen. Dann mach ich eben weiter einfach das, was ich intuitiv für richtig halte.

Vielleicht nichtmal die schlechteste Strategie, aber mein Unterbewusstsein war offenbar trotzdem unbefriedigt, denn es konfrontierte mich letzte Nacht im Traum mit zwei simplen Fragen:

Wer wird denn noch jemand anderem Geld leihen, wenn es keine Zinsen mehr gibt?

Und was wird aus unserem Rentensystem?



Aufgewacht und drüber nachsinnend wurde mir erstmal die Bedeutung v.a. der zweiten Frage für unsere gesamte Gesellschaft bewusst. Nicht nur das Rentensystem sondern unser ganzes Versicherungswesen funktioniert ja nur durch die Geldvermehrung durch Zinsen. Wir können uns unsere Renten (Lebensversicherungen usw.) nur leisten, weil wir über viele Jahre einen überschaubaren Betrag einzahlen und "die Zeit" mit den Zinsen daraus ein Vielfaches macht.

Dieses Vielfache aus den Zinsen, dem kein realer Gegenwert gegenübersteht, ist die Anleihe auf die Zukunft, die wir verknuspern. Und dieses Spiel funktioniert nur bis zu einem gewissen Punkt. Bisher waren es oft Kriege, die zum "Reset" führten; aktuell scheint ein friedlicher Zusammenbruch plausibler, immerhin. Das Muster des immerwährenden Neuaufbaus bis zum Absturz bliebe das Gleiche.

Wenn wir das Finanzsystem neu aufbauen und dieses Szenario vermeiden wollen, indem wir keine Zinsen zulassen – würde das bedeuten, dass wir ein völlig anderes Solidarsystem brauchen als heutzutage. Eins, das zwischen Menschen stattfindet und nicht über anonymisiertes Geld, das wir auf der einen Seite in eine Black Box reinstecken und Jahrzehnte später kommt auf der anderen Seite auf wundersame Weise das x-fache davon heraus. Seit dem letzten Zusammenbruch haben wir auf diese Weise eine Vollkaskomentalität entwickelt, bei der die Rechte des Individuums auf eine unabhängige Lebensgestaltung im Zentrum stehen. Das spiegelt sich in schon satirisch wirkenden Claims wie dem der Postbank "Unterm Strich zähl ich!". (Das ist genau der Strich, der durch eure Rechnung geht, dachte ich, mit fliegenden Fahnen zur GLS-Bank wechselnd.)

Von der Politik wird zwar die "Solidargemeinschaft" beschworen, denn bekanntlich bezahlen wir mit unseren Rentenbeiträgen nicht unsere eigene künftige Rente, sondern die der jetzigen Rentner. Unsere Rechtsprechung hinkt den Realitäten allerdings hinterher, denn noch ist gesetzlich festgeschrieben, dass der Rentenbeitragszahler entsprechenden Anspruch auf künftige Rentenzahlung hat. Ein Recht, das keiner zu garantieren imstande ist und sich mehr und mehr als Illusion erweist. Aber anstatt in Ängsten um eigene "Ansprüche" und der Sorge um das Leben wie wir es kennen steckenzubleiben, können wir doch mal den Blickwinkel wechseln.

Was sehen wir bis dato? Unser eigenes, individuelles Leben, unsere persönliche Entwicklung, all das, was wir uns erarbeitet haben, und voraus, unsere Zukunft, in der wir uns "weiterentwickeln" wollen, unseren Lebensstandard steigern oder wenigstens halten, um schließlich einen beschaulichen Lebensabend zu verbringen. ICH, ICH, ICH, eine lange, scheuklappenbewehrte vertikale Schießschartenoptik. In der alles jenseits des Heute reine Spekulation, reines Wunschdenken ist.

Was IST dagegen tatsächlich? Man könnte mal die Scheuklappen abnehmen und sich in der Horizontalen umsehen, im Heute. Das eigene Eingebettetsein in vielerlei Zusammenhängen wahrnehmen, von Familie, über Freunde, Kollegen bis hin zu all den persönlich bekannten oder unbekannten Menschen, mit denen wir Geschäfte machen, allein schon indem wir unsere Brötchen kaufen oder das Licht anschalten.

Was morgen sein wird, weiß ich nicht, ich weiß aber, dass mein Wohlergehen zu 100% davon abhängt, dass dieses filigrane Beziehungsnetz HEUTE funktioniert. Ich weiß nicht, ob es morgen eine Rentenkasse geben wird, aus der ich schöpfen kann. Vielleicht nicht. Ist das jetzt "ungerecht", wo ich doch treu und brav seit zwanzig Jahren einzahle?

