Ecuador ist ein Entwicklungsland oder ein Schwellenland? Jedenfalls keine Industrienation. Die Lebensunterschiede sind gewaltig und spannend. Einen westlich- europaeischen Blick in ein "armes" Land zu werfen, ist auf jeden Fall eine bereichernde Lebenserfahrung.

Ja, wo fange ich an? Hier in der Region zwischen den Anden herrscht gemaessigtes Klima, das heisst, von der Vegetation sieht es gar nicht sooo anders aus als bei uns. Da es jedoch seit mehr als drei Monaten nicht mehr geregnet hat, ist alles eher blass gruen bis gelb. Das Tal, in das wir vom Leon Dormido aus blicken ist stark zersiedelt. Mauricio (in dessen Gesellschaft wir wohnen) erzaehlte, als er diese Region in den 60er Jahren zum ersten Mal sah, gab es nachts kein einziges Licht im Tal, weil noch niemand da wohnte. Mittlerweile sind hier mindestens drei Staedte, die uebergangslos ineinander ueber gehen. Gerade wird fuer Quito ausserhalb ein neuer Flughafen gebaut, weswegen die Hauptverkehrsstrasse erweitert wird. Daher hat man das Gefuehl man faehrt ewig an einer Baustelle lang und alle leben irgendwie auf/ an der Baustelle. Huebsch hergerichtete Gehwege gibt es nicht, entweder sind es schmale Betonstreifen oder blosser Lehmboden, der staubt. So geht der graubraune Boden ueber in gelbbraune Vegetation und es wirkt eher wuestenartig. Dazu kommt, dass viele Menschen sehr arm und einfach leben. An der Strasse reihen sich Haeuser mit Imbissbudencharme. Die Waende sind meistens nicht verputzt und man sieht auf die blanken Betonsteine, die Daecher sind haufig aus Wellblech. Bei vielen dieser kleinen Haeuser weiss man auch nicht so richtig, ob sie gerade gebaut werden, ob es sich um Ruinen handelt, oder ob sie so wie sie sind, bewohnt werden. Viele sind unten bewohnt und oben ragen nackter Beton und Stahl empor. Es gibt viele straeunende Hunde und sehr viele Strassenverkaeufer.... das klingt jetzt alles irgendwie abwertend, aber so fuehlt sich wohl der Kulturschock fuer einen Europaeer an. Fuer die Leute hier ist es ja nun einfach so und es ist so in Ordnung und trotz oder vielleicht auch wegen all dem, scheint das Leben hier freier und offener fuer kreative Ideen.
... Busfahren hier ist ein Erlebnis. Die Busse sind alt, der Motor ist laut und auf den Strassen wird man ganz schoen durchgeschaukelt. Die Tuer vorn ist meist auch waehrend der Fahrt offen und neben dem Fahrer gibt es jemanden, der das Fahrtgeld entgegen nimmt. Eine einstuendige Fahrt kostet 50 Dollarcent (!). Zwar gibt es Haltestellen, aber man kann durch Handzeichen auch zwischendurch zu und aussteigen. Es ist ueblich, dass landestypische froehliche Musik im Bus zu hoeren ist, wenn sie es schafft, gegen den Motor anzukommen. Selbst im Bus steigen staendig Verkaeufer zu und verkaufen Suessigkeiten, Eis (!) und Filme (in A5 grossen Pappen mit dem Bild des jeweiligen Films drauf; der Verkaufer kommt rein, gibt jedem der will, einen Stappel in die Hand, den er eine Weile durchstoebern kann bis er sich entscheidet). Mit Kindern finde ich das Busfahren sehr angenehm, da es nicht schlimm ist, wenn sie mal lauter sind. Es herrscht halt keine drueckende Stille wie bei uns.

Zum Einkaufen kann man entweder einen kleinen kramigen Laden nutzen, von denen sich unzaehlige am Strassenrand reihen oder man nutzt einen grossen Supermarkt, der den unseren nicht unaehnlich ist. Viele Lebensmittel sind sehr guenstig, imporierte aber sehr teuer. Man merkt die Dominanz grosser Konzerne, vor allem Nestle, von denen man fast alles kaufen kann: Milch, Kakao,Cornflakes, Schokolade,... Es gibt einige Fruechte, die wir in Deutschland nicht kennen, z.B. Baumtomaten, bei Bananen gibt es viele verschiedene, grosse, kleine, gruene, gelbe, rote. Und es gibt sehr viele Bohnen. Zwiebeln kauft man schon geschaellt... gerade bei Ananas, Melone und Bananan ist es ein schoenes Gefuehl, dass man sie hier heimisch kauft :) Endlich mal mit gutem Gewissen!
Wenn man sich oekologisch ernaehrt, hat man es hier jedoch sehr schwer. Es gibt zwar ein paar Biolebensmittel, aber nur sehr wenige, geschweige denn Oekowindeln, Sonnencreme oder Zahnpasta. Salz gibt es nur mit Fluor und Jod, selbst im Mehl sind meist 9 Zutaten (neben Vitaminen sogar schon Backpulver) und wenn man nicht aufpasst, ist selbst im Naturjoghurt Zucker. Generell sind hier allem und jeden irgendwelche Vitamine oder so zugesetzt.
An der Kasse steht immer ein zweiter Mensch, der einem alles in kleine Plastiktueten einpackt.
Wenn man essen geht, kann man schon fuer drei Dollar ein Gericht bekommen. Das ist dann meist Reis oder fritierte Kartoffeln mit Salat und Fleisch (meist Huhn, typisch scheint aber auch Forelle zu sein). Manchmal gibt es gebratene Bananen dazu... was ich sehr lecker finde. Wenn ich, da ich kein Fleisch ohne kbT esse, nur nach Gemuese und Kartoffeln frage, werde ich manchmal irritiert angeguckt. Fleisch gehoert eher zu den Grundnahrungsmitteln.

Auf den Bergen zu wandern ist wegen der Aussicht unglaublich schoen und erinnert ein bischen an die Alpen, wenn dann da nicht doch ein paar meditteran anmutende Pflanzen waeren. Man muss sich gut vor der Hoehensonne schuetzen un der Wechsel von unglaublich warm zu sehr kalt (weil auch sehr windig) kann sehr schnell vonstatten gehen. Im Tal sieht man neben den Staedten, einige Gewaechshaeuser (bei uns wachsen Rosen darin) und immer mal wieder Rauchsaeulen von Waldbraenden (was jetzt vielleicht bald aufhoert, da die Regenzeit anbricht; gestern hates zum ersten Mal richtig doll geregnet)

Was ist noch anders? Da die Strassen sehr geraeumig sind, fahren hier richtige amerikanische Trucks mit ausladender Schnauze.
Da auch das Taxifahren nicht so teuer ist, nimmt man sich hier leichter mal eins. Typisch sind auch Sammeltaxis, Camionettas genannt, wo man zum Teil hinten offen wie bei einer Kutsche draufsitzt.

Im krassen Kontrast zu der offensichtlichen Armut der Menschen, tragen alle Schueler Schuluniform.

Die Leute sind eher aufgeschlossen, neugierig und freundlich und gespraechig. So wurde ich schon mehrfach in den kleinen Laeden angesprochen und trotz meinem offensichtlich mehr als mangelhaften Spanisch einmal von der Verkaeuferin zugequatscht. Ein anderes Mal schenkte mir eine aeltere Frau nach einem kurzen Gespraech zwei Aepfel. Viele finden auch Frederike bezaubernd und wollen sie gern mal auf den Arm nehmen.

Tuecher werden viel genutzt um damit um die Schulter oder die Stirn gebunden Lebensmittel, Pflanzen oder schlafende Kinder zu transportieren. Kleine Babys werden aber auch haeufig einfach so auf dem Arm getragen. Kinderwagen hab ich noch keine gesehen.

Die Berge und die Weite sind trotz der starken Besiedelung im Tal wunderschoen anzusehen und zu bewandern (auch wenn es ueblich ist, eigenes Land mit Stacheldraht abzugrenzen). Und auch wenn es erschreckend ist, wie sich die Siedlungen durch das ganze Tal gefressen haben, ist gerade das nachts atemberaubend schoen. Die Lichter der Staedte sehen im schwarz der Nacht aus, wie eine funkelnder (und wegen der Tageshitze) flimmernder Sternensee. Und wenn die Abendsonne die vom Wind bewegten Blaetter der Baume silbern schimmern laesst, dann sind das die Momente, in denen sich man ins Land verliebt... :)