Ich weiß jedenfalls, dass ich nur heute so gut und beschaulich leben kann, weil für die Rentnergeneration aus der derzeitigen Rentenkasse finanziell gesorgt ist. Und dass das überhaupt die Basis ist, auf der auch für meine morgigen Bedürfnisse gesorgt werden kann. (Selbst bei den Reichen wächst mittlerweile die Erkenntnis, dass sie ihren Wohlstand nur genießen können, solange die Ärmeren nicht randalieren.)

Und die "zweite Sicherungssäule", die Private Rentenversicherung: Wer weiß, ob da in zwanzig Jahren noch irgendeine Institution ist, die mir ein paar Heller ausbezahlt. Blödes Gefühl? Mitnichten. Mein Geld in diesem System dient JETZT ökologisch und sozial arbeitenden Unternehmen als Treibstoff, das Beste, was ich damit für eine lebenswerte Zukunft tun kann.

Und wie wird er wohl aussehen, der persönliche Lebensabend ohne Renten- und Lebensversicherung?

Nun, zunächst steht fest, dass ich nicht mit Schlag 65 den Griffel oder die Gartenschaufel fallen lassen werde. Diese Idee vom "Ruhestand" erschien mir schon immer merkwürdig lebensfremd (was mir als Selbständige sicher leichter fällt, als einem Angestellten in ungeliebter Jobmühle).

Und dann ist da das soziale Netz: Die (Wahl-)Familie, die Dorfgemeinschaft, die vielen Verbindungen des alltäglichen Austauschs in der Region. Da wird mir nun bewusst, warum ich mich nicht allzusehr um meine Zukunft sorge, weil das alles Dinge sind, die mir schon immer wichtig waren und die ich seit vielen Jahren verfolge und pflege.

Ich frage mich nur – ist all denen, die ein Zinsverbot fordern, bewusst, dass sie dann irgendwann wohl nicht mehr von irgendwelchen anonym aufs Konto fließenden Überweisungen leben können? Oder welche Idee haben sie davon, wo und wie dieses Geld generiert wird?

Die individuelle Selbstverwirklichung des Einzelnen ist historisch sicher ein wichtiger Entwicklungsschritt. Ich habe selbst enorm davon profitiert, dass es mir möglich war, von zuhause fortzugehen und mich ohne einengende Verpflichtungen meiner persönlichen Entwicklung hinzugeben (die Hand in Hand ging mit meiner Selbständigkeit). Diese Freiheit ermöglicht es mir, die Fähigkeiten zu entwickeln und die Verbindungen zu knüpfen, die mir in jeder Hinsicht wichtig sind und nötig für ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft, statt einer Abhängigkeit von Systemen oder einer Maschinerie von unterbezahlten und überlasteten Dienstleistern.



Und was Frage eins betrifft – Wer wird noch jemand anderem Geld leihen, wenn es keine Zinsen mehr gibt?

Es wird natürlich auch künftig Fälle geben, wo man etwas mehr Geld braucht, als man selbst auf der Kante hat, wenn mal eine größere Investition ansteht. Und der, der das Geld hat und zur Verfügung stellt, hat ein gewisses Interesse daran, von dieser Freundlichkeit auch zu profitieren.

Auch hier wird es einen engeren Bezug geben zwischen Kreditgebern und -nehmern. Projekte im ökosozialen Bereich werden ja bereits häufig mit vielen kleinen Privatkrediten realisiert, bisweilen sogar ohne Zinszahlung. Ein anderes Modell sind Ausschüttungen in Naturalien z.B. bei einem Kredit für einen landwirtschaftlichen Betrieb. Oder die Möglichkeit der Teilhabe und Mitnutzung des künftigen Projekts. Zwangsläufig werden Beziehungen auf diese Weise enger und persönlicher. Der "Finanzmarkt" ist auf einmal kein System mehr, das anonymisiert, reale Werte kaputtspekuliert und die Gesellschaft atomisiert, sondern ein Katalysator, der soziale Beziehungen mit schafft und erhält.

Ein Traum?

Im Hamburger Abendblatt vom Samstag schilderte ein Reporter auf Spurensuche, wie die Griechen auf Kreta mit der Krise umgehen, ein Gespräch mit einem älteren Dorfbewohner. "Hier im Dorf wird niemand verhungern. Wir helfen uns selbst."

Auf den Dörfern wird es sicher einfacher sein, wenn der Geldautomat "klemmt". Aber auch in größeren Gemeinden gibt es immer mehr vielversprechende Keimzellen, von Projekten zur Nachbarschaftshilfe über Alt- und Jung-Wohngruppen bis hin zu Gemeinschaftsgärten in Hinterhöfen und Guerilla Gardening.

Als ob unser Unterbewusstsein schon weiß, was das Richtige ist und es einfach macht, während der Verstand noch hitzig debattiert um den ultimativ richtigen Weg im Slalom zwischen Euros und Regios, D-Mark und Drachmen, Gold und Gemüse